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„ich finde, dass von klischees eine gewisse macht ausgeht.“

Wenn „Girls Club“ zu deinen Lieblingsfilmen gehört, dann wirst du das neue Buch „Girl Culture“ der Fotografin und Dokumentarfilmerin Lauren Greenfield lieben. Der Bildband ist eine Hommage an das Mädchensein um die Jahrtausendwende in den USA.

von Oliver Lunn
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31 August 2016, 1:22pm

Was beim Durchblättern durch Lauren Greenfields neues Buch Girl Culture auffällt, ist die unterschwellige Traurigkeit in den Fotos von Cheerleadern, Stripperinnen, Debütantinnen und Models und ihr Wunsch, dünner, größer und beliebter zu sein. Wie zum Beispiel die 15-jährige Sheena, die sich ihre Achseln rasiert, weil sie denkt, dass Haare eklig sind. Oder die 18-jährige Jennifer, die von Lauren Greenfield in einer Klinik für Essstörungen fotografiert wurde. Oder die 13-jährige Fina, die regelmäßig ins Solarium geht.

Die Fotos zu dem Band sind über einen Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Sichtbar gemacht werden die Ängste und auch die Unsicherheiten der beliebten und weniger beliebten Mädchen auf der Schule. Lauren Greenfield wollte nicht nur stille Beobachterin sein, sondern die 50-jährige Künstlerin interviewte ihre Motive auch gleich selbst, weil sie herausfinden wollte, was es bedeutet, um die Jahrtausendwende ein Mädchen in den USA zu sein. 2006 erschien THIN, ihr erster Dokumentarfilm, 2012 folgte dann Die Königin von Versailles und für das Projekt #likeagirl hat sie sogar einen Emmy Award erhalten. Darin geht sie der Frage nach, wie die einfachen Worte „Like a girl" zu einer Beleidigung geworden sind und wie das die Pubertät junger Mädchen beeinflusst.

Wir haben mit der Fotografin Schrägstrich Filmemacherin über den medialen Einfluss auf junge Mädchen, den damit einhergehenden Gruppenzwang, und was sie unter einer „frühreifen Sexualisierung von Mädchen" versteht, gesprochen.

In Girl Culture gibt es die typischen Mädchen, die man aus allen Highschool-Filmen kennt: die Cheeleaderin und die Außenseiterin. Wolltest du mit dem Buch hinter diese Jugendklischees blicken?
Ich finde, dass von Klischees eine gewisse Macht ausgeht. Auch wenn man sie widerlegt. Als ich in Minnesota eine Mädchenclique getroffen habe, habe ich ein paar Dinge von ihnen gelernt: Beliebt sein ist sehr wichtig—das ist das übliche Klischee und so war es schon immer. Was dahinter steckt, war aber für mich aber viel interessanter: Dass Beliebtheit auf kommerziellen Werten beruht. Man musste in einem dieser drei Geschäfte einkaufen gehen: Abercrombie, Gap und J. Crew. Man musste etwas von diesen Marken tragen, durfte aber nicht das gleiche T-Shirt wie ein anderes beliebtes Mädchen tragen, sonst drehen diese natürlich durch.

Mir ist aufgefallen, dass die beliebtesten Mädchen mehr mit den weniger beliebten Mädchen gemeinsam hatten, als sie dachten.
Das habe ich bei den Arbeiten zu meinem ersten Buch Fast Forward gelernt, in dem es um Kids in L.A. geht, die erwachsen werden. Auf dem Coverbild sind Schüler der Beverly Hills High in Cabrios am Strand zu sehen. Mijanou, die im Mittelpunkt des Fotos steht, ist dieses wunderschöne Mädchen, das zum „Best Body" an der Beverly Hills High gewählt wurde. Im Interview hat sie mit mir darüber gesprochen, wie schwer es war, weil sie nicht dazugehörte, weil sie aus einer armen Familie kam und sich nicht die gleiche Kleidung, die Autos und die Häuser wie all die Kids aus Beverly Hills leisten konnte. Ich erinnere mich noch an die Ausstellung zu dem Buch, zu der Mitschüler von ihr kamen, und die sagten: „Über was redet die? Die hatte es leicht." Da herrscht eine gewisse Spannung vor.

An manchen Stellen berührt Girl Culture sehr, nämlich beispielsweise dann, wenn es um Mädchen mit Essstörungen und Gewichtsprobleme geht. Waren das Einzelfälle oder gab es ein Muster?
Es geht in vielen meiner Arbeiten um die Pubertät und diese entscheidenden Jahre der Persönlichkeitsentwicklung. Als ich Girl Culture angefangen habe, habe ich an meine eigenen Unsicherheiten aus der Schulzeit zurückgedacht: an Körpergewicht, Mode und den eigenen Status. Das war der Ausgangspunkt, dann habe ich mich von den Geschichten der Mädchen treiben und überraschen lassen. Für diese Mädchen ist der Körper sehr wichtig, um ihre Persönlichkeit auszudrücken. Ich wollte mir den Exhibitionismus dieser Kultur und dessen Auswirkung auf das Durchschnittsmädchen näher anschauen.

Für einige könnten die Mädchen oberflächlich wirken. Sie interessieren sich nur für ihr Make-up und Markenklamotten. War es dir wichtig, sie nicht von oben herab zu behandeln?
Ich schaue auf sie nicht von oben herab. Es gibt kein Mädchen, mit dem ich mich nicht auf irgendeine Art und Weise identifiziere. Manchmal fragen mich die Leute: „Wo sind die normalen Mädchen?". Ich finde, dass sie auf den Fotos zu sehen sind. Ich kitzle den Moment heraus, der etwas über unsere Kultur verrät, von der ich denke, dass wir alle davon betroffen sind. Egal wie tiefsinnig oder bedeutsam wir unser eigenes Leben empfinden, es gibt Momente, in denen wir uns dabei ertappen, wie wir unser Aussehen im Spiegel überprüfen. Leute, die sagen, da stehe ich drüber, stehen in Wahrheit eben nicht drüber. Ich möchte nicht mit Fingern auf Leute zeigen. Wir sollen uns alle in den Fotos wiedererkennen.

Glaubst du, dass es heutzutage einfacher für die Mädchen wäre, ihre Fassade fallen zu lassen? Man denke nur an die Überempfindlichkeit von Teenager bezüglich ihres Aussehen und der Möglichkeiten durch das Internet, Instagram oder Snapchat?
Mir ging es damals um den Einfluss der Medien. Vieles davon findet sich heute bei Social Media wieder. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, sich vor seinen Freundinnen zu präsentieren, sondern gleich vor der ganzen Welt. Das Image einer Person wurde wichtiger, so wie viele Leute einen nur durch die Fotos kennen. Heutzutage liebt man Marken nicht mehr nur, sondern man wird selbst zu einer Marke. Das ist doch alles sehr interessant und erschreckend zugleich. Ich habe das Gefühl, dass ich damals an der Schwelle vieler dieser Trends gestanden habe, die jetzt umfassend um sich gegriffen haben—und das nicht nur zum Guten. Was sich aber positiv verändert hat, ist unser Bewusstsein für diese Probleme. Like a Girl hat das zum Ausdruck gebracht. Das war zwar keine neue Idee, aber die Zeit war reif dafür.

Like A Girl ist viral gegangen und war unglaublich beliebt. Wolltest du mit dem Projekt etwas Ähnliches wie mit Girl Culture erreichen?
Das Projekt war sehr speziell. Es ging darum, wie sich die Bedeutung der eigentlich neutralen Worte „Like a Girl" gewandelt hat und daraus eine Beleidigung wurde. Ich habe Hunderte Leute dazu befragt und herausgekommen ist, dass es ab einem bestimmten Alter eine sehr negative Bedeutung hat. Die Hälfte der Menschheit ist weiblich und dennoch ist das Wort Mädchen negativ besetzt. Was sagt uns das? Am Ende des Projekts stand „Like a Girl" für Empowerment, das war sehr berührend. Die Leute haben dann gesagt: „Like a Girl bedeutet Fußballweltmeisterin zu sein", oder „Like a girl bedeutet, eine Ingenieurin zu sein." Das Projekt hatte zwar nicht direkt etwas mit der Körperlichkeit von Girl Culture zu tun, sondern Like A Girl war mehr ein feministischer Weckruf. Ich glaube aber, dass eine Generation, die sich mit dem Widerspruch, dass wir alle gleich sind und doch unterschiedlich, auseinandersetzt, stark ist, aber manchmal eben auf sehr unerwartete Art und Weise.

Wie sehr haben sich die Mädchen in Girl Culture von denen in Like A Girl unterschieden?
Eigentlich gar nicht. In Girl Culture ging es um die frühzeitige Sexualisierung, die durch den Einfluss der Medien verursacht wird und dass das durch die Gleichaltrigen verstärkt wird. Wenn man sich die Post der Leute in den sozialen Netzwerken anschaut und die Selfies entschlüsselt, dann stellt man fest, dass heutzutage die frühzeitige Sexualisierung viel verbreiteter ist. Man muss nur die Prominenten von damals und heute vergleichen: In Girl Culture gab es Jennifer Lopez in einem tief ausgeschnittenen Kleid, heute gibt es Kim Kardashian, die damals durch ein Sextape berühmt wurde. Viele der Ideen sind heute immer noch relevant, aber sie sind domestizierter.

Girl Culture

von Lauren Greenfield erscheint am 1. September bei Chronicle Books und ist hier erhältlich. 

Credits


Text: Oliver Lunn
Fotos: © 2002 by Lauren Greenfield