about a girl: olivia bee und grace hartzel unterwegs auf der NYFW

Ein persönlicher Einblick in das Leben des New Yorker Models Grace Hartzel zeigt sie uns beim Feiern mit ihren Freunden, unterwegs bei Fittings und dabei, wie sie in ihrer Freizeit magische Musik macht.

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Sep. 27 2016, 11:10am

Als ich Grace kennen gelernt habe, kam ich gerade nach einem langen Tag im Studio in meine WG zurück. Ein wunderschönes Mädchen, das ich davor noch nie gesehen hatte, tanzte da durch die Wohnung … und sagte mir, dass ich dieses eine Lied unbedingt hören müsse. „Es ist so großartig, es ist von einer Girl Group, die aber irgendwie eher eine Rock'n'Roll Gruppe ist. Viel zu wenige Leute kennen sie." Sie machte „Hey Lover" von The Daughters of Eve an. Es war wirklich ein magischer Moment. Wir lagen zusammen auf dem Boden und verloren uns in den nostalgischen 70er Jahre-Klängen von Graces neuem Lieblingssong.

Grace ist eine wunderschöne und stilvolle Zeitgenossin mit einem riesigen Herz. Ihre Augen strahlen am hellsten, wenn sie von den Leuten und Dingen, die sie liebt, und all den Orten und Gefühlen, die sich noch sehen und erleben will, erzählt. Sie tänzelt mit offenem Herz durchs Leben und wünscht jedem um sich herum nur das Beste, selbst den einigen wenigen, die, wie sie sagt, fies sind. „Es sind diese gemeinen Mädchen … du weißt schon, diese ‚You can't sit with us'-Sorte. Aber sie sehen so unglaublich gut aus und machen einen tollen Job, und ich wünsche ihnen, dass sie Erfolg haben."

Während der New York Fashion Week folge ich Grace durch ihren Model-Alltag und hoffe, so einen Einblick in ihre Welt zu bekommen. Die Modebranche kann ein ziemlich hartes Pflaster sein; es gibt viele unfaire (und unrealistische) Standards und viel zu viele Verbote und zu wenige Freiheiten. Aber Grace scheint, über alldem zu stehen. Sie weiß, dass die Modewelt nicht perfekt ist, aber sie spielt dennoch mit und macht sich großartig. Sie kommt immer zu spät, ist aber immer glücklich, wenn sie dann am Ziel ist.

Während der ersten Abende der Fashion Week gehen wir beide auf die selben Partys—fünf unserer gemeinsamen Freunde organisieren sie. Ich frage sie, ob ich auf der Party anfangen kann, Fotos für mein Projekt zu machen, aber sie sagt, dass sie sich darauf konzentrieren will, Spaß zu haben. Ich sage ihr „Ich verspreche dir, du wirst mich kaum bemerken." Sie überlegt kurz. „Komm um acht vorbei, ich werde Bekahs Make-up machen und deins auch, wenn du willst." Sie verbringt eine Stunde damit, glitzernde blaue und schwarze Halbmonde über ihre Augen zu malen und verpasst Rebekah ein zu ihrem roten Outfit passendes Make-up. Grace trägt ein irisierendes Kleid mit einem Reißverschluss, der fast bis zu ihrem Bauchnabel offensteht und befestigt blaue Blumen an ihren silbernen Gogo-Boots. Wir tanzen mit Rosé in der Hand auf dem Dach.

Wir gehen hinaus in die Nacht und gehen zuerst Richtung Uptown. Ich werde auf einer Party rausgeschmissen, weil ich keine Einladung habe. Unsere Freundin Sasha fällt hin und all die Damen in ihren eleganten Abendkleidern schauen zu, wie sich ihr Blut auf dem Bürgersteig mit dem Sommerregen vermischt. Grace will mit allen feiern, also verlassen wir das Plaza und und machen uns auf den Weg in das berühmt-berüchtigte Stadtviertel Bedford-Stuyvesant.

Der Club ist kommerzialisierter, extrem gehypter Schrott. Aber mit der richtigen Truppe kann man aus allem das Beste machen. Wir drängeln uns vor angepisste schwedische Typen und verwirren sie, indem wir mit Besen und Schaufel beginnen, den Müll von der Tanzfläche zu fegen. Dann gleiten wir durch Gänge aus roten Spiegeln. Konfetti fliegt durch die Luft. Die „Bohemian Rhapsody" ist schrecklich aber wir haben unseren Spaß. Wir planen, alle Discokugeln mitgehen zu lassen, sobald wir rausgeschmissen werden.  

Das nächste Mal sehe ich Grace kurz vor der Altuzurra-Show. Ich soll sie draußen um die Ecke treffen, wo sie einen Moment braucht, um vor der Show etwas runterzukommen. „Ich glaube, ich bin noch nicht bereit, da reinzugehen." Wir setzen uns hin und reden kurz, dann überkommt sie plötzlich die Motivation und wir gehen wieder hinein. Wir gehen zum Büffet, wo sie etwa 100 Cornichons isst. Dann wird sie, mit einem letzten Gürkchen in der Hand, in den Ankleidebereich geführt, wo sie in ihr Outfit schlüpfen soll; ein BH mit Schlangenmuster, der unter einem blau-weiß karierten Kleid hervorsteht. Ihre Ohrringe erinnern an überdimensionale, blaue Spirelli. Sie meditiert in der Sonne, bevor der Vorhang aufgeht. Auf dem Laufsteg ist sie einfach perfekt.

Grace verlässt die Show und zieht sich wieder ihren rot-weiß-blauen Jogginganzug an, wäscht sich im Badezimmer über dem Waschbecken ihre Haare, schnappt sich ihre Taschen und läuft zum nächsten Fitting. 

Auf Fashion Shows muss man Backstage sehr viel warten. Grace macht gerne das Beste aus dieser Zeit und während sie bei der Coach Show wartet, dass sie dran kommt, beginnt sie, Musik zu machen. Es ist eine schillernde, elektronische Musik, und ihre sanfte Stimme schwebt mühelos über den Tönen. Coach gibt Grace ein Shirt mit Elvis' Gesicht darauf und einen riesigen Gürtel mit ihrem Namen. 

Alle sind auf die Show von Marc Jacobs gespannt. Grace erfährt einen Abend vorher, dass sie dafür gebucht wurde. Ich komme herein und sie hält meine Hand, während sechs Friseure Stunden damit verbringen, ihr regenbogenfarbene Dreads auf dem Kopf anzubringen („Tut mir leid, dass ich so ruhig bin, Olivia, aber bin so aufgeregt."). Als sie fertig sind, bedankt sie sich bei allen für ihre Zeit und stellt sicher, dass alle wissen, wie lieb sie sie hat. 

Ihre Schuhe sind 15 Zentimer hoch und zu groß. Sie soll schnell darin laufen. Sie ist noch nicht angezogen, will aber den Laufsteg sehen und in den Schuhen den Walk üben. Während alle dabei sind, nach ihren grünen Mary Janes zu suchen und keiner möchte, dass sie selbst dabei hilft, ruft sie ihren Freund an, der heute Geburtstag hat. Er geht sofort ran. Sie präsentiert ihm ihre Haarpracht. „Ich bin eine Meerjungfrau." Dann kichern sie sich quer über den Atlantik an. 

Als sie den Laufsteg sieht, der mit hunderten von der Decke hängenden Glühlämpchen geschmückt ist, ist sie sprachlos. Ich denke, dass sie sich vielleicht gerade daran erinnert hat, was das tolle an Mode ist; der Moment, wenn man sich für einen Augenblick in einer wunderschönen Welt verlieren kann.

Die Schuhe tauchen auf, der Walk wird geübt, Grace zieht sich an, grüne Farbe wird auf ihre Augenlider geschmiert und dann reiht sie sich in die Schlange der anderen schönen Frauen in Zuckerwatte-Dreads und glitzernden 15-Zentimeter-Mary Janes ein.

Nach der Show legt sie ihre Kleider ab und umarmt Kiki, Lili und Rebekah. Es wird Sekt serviert und wir nehmen ihn mit in die U-Bahn. Auf der 55th Street sprinten wir auf der Flucht vor den Streetstyle-Fotografen durch ein Parkhaus. Grace schläft auf Lilis Schoß ein. 

Am Abend gehe ich mit Grace zu ihr nach Hause, um ihr beim Packen für die drei kommenden Wochen (London, Mailand, Paris) zu helfen und um ein paar Fotos von ihr zu machen. Sie singt unter der Dusche und tanzt mit einer roten Schleife über ihren Nippeln. Sie spielt auf ihrem Synthesizer und ihrer Gitarre, bevor sie schlafen geht. Ich soll neben ihr schlafen, damit ich sehen kann, wie wuschelig ihre Haare am Morgen sein können. Wir unterhalten uns über Männer und Liebe. Sie erzählt mir, dass sie meint, sie müsse noch vieles lernen. Ich sage ihr, dass es mir auch so geht. 

Am nächsten Morgen helfe ich ihr, ihre Koffer die fünf Stockwerke herunterzutragen. Sie ist spät dran für die Fahrt zu einem Shooting, das sie noch vor dem Flug nach London haben soll, aber Sonnenstrahlen verfangen sich in ihrer wunderschönen, verwuschelten braunen Mähne und sie begrüßt den Fahrer herzlich und niemand kann ihr wirklich böse sein. Sie winkt mir zum Abschied durchs Fenster, und ihre blauen Augen strahlen mich glücklich an.

Credits


Fotos und Text: Olivia Bee | ICONOCLAST IMAGE