naomi klein im gespräch über mode und klimawandel

Wir trafen Naomi Klein, die preisgekrönte kanadische Autorin, Journalistin und politische Aktivistin, und sprachen mit ihr darüber, wie die Modebranche dabei helfen kann, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

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Apr. 28 2015, 11:15am

„Es ist ein Krieg um Informationen", sagt die Autorin Naomi Klein zu Journalisten bei einem Öl-Pipeline-Protest in ihrer kanadischen Heimat. „Es ist ohne Zweifel ein Krieg um Informationen und wir stehen der reichsten Industrie in der Geschichte gegenüber." So ist es. Kleins neuestes Buch Die Entscheidung: Kapitalismus versus Klima, eine detaillierte dennoch verständliche Lektüre, füllt eine große Informationslücke. Das Buch zeigt die Lücke zwischen der ökologischen Bewegung und den durch Menschen verursachten Klimawandel und wie die Realität aussieht auf; eine Realität geprägt von Bürgerrechts-, Anti-Kriegs-, Anti-Austeritäts-, Energiearmuts- und Generationengerechtigkeits-Bewegungen. Klein beleuchtet den Unterschied zwischen der Mainstream-Einstellung, wie wir den Klimawandel bekämpfen können - Elektroautos, LED-Energiesparlampen und Recycling -, und den Ansichten von Top-Ökonomen, Wissenschaftlern und Denkern, die an Lösungen arbeiten.

„Wir befinden uns in der von einigen Aktivisten bezeichneten Dekade Null der Klimakatastrophe", schreibt die Kapitalismuskritikerin in der Einleitung zu ihrem Buch, in dem sie darauf hinweist, dass sich 2017 das Zeitfenster schließe, in dem wir die globale Erwärmung auf 2 °C begrenzen müssten. Wie der deutsche Titel ihres Buchs vorschlägt, handelt es sich um ein dialektisches Entweder-oder: das kapitalistische System befindet sich im Krieg mit unserem Planeten. Ihr Buch bringt dich auf den neuesten Stand der weltweiten Klimadebatte.

Dein Geschäftsmodell befindet sich im Krieg mit dem Leben auf der Erde und wir wollen nicht mit euch verhandeln, wir wollen da raus.

Wir sprachen mit ihr, als sie sich im heimischen Toronto auf ihre zweite internationale Buchtour vorbereitet. Das Buch wird von einer Website flankiert, auf der regelmäßige Beiträge von verschiedenen Autoren veröffentlicht werden; es wird eine Dokumentation von ihrem Ehemann Avi Lewis geben, in dem viele der Klimaaktivisten aus dem Buch zu Wort kommen werden. Klein ist ebenfalls im Vorstand der Klimaschutz-Organisation 350.org, die eine globale Divestment-Bewegung ins Leben gerufen hat. Die globale Divestment-Bewegung ruft jeden dazu auf, Institutionen dazu zu drängen, nicht in von fossilen Brennstoffen abhängige Projekte zu investieren.

„Als ich vor ein paar Jahren beim Start in Boston dabei war, hat es sich angefühlt, als ob ein Damm gebrochen wäre", sagt Klein und beschreibt die Atmosphäre bei der Veranstaltung 2012. „2000 Leute waren da, bevor wir überhaupt ein Wort sagen konnten; so groß ist die Begeisterung. Wir sagen, ‚Dein Geschäftsmodell befindet sich im Krieg mit dem Leben auf der Erde und wir wollen nicht mit euch verhandeln, wir wollen da raus.' Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Ich fragte mich, wieso wir solange gewartet haben, bevor wir zugegeben haben, dass es um Macht geht; dass es ums Geld geht."

Die Tage, in denen sich die Modebranche einen grünen Anstrich geben konnte, sind vorbei. Wir haben jetzt eine viel größere Chance.

Zwar thematisiert Klein in ihrem neuesten Buch die Modebranche nicht direkt - sie hat Höheres im Sinn -, aber sie behandelte Marken und Marketing bereits in ihrem 1999 erschienen bahnbrechenden No Logo. Der Turbokapitalismus, den sie als treibende Kraft hinter der globalen Erderwärmung verantwortlich macht, ist auch der nimmersatte Zuchtmeister, der der Modeindustrie unmenschliche Ziele verpasst und der die Industrie davon abhält, echte Nachhaltigkeit zu erreichen; ein Ziel, für das viele in der Branche schon seit 1988 kämpfen. „Ich bin der Überzeugung, dass wir über das wirtschaftliche System, in dem Mode existiert, an sich sprechen müssen - im Gegensatz zu der Auffassung, dass es eine Aufgabe für einzelne Unternehmen oder einzelne Branchen sei. Deshalb diskutiere ich in meinem Buch ausführlich die gut gemeinten Versuche, den Wachstumsimperativ und das aufrichtige Interesse an Klimaschutz in Einklang zu bringen. Die Tage, in denen sich die Modebranche einen grünen Anstrich geben konnte, sind vorbei. Wir haben jetzt eine viel größere Chance."

Historisch betrachtet war die Frage nach ‚Was kommt als Nächstes?' für die Modebranche schon immer zentral. Mode ebnete der Kreativität schon immer den Weg und engagiert sich seit Langem politisch. Die Frauenbewegung, LGBT-Rechte, AIDS, Regenwald oder Wasser- und Gesundheitsprobleme, diesen Themen verhilft Mode zu einem größeren Bewusstsein in der breiten Masse. Viele aus der Mode-Community wie Amber Valetta, Stella McCartney und Vivienne Westwood treten in Interviews, in ihrer Werbung und natürlich auf dem Laufsteg lautstark gegen den Klimawandel und für Nachhaltigkeit ein. Dennoch können wir seit 1988, seitdem Wissenschaftler zum ersten Mal vor den Treibhausemissionen gewarnt haben, nicht über unsere eigene Rolle bei der Verschmutzung, bei fairem Handel und bei der globalen Erwärmung bestimmen.

Mode wurde von Börsenspekulanten gefangen genommen und es wird Zeit, sie aus dieser Gefangenschaft zu befreien.

Das Positive daran ist, dass es nicht unsere alleinige Schuld war, da die Modebranche unter dem Diktat des kapitalistischen System steht. Klein identifiziert dieses Diktat in ihrem Buch als außer Kontrolle geratene freie Marktwirtschaft. In den Achtzigern ging die Modeindustrie willentlich Vereinbarungen mit profitorientierten Systemen und dem Aktienmarkt ein, was sich mittlerweile als Pakt mit dem Teufel entpuppt hat. Das hat zu immer mehr Kollektionen, zu Fast Fashion und zu noch billigeren Produktionsketten geführt. Fashion Editorials wurden unverhohlen zu Advertorials, die anstatt von progressiven Styling von Marketingabteilungen diktiert werden. Mode wurde von Börsenspekulanten gefangen genommen und es wird Zeit, sie aus dieser Gefangenschaft zu befreien.

Kleins elegant geschriebene Abhandlung ist eine vollständige Neubewertung unserer Blickweise auf die Welt. Während unseres Skype-Interviews schlage ich eher scherzhaft vor, dass der schnellste Weg, diese komplexe Botschaft unter die Leute zu bringen, wäre, ihr Buch bei Catwalk-Shows zu verteilen. „Auch das hätte einen Einfluss auf die Umwelt - hergestellt wird das Buch aus toten Bäumen", antwortet sie. „Es gibt diese Vorstellung, dass es ein intellektuelles Problem ist, aber das ist es nicht. Es geht nicht darum, ob es irgendein Unternehmensboss kapiert", erklärt sie die Rolle von Fashion-CEOs bei der Implementierung von Maßnahmen zur Nachhaltigkeit. „Viele Unternehmenslenker kapieren es und vergessen es dann, weil sie vor dem Druck des Wirtschaftssystems einknicken, in dem sie mit ihrem Unternehmen wirtschaften; ein System, das auf konstantem Wachstum beruht. Die Unternehmen sind rechenschaftspflichtig, viele werden öffentlich an der Börse gehandelt und gehören Aktionären, die Jahr für Jahr noch größere Gewinne einfahren wollen. Es gibt Dinge, die die Modeindustrie besser machen kann, aber in meinem Buch geht es darum, was wir als Wirtschaft insgesamt tun müssen: unsere in Übereinstimmung mit der Wirtschaft Emissionen senken. Ich denke, dass wir uns lange Zeit mit Symbolik zufrieden gegeben haben. Bei einer Veranstaltung in Amsterdam wurde ich gefragt, ob nicht einige der Dinge, die Unternehmen machen, ein Schritt in die richtige Richtung seien. Ja, ist es, aber wir brauchen keinen Schritt, sondern einen Sprung!"

Jetzt da Kleidungsstücke billiger als ein Sandwich sind, wissen und fühlen wir, dass etwas grundsätzlich und erschreckend falsch läuft.

Es gibt ein paar Rebellen in der Modebranche, deren Anliegen mit dem der neuen Klimabewegung übereinstimmen. Suzy Menkes stellte in ihrem Artikel „Sign of the Times | The New Speed of Fashion" für das T Magazine der New York Times 2013 richtigerweise fest, dass der strapaziöse Zeitplan, der den Designern von einem gefräßigen Profitsystem aufgezwungen wird und wo pro Jahr zwischen vier und acht Kollektionen produziert werden müssen, die Gesundheit und den Verstand von wertvollem künstlerischen Talent eingefordert hat. Olivier Theyskens sagte vor Kurzem im Rahmen der Seoul Design Week, dass die Modewelt gesättigt sei. Die Trendforscherin Li Edelkoort hat kürzlich ihr Manifest Anti_Fashion: A Manifesto For The Next Decade veröffentlicht und sieht uns am Ende einer Ära. „Die Modewelt arbeitet immer noch im Modus des 20. Jahrhunderts, sie feiert die Einzelperson und die It-Personen", schreibt Edelkoort und stellt korrekterweise fest, dass Mode den Kontakt mit der Gesellschaft verloren habe, „eine Gesellschaft, die nach Konsens und Altruismus strebt." Weiter schreibt sie: „Jetzt wo Kleidungsstücke billiger als ein Sandwich sind, wissen und fühlen wir, dass etwas grundsätzlich und erschreckend falsch läuft."

In vertraulichen Gesprächen mit Top-Modekritikern über den Einfluss der Bekleidungsbranche auf die Umwelt, schlug einer vor, dass dies kein Problem der Luxuslabels sei, sondern dass das die Schuld der Fast-Fashion-Unternehmen sei. Klein widerspricht dieser einseitigen Schuldzuweisung: „Erstens verwischen die Grenzen zwischen den Segmenten seit einiger Zeit. Luxuslabels haben ihre Massenmarkt-Labels und ein Großteil ihrer Gewinne kommt von ihren Kosmetik- und Parfümlinien sowie vom Geschäft mit dem Verlangen nach ihren Marken. Dazu kommt noch ihre Rolle in Märkten wie China und Indien und der weltweite Aufstieg der Schicht der markenverrückten Shopper. Ich denke, dass die Luxuslabels Vorreiter davon sind. Wenn wir uns vor Augen halten, dass das konstante Füttern des Verlangens nach Neuem einer der Hauptantriebsfaktoren des Wachstumsimperativs ist, dann können sich die Luxuslabels nicht herausreden. Dass berührt noch nicht mal den Fakt, dass sie in China produzieren lassen."

In den letzten fünf Jahren haben viele tausend Menschen gegen die horrende Umweltverschmutzung in China protestiert - die Werkbank der Welt. Die chinesische Regierung reagierte darauf mit Gesetzen und Investitionen in erneuerbare Energien. All das wird die Bekleidungsindustrie zum Guten verändern. Klein widerspricht aber: „Wie wird es sie ändern? Werden Firmen nach Bangladesch abwandern, wie es viele gemacht haben, als dasselbe bei den Arbeitsbedingungen durchgesetzt wurde? Die Löhne sind in China gestiegen und die Antwort von vielen großen Labels darauf war, dass sie ihre Produktion in China zurückgefahren haben und in Länder mit weniger Regulierung und billigeren Arbeitsbedingungen, wie Bangladesch, gegangen sind. Wir haben die Konsequenzen erlebt."

Der Wind von politischen Veränderungen weht mit Syriza in Griechenland und der „Podemos"-Partei in Spanien; beide verfolgen grüne Politik, die Klein unterstützt. Im September 2014 fand der größte Klimamarsch aller Zeiten gleichzeitig in 162 Ländern statt und im Februar 2015 engagierten sich von Nepal bis Harvard Studenten für den Global Divestment Day. Viele junge Designer haben aber das Gefühl, dass sie bei dieser neuen Öko-Bewegung nicht mitmachen können, aus Angst vor Vorwürfen der Heuchelei, da sie doch in einer Branche arbeiten, die mitverantwortlich für den Klimawandel ist, und Autos fahren, die Benzin verbrauchen.

All das, was auf unser individuelles Verhalten abzielt, ist größtenteils ein Ablenkungsmanöver.

„Das ist einer der größten Siege des Kapitalismus: dass wir uns selbst als Konsumenten, als Individuen sehen, anstatt uns als Teil von Strukturen und Gemeinschaften zu begreifen, die zusammenarbeiten können", sagt Klein. „Ich finde es wirklich interessant, wenn Leute denken, dass sie nicht Teil einer Debatte sein können, weil sie Auto fahren. Für mich ist das der Triumpf dieser Wettbewerbsgesellschaft, die so abstoßend ist. Es geht nur darum, Leute mundtot zu machen, in deren vier Wände einzusperren und sie ja nicht von einer besseren Welt träumen zu lassen. Wenn diese Bewegung nicht Platz für Leute bietet, die noch nicht vollständig herausgefunden haben, wie sie sich komplett von diesem Wirtschaftssystem lösen können, das unser aller Leben dominiert, dann wird es eine sehr, sehr kleine Bewegung werden. Wir brauchen also Leute, die es noch herausfinden müssen. Aber meine These ist, dass das nicht stattfinden wird, bevor wir nicht einen Systemwechsel erleben, bevor wir nicht einen Politikwechsel erleben. All das, was auf unser individuelles Verhalten abzielt, ist größtenteils ein Ablenkungsmanöver."

Eine neue Generation von Frauen marschiert für die Revolution und sie wollen dabei Kleidung tragen, die eine Geschichte erzählt. Gibt sie ihnen!

Abgesehen von Klimamärschen oder applaudierend dem Untergang des aktuellen Systems beizuwohnen, was kann die Modebranche noch tun? „Mit denselben Methoden, mit denen wir überzeugt werden, dass unsere Gegenstände nicht mehr en vogue sind und dass das Glück um die Ecke liegt, durch all diese schönen Dingen", antwortet Klein, „Dieselben Methoden, die so gut darin sind, dieses Verlangen zu kreieren, sind auch in der Lage ein Verlangen nach anderen Dingen zu erzeugen. Es ist eine andere Denkweise."

Während die Experten und Think Tanks noch darüber streiten, wie eine Null-Emissions-Gesellschaft aussehen kann, in der der Konsum aller leichtfertigen Güter aufhört und stattdessen Permakultur, lokale Nahrungsketten, größerer ÖPNV und eine Entwöhnung von unserem verschwenderischen Plastik-Lifestyle Einzug halten, ist es für Designer eine Chance (von der Architektur bereits angenommen), sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und darüber nachzudenken, wie ein dieser Lifestyle aussehen und funktionieren kann. Seit den Sechzigern, seit Pierre Cardins Visionen für ein futuristisches Leben hatte Mode nicht mehr so eine Chance. Wenn es eines gibt, was Mode kann, dann ist es ihre einzigartige Fähigkeit, neue, kreative Geschichten zu erzählen.

Ob es sich um Studentinnen an Unis sind oder Anwältinnen wie Polly Higgins, die den Protest in Kanada und Amerika gegen Öl- und Gaspipelines anführt, handelt, Kleins Buch beweist, dass Frauen Pionierinnen dieser Bewegung sind. „Sie verhandeln bereits mein ganzen Leben", sagt die 21-jährige Aktivistin Anjali Appadurai zu den Verhandlungsführern bei der UN-Klimakonferenz 2011 in Durban; das ist Kleins Lieblingszitat im Buch. Hieran wird deutlich, dass Karl Lagerfelds Spring-/Summer-15-Show, in der Models einen Protestmarsch nachstellten, perfekt zum Zeitgeist passt. Eine neue Generation von Frauen marschiert für die Revolution und sie wollen dabei Kleidung tragen, die eine Geschichte erzählt. Gibt sie ihnen!

Die Entscheidung: Kapitalismus versus Klima ist im S.Fischer Verlag erschienen.

naomiklein.org

@naomiaklein

Credits


Text: Sarah Hay
Foto: Ben Reierson