In den Kreationen des Jungdesigners ioannes steckt viel Unvollkommenheit, Charakter und Schweiß

Der CSM-Absolvent hat uns verraten, warum ihn Perfektion langweilt und was es heutzutage als junger Kreativer braucht, um aus der Masse herauszustechen.

von Juule Kay; Fotos von Marius Uhlig
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08 November 2017, 2:15pm

"Es sollte 'know thyself' auf der Türschwelle zum Central Saint Martins stehen." Mit diesen Worten fasst Johannes Boeh Cronau, der Designer hinter ioannes, sein Masterstudium an einer der renommiertesten Modeschulen zusammen. Sich selbst zu kennen, ist wohl eine der größten Herausforderungen, vor der der Mensch sein Leben lang steht. Manche brauchen Jahre dafür, herauszufinden, wer sie eigentlich sind und vor allem sein wollen. Für Johannes war dagegen schon früh klar, welchen Weg er einschlagen möchte – wenn auch nur unterbewusst. Schon als Kind wusste der deutsche Designer, welches Potenzial sich hinter einem Stück Stoff verbirgt und übersetzt dieses nun in seine Debüt-Kollektion a thing to wear, die sich auf handwerkliche Intuitivität und kindliches Entdecken stützt.

Die größte Inspiration findet der Modedesign-Absolventen dabei auf Reisen – so verschmilzt in ioannes SS18 Kollektion die klare Ästhetik Japans mit der italienischen Renaissance-Kunst. Kein Wunder also, dass a thing to wear von der wortwörtlichen Übersetzung des japanischen Worts Kimono abgeleitet ist (kiru = Anziehsache und mono = Ding). Welche Ideen hinter Johannes Debüt-Kollektion stecken und was wir über uns wissen sollten, bevor wir mit dem, was wir tun, erfolgreich werden können, hat uns der deutsche Designer im Gespräch verraten.


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Was steckt hinter deiner SS18 Kollektion a thing to wear?
Ich mag es, mich jeder Kollektion von einem abstrakten Standpunkt zu nähern. Besonders die erste Phase genieße ich am meisten, wenn du ein Stück Stoff um eine Schneiderbüste oder ein Model wickelst und siehst, wie daraus etwas Tragbares wird. Ich möchte zeigen, dass hinter jedem Design ein Prozess, vielmehr ein Handwerk, steckt. Viele wissen heute gar nicht mehr wirklich, was es eigentlich braucht, um ein Kleidungsstück zu kreieren, und wie viel körperliche Anstrengung dahinter steckt. Alles, was die Menschen am Ende davon sehen, ist die spektakuläre Show. Deswegen sehe ich mich selbst mehr als ein Schneider des 21. Jahrhunderts.

Was braucht etwas, um deine Aufmerksamkeit zu erregen?
Nachdem ich durch Japan gereist bin, habe ich mich in das traditionelle Schneidern verliebt. Ich bin wie besessen von der Idee, dass ein Kleidungsstück sowohl eine Sache, die man tragen kann, als auch ein für sich alleinstehendes Objekt sein kann. Kimonos sind ein gutes Beispiel dafür: Sie werden nicht nur getragen, sondern oft auch als hängende Teile präsentiert und bewundert. Wenn etwas seine poetische Essenz beibehält, die ihm durch seine Kreation verliehen wurde und der erste Gedanke dahinter immer noch sichtbar ist, finde ich das extrem faszinierend.

Wie sieht dein Prozess von der Idee bis zum fertigen Kleidungsstück aus?
Anfangs wollte ich eine reine Kleider-Kollektion machen, bis mich die Idee nach einer Weile gelangweilt hat. Also habe ich angefangen, über grundlegende Basic-Teile nachzudenken. Mich hat diese Idee begeistert, eine Steppjacke so zu drapieren und zuzuschneiden, sodass sie eine Art Decke ist, die man sich unkompliziert überwerfen kann. Jedes Kleidungsstück sollte die Fähigkeit haben, diese anfängliche und einfache Idee mit einer meisterhaften Ausführung zu veranschaulichen. Wenn ein Kleidungsstück mehr als drei Fittings braucht und sich nicht intuitiv und einfach anfühlt, lasse ich für gewöhnlich davon ab.

Neben deiner Kollektion hast du im Palais de Tokyo in Paris auch eine Videoinstallation und eine dokumentarische Publikation präsentiert. Das setzt die Kollektion in einen sehr künstlerischen Kontext, der sich mehr wie eine dreiteilige Performance anfühlt.
Es hat alles mit einem vom Palais de Tokyo Fashion/Art Programm in Auftrag gegebenen Video begonnen, das während der Fashion Week gezeigt werden sollte. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, die Vorgehensweise zu präsentieren, die ich mir hinter ioannes als Marke vorstelle: Ein multidisziplinäres Modehaus, das sich auf Kreation, Kollaboration und Installation konzentriert. Meine Ideen beschränken sich nie nur auf die Kreation der Kleidung. Der Einsatz von Video, Print und Performance als Teil der Ästhetik und Kultur der Brand erlauben mir, großzügig und hoffentlich inspirierend zu sein. Ich kam gerade erst vom CSM, also war es auch die perfekte Möglichkeit, einfach zu machen und zu zeigen, was mich wirklich interessiert – etwas, das ich an der Uni nie einfach so tun konnte.

Ist die Kunst das, was dich in erster Linie inspiriert?
Kunst ist unglaublich wichtig für mich. Ich habe eine sehr tiefe, emotionale Beziehung zu einigen Kunstwerken und Künstlern, die mich immer wieder aufs Neue inspirieren. Ich liebe die frühen italienischen und nordischen Renaissance-Meister wie Piero Della Francesca oder Jan Van Eyck und könnte mir stundenlang Gemälde von abstrakten Expressionisten anschauen. Außerdem lese ich sehr gerne über Architektur. Während meines Masterstudiums war ich total besessen von Arno Brandlhubers Anti Villa – mein Ziel ist es, genauso radikal in meinem Schaffen zu sein, wie es dieses Gebäude ist.

Welchen Tipp, aus deinem Studium am Central Saint Martins, hat dir besonders weitergeholfen?
Es sollte "know thyself" auf der Türschwelle zum CSM stehen, wie beim Orakel von Delphi. Das Studium hat mir die Zuversicht gegeben, Ideen sofort auszuprobieren und nicht lange zu warten. Es war wohl die brutalste Zeit meines Lebens, aber am Ende geht es darum, alles zu genießen – und wenn du das nicht tust, solltest du es auf eine andere Art versuchen, bis du eine Arbeitsweise entwickelt hast, die zu dir und deinen Ideen passt. Dafür fehlt es leider an Interaktion und Dialog mit der Welt außerhalb dessen. Es ist auch ein ziemlich einsamer Ort. Alles, was ich wirklich will, ist es, zu diskutieren, Ideen auszutauschen und zu sehen, wie Leute, mit denen ich zusammenarbeite, reagieren und meine anfänglichen Gedanken bearbeiten und weiterbringen.

A thing to wear beschäftigt sich vor allem mit der Unvollkommenheit. Was macht dieses Unvollendete so spannend für dich?
In einer Welt, die von Perfektion und massenproduzierten Objekten besessen ist, ist es gerade das Potenzial, das in dem Unvollendeten liegt und zum Beispiel in japanischer Keramik zu finden ist. Ihre Rohheit hat eine gewisse meditative Qualität, die mich beruhigt und einen wirklichen Dialog mit den Objekten ermöglicht. Erst das verleiht ihnen den Charakter.

Was braucht es als junger Kreativer heutzutage, um aus der Masse herauszustechen?
Es ist wichtig, sich selbst zu fragen, von welcher Masse du herausstechen und wem du genau gefallen möchtest – und natürlich warum und was du zu bieten hast.

@ioannes

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