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      kunst Moritz Gaudlitz 21 Januar 2016

      100 seiten kunst für 10 euro

      Von wegen Print ist tot. Das Projekt „100for10" aus München kam vor knapp einem Jahr auf die Idee, Kunstbücher auf Anfrage zu produzieren. Wir trafen Herausgeber Lars Harmsen.

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      Frank Höhne

      „Billig, schnell und dreckig. So mag ich das." - Angelehnt an ein Zitat des schweizerisch-amerikanischen Fotografen Robert Frank, der 2014 in der Münchner Akademie der Bildenden Künste seine Fotografien in einer großen Werkschau nur auf gedrucktem Zeitungspapier präsentierte, entstand im Februar letzten Jahres die Idee für das Projekt des deutschen Grafikdesigners Lars Harmsen.

      Billig und schnell ist in der heutigen Internetwelt vieles, vor allem, wenn es um künstlerische Inhalte geht. Gerade im Bereich Grafik und Illustration arbeitet man oft so schnell, dass der produzierte Inhalt im Moment seines Erscheinens schon längst überholt ist oder in der Masse untergeht. Lars Harmsen hat durch seine langjährige Arbeit und als Herausgeber des Slanted Magazins weltweit viele Kontakte in der Fotografie, der Mode oder der bildenden Kunst gesammelt. Als er auf die Druckerei Lulu aufmerksam wurde, die weltweit nur auf Anfrage produziert und online versendet, entwickelte sich aus der Idee zu einem Künstlerbuch das Projekt 100for10, erzählt Lars Harmsen in seiner Agentur Melville Brand Design in München.

      „In erster Linie ist es für Leute gedacht, die schreiben und keinen Verlag finden, aber auch nicht im Eigenverlag publizieren wollen. Wir haben dann einfach mal getestet, wie gut Daten im Druck aussehen, die Strichzeichnungen oder Fotografien sind. Es hat gut funktioniert. Und der Preis gab dann dem Projekt den Namen, so dass wir 100 Seiten für 10 Euro verkaufen können. 2,50€ gehen an den Autor, 2,50€ an die Druckerei. Der Vertrieb bekommt ein Viertel und uns bleibt dann auch noch ein Anteil."

      Im letzten Jahr wurden Kreative aus sämtlichen Bereichen gefragt, Inhalte für ihr persönliches 100-seitiges Buch im schwarz-weiß Print zu produzieren - ohne Vorgabe durch Harmsen oder bestimmte gestalterische Kriterien. Jeder Künstler war frei in seiner Arbeit für sein Buch, das jetzt online on demand bestellt werden kann. Die Auswahl der Contributors übernehmen Lars Harmsen und seine Partner, denn es soll eine gute Mischung an Kreativen für das Projekt gewonnen werden.

      „Es ist ganz klar, dass wir uns die Leute aussuchen und sagen, wir würden dich gerne in dieser Publikationsreihe sehen. Denn nur so entsteht eine interessante Mischung aus Stilen und Geschichten. Der erste Schritt war, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich schon kenne, jetzt kommt der Schritt, auf Leute zuzugehen, die ich noch nicht kenne, deren Arbeit ich aber schätze. Wir haben jetzt vor, auch mit Kreativen aus anderen Bereiche zusammenzuarbeiten, mit denen ich noch nicht so vertraut bin wie zum Beispiel Mode."

      Derzeit gibt es knapp 50 Ausgaben, weitere sind aber bereits in Planung. Manche Bücher entstehen langsam, manche sehr schnell. So hat der Berliner Illustrator Frank Höhne Inhalte für sein Buch auf zwei Zugfahrten gezeichnet. 50 Seiten auf der Hinfahrt und die anderen 50 Seiten auf der Rückfahrt. Es heißt deshalb auch ganz einfach „5 Stifte Hin + Rückfahrt".

      „Durch die Einschränkung auf schwarz-weiß eröffnet es dem Künstler neue Möglichkeiten. Damir Doma hat beispielsweise sein Buch als Skizzenbuch für die neue Kollektion entwickelt. Die meisten Autoren haben schon verstanden, dass es ein Format ist, um Sachen auszuprobieren. Es gibt wenige Publikationsformen, bei denen du schnell was aus dem Bauch herausmachen kannst. Das kann auch nach hinten losgehen, denn es offenbart dein Mindset. Was mir so gut daran gefällt, ist, dass es so entlarvend sein kann. Es zeigt nämlich auch manchmal Dinge, die nicht so geschmeidig sind."

      Künstlerische Visionen und Vorstellungen, die nicht immer völlig ausgereift sind, in Publikationen zu zeigen ist eine schöne Idee in einem Zeitalter, in dem uns digitale Inhalte, die ebenfalls nicht völlig ausgereift sind, jeden Tag überfluten. Wie für viele andere Grafiker auch, spielt aber nicht nur die Haptik des Buches eine Rolle für Lars Harmsen:

      „Grundsätzlich finde ich, dass man in einer Zeit, in der fast alles digital zu holen und sichtbar ist, dem etwas entgegensetzen muss und zwar etwas, das trotzdem schnell ist, obwohl es nicht digital, sondern analog ist. Ich sehe das Verhalten auch an meinen Studenten, die ganz wenig Magazine oder Bücher kaufen, auf der anderen Seite aber gibt es die Begeisterung für Greifbares. Das funktioniert in der Weite des Netzes nicht mehr. Unser Medium ist ein schnelles. Denn 10 Euro tun nicht weh. Außerdem kann man die Bücher dann sammeln. Wir streben die 100 Ausgaben an und wollen eine Art Kollektion."

      Die Kollektion gibt dem Projekt einen Modecharakter, aber anders als in der Mode und auch ganz anders als im herkömmlichen Verlagswesen, wird bei 100for10 nur das produziert, nur das Buch gedruckt, das der Kunde im Internet auswählt und bestellt. Keine Überproduktion, kein Papierverschleiß, ob nun Damir Doma, Frank Höhne oder bei den Büchern anderer Kreativer wie Grafikdesigner Mirko Borsche, Illustrator Martin Fengel oder die britische Künstlerin Anna McCarthy.

      Mit herkömmlichen Kunstbüchern lassen sich die Ausgaben von 100for10 nicht vergleichen. Es sind Skizzen, Momentaufnahmen, Ideen und Versuche. Also vielmehr wie Tagebücher. Und in Tagebücher, da wollten wir doch schon immer hineinsehen.

      http://100for10.com/

      Credits

      Text: Moritz Gaudlitz 

      Bilder via 100for10: Frank Höhne, Damir Doma, Martin Fengel

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      Themen:münchen, kunst, damir doma, 100for10, fotografie, grafikdesign, lars harmsen

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