Anzeige

erinnerungen an die boys des „xy magazine“

Colin Crummy lebte Anfang der 2000er Jahre in San Francisco. Für uns erinnert er sich an die wilde Zeit, das „XY Magazine“ und den queeren Aktivisten Michael Glatze, der erst bei XY arbeitete und dann als Prediger Homosexualität ablehnte.

von Colin Crummy
|
30 März 2015, 10:25am

Ich habe im Sommer 2001 in San Francisco gelebt. Ich war 21, offen schwul und arbeitete in einem Callcenter eines Hypothekenmaklers, wo ich morgens damit beschäftigt war, betrunken meinen besten Freund anzurufen, der am anderen Ende der Stadt gearbeitet hat und der auch noch nicht nüchtern war. Wir erzählten einander, was wir in der Nacht davor erlebt hatten und brachen in schallendes Gelächter aus, weil wir die Leertaste auf unseren Tastaturen nicht finden konnten. Kein Wunder, dass es zum Finanzcrash kommen sollte.


Auch auf i-D: Wir haben Popstar Charli XCX Zuhause besucht


Ich war jung, richtig jung. Damals gab es nicht so viele andere junge Leute in der Bay Area. Ich tanzte im The End und im The Eagle und ich wunderte mich, wo all die anderen Kids geblieben sind. Sonntags hingen wir im Amoebe Records Store im Stadtteil Haight-Ashbury herum und kauften CDs von Magnetic Fields; nicht der Ort um unter 21-Jährige zu treffen. Verließ jeder unter 25-Jährige im Juli San Francisco?

Wie sich herausstellte, gab es junge Schwule in San Francisco, zumindest auf den Seiten des XY Magazines. Das erste Mal fiel mir das Magazin in einem Buchladen im Schwulenviertel Castro in die Hände. Das Magazin war überall in den USA erhältlich und unterschied sich von allen anderen Blättern, weil die Leute, die dran arbeiteten so jung waren. Alle zwei Monate warteten wir sehnsüchtig auf die neue Ausgabe. Am Cover waren immer die süßesten Boys, die immer unglaublich sexy waren und nie schmierig. Von jungen Schwulen für andere junge Schwule war das Motto. Es diente nicht zur Unterhaltung von perversen alten Männern, obwohl die wahrscheinlich die Hauptleserschaft ausmachten.

XY spielt eine wichtige Rolle im neuen Film I am Michael, in dem James Franco den ehemaligen XY-Mitarbeiter und Schwulenaktivisten Michael Glatze spielt, der eine dramatische Wandlung hin zum christlichen Prediger, der Homosexualität ablehnt, vollzieht. Das Magazin repräsentiert im Film alles, was Michael später entschieden ablehnt: schwul, frei und glücklich zu sein.

„Dieses Schwulenmagazin ist größenwahnsinnig". Laut den Magazinmachern war das Durchschnittsalter der Leser 22, aber das wurde vielleicht auch nur gesagt, um die Werbekunden davon abzuhalten, auf deren Türmatte in San Francisco zu erscheinen. Was auch ganz gut klappte. Die Seiten des Magazines waren mit persönlichen Bildern ihrer Leserschaft und Geschichten wie „My Favourite Boi" über amerikanische Teenager, ihre ersten Beziehungen und schlecht sitzende Frisuren gefüllt. Die Geschichten im Magazin sprachen eine Zielgruppe an, die vorher ignoriert wurde. Antworten wurden auf die Frage, was man als 16-Jähriger an einem Freitagabend machen kann, gefunden und auch alt bekannte Männerprobleme wurden angesprochen, neben Ratgeberkolumnen über Hypnosetherapie für einen größeren Schwanz. XY war radikal, weil es offen über die schwule Jugend berichtete: dass sie Sex hatte, dass sie nach Liebe sucht und dass sie sich Sorgen über ihre Schwanzgröße macht, wie jeder männliche Heranwachsende auf der Welt auch.

Die Macher hatten auch keine Angst davor, prickelnde oder riskante Themen aufzugreifen. So schickten sie Mark Simpson zum Beispiel mit dem Auftrag los, einen Marinesoldaten in Tijuana aufzugabeln oder zeigten ein Model mit Arschritze auf dem Cover. Trotzdem wurden sie ihrem jungen Publikum immer gerecht und boten Überlebenshilfe für die schwule Jugend, geschrieben von Redakteuren, die auch jung und schwul waren und sich in die Situationen der Leser hineinversetzen konnten. Einer dieser Mitarbeiter war Michael Glatze, dessen Geschichte im Zentrum von I am Michael steht. Die Geschichte des Films setzt zu der Zeit ein, als Michael auf Benjie Nycum (gespielt von Zachary Quinto) trifft und sich in ihn verliebt. Die zwei Jungs machen rum, spielen Tori Amos am Piano und haben Bad-Hair-Days - die Flitterwochen ihrer zehnjährigen Beziehung.

Doch bald beginnen die Probleme. Benjie findet im kanadischen Dullsville einen neuen Job und das Paar verlässt San Francisco und das Magazin. Ohne seine Rolle als queerer Aktivist und Redakteur in der Großstadt fühlt sich Michael verloren. Er ist Waise und wendet sich nach einem vermuteten Herzanfall Gott zu. Das Paar holt sich einen Dritten in die Beziehung in Form des heißen und jungen Teenagers Tyler (gespielt von Charlie Carver). Tyler könnte ohne Probleme auf dem Cover von XY erscheinen. Michael gründet ein neues Teenie-Magazin, Young Gay America, und zu dritt reisen sie durch Amerika und filmen eine Dokumentation über das junge schwule Amerika. Dabei trifft Michael auf einen jungen Mann, der Christ und schwul ist und der seinen agnostischen Standpunkt ins Wanken bringt. Das ist der kritische Moment im Film, an dem Michael sich von seinem schwulen Leben verabschiedet, bevor er sich 2007 vollständig davon abwendet, in dem er in einem öffentlichen Blogeintrag alles ablehnt, was er davor getan hat.

Im gleichen Jahr schloss XY seine Türen. 2010 meldete der Gründer Peter Cummings Insolvenz an. Und in einer Geste, die zeigt, dass das Magazin wirklich die Sprache der schwulen Jugend gesprochen hat und sich ernsthaft mit ihnen verbunden fühlte, verweigerte Cummings Investoren den Zugang zur Abonnentendatenbank des Magazines, um die Privatsphäre der potenziell minderjährigen, versteckt schwul lebenden Leserschaft zu bewahren. Auch wenn ein Mitarbeiter wie Michael vom Kurs abkam, und I am Michael versucht sein Lebenswandel so gerecht wie nur möglich darzustellen, XY blieb seiner jungen, schwulen Leserschaft bis zum Ende treu.

I am Michael lief auf der 65. Berlinale. Der Film wird Mitte/Ende des Jahres in die deutschen Kinos kommen.

Zum Onlinearchiv des XY Magazins gelangst du hier.

Credits


Text: Colin Crummy