Foto: Lexa Kim

Diese jungen Fotografen zeigen Russland jenseits aller Klischees

Eine neue Generation von Künstlern schafft eine neue Identität für junge Russen. Können sie mit ihren Fotos alte Denkmuster durchbrechen?

von Alex Manatakis
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11 August 2016, 8:50am

Foto: Lexa Kim

Unter Stalin und dem einhergehenden Sozialistischem Realismus wurde die Kunst einst dazu genutzt, das Proletariat darzustellen und damit die Politik weiterzutragen. In den 90ern haben sich die Künstler dann mit dem Westen und seiner Neuinterpretation befasst.


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Über ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion wird die erste Künstlergeneration von Russen, die nach dem Fall der Mauer geboren wurden, erwachsen. Viele der jungen Künstler setzen sich in ihren Werken mit dem großen kulturellen Erbe des Landes auseinander und versuchen, mit ihrer Kunst eine russische Identität für die neue Generation zu formen. Wir haben fünf von ihnen zu ihren Fotos befragt.

Dmitri Pyrahin, St. Petersburg

Deine Fotos sind voller Energie. Woher kommt das?
Eines der Dinge, die ich in meinen Fotos zeigen will, ist Energie. Das ist wie Musik, die dich zum Tanzen bringt. Ich möchte, dass meine Bilder den Leuten Energie geben. Und noch mehr als das möchte ich mit meinen Fotos die Energie selbst verändern. Ich möchte die Energie der Betrachter verbessern. Dass sie sich lebendig fühlen, auch wenn sie sich nur für eine Minute mein Foto anschauen.

Wie hat sich Kreativität in Russland nach dem Ende der Sowjetunion verändert?
Das ist nur meine Meinung, aber ich glaube, dass die Kreativität seit dem Ende der Sowjetunion weniger geworden ist. Unter Michail Gorbatschow, während Glasnost und Perestroika, haben die Leute umfassende Veränderungen erlebt: Sie protestierten, kämpften und leisteten Widerstand. Aber jetzt geht es Russland politisch besser als früher und unser Leben ist einfacher geworden. Fotos sind jetzt langweilig, weil ihnen Leidenschaft fehlt. Es gibt nichts, wofür man kämpfen kann. Und die wichtigste Kunst entsteht durch Leidenschaft oder Schmerz.

Margarita Smagina, St. Petersburg

Was sagen deine Arbeiten über das moderne Russland aus?
In Russland herrschen viele Vorurteile. Ich versuche, den Horizont derjenigen zu erweitern, die sich meine Fotos anschauen. Ich stelle russische Subkultur dar: Das ist ein Mix aus sowjetischem Modernismus und der ausländischen Popindustrie. Gorbatschow und Elvis: so eine gute Mischung.

Hat Feminismus die Kreativität in Russland verändert?
Feminismus hat in Russland für die Durchsetzung der Frauen gesorgt, und das ist cool. Ansonsten würde ich zu Hause mit ein Dutzend Kindern sitzen, in einer Fabrik arbeiten und wäre wahrscheinlich längst tot. Ich bin für Feminismus, Gleichbehandlung und faire Bezahlung, aber gegen Fanatismus. Ich arbeite fast nur mit Frauen zusammen: meine Stylistinnen, meine Models, die Make-up-Artists und die Hairstylistinnen.

Was ist das größte Problem für Kreative in Russland?
Die Anzahl an Kreativen in Russland ist überschaubar, weil wir erst vor Kurzem eine Arbeitserlaubnis erhalten haben. Die Älteren haben noch dieses Denken, dass Kreative Nichtsnutze sind. In der Kindheit werden schon früh kreative Ansätze im Keim erstickt und die Leute haben keinen Mut mehr, kreativ zu sein. Und diejenigen, die mutig genug sind, verlassen das Land.

@smaginamargarita

Lexa Kim, Moskau

Was sagt deine Arbeit über Russland aus?
Wenn man jenseits von Großstädten wie Moskau unterwegs ist, merkt man schnell, dass es dort noch wie damals zur Sowjetzeiten ist. In Russland kannst du dafür verprügelt werden, wenn du anders aussiehst oder eine bestimmte Präsenz hast oder individuell bist. Ich möchte mit meinen Arbeiten zeigen, dass Russen sehr wohl originell sein können. Dass Russland einen eigenen, speziellen und einzigartigen Modestil hat. Ich möchte dem Westen zeigen, dass wir keine Hinterwäldler sind und dass wir—wie jedes andere Land auch—Teil der Modewelt sind.

Deine Generation ist die erste, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Inwiefern hat das Russland verändert?
Die Globalisierung lässt Grenzen verschwinden. Russland ist nicht mehr länger dieses kalte Land, das von der zivilisierten Welt abgeschirmt ist. Es hat seine Eigenarten, aber es steht gleichzeitig auch jedem offen. Die Kunst ist erwachsener geworden und erreicht das gleiche Level wie überall sonst auf der Welt. Für mich hat das Internet die Barrieren eingerissen. Es kommt nicht mehr darauf an, wo man wohnt. Die Welt rückt zusammen und neue Horizonte und neue Möglichkeiten eröffnen sich.

Was erhoffst du dir für die Zukunft der Fotografie in Russland?
Ich glaube, dass sich das Land an einem guten Ausgangspunkt befindet, um globale kulturelle Ressourcen zu kreieren und zu entwickeln. Und weil unsere Kunst einzigartig ist, kann ich auch nicht die Entwicklung vorhersagen.

@lexakim

Gosha Pawlenkno, Moskau

Warum ist Fotografie in Russland heutzutage wichtig?
Weil sie dabei helfen kann, eine neue Kultur zu schaffen, die wir meiner Meinung nach dringend brauchen. Wir haben in Russland noch keine moderne Kultur. Wir haben zwar viel alte Kultur wie Dostojewski oder Majakowski, aber wir haben nichts für unsere Generation. Kreativität, wie Fotografie, kann dabei helfen, neue Prinzipien für eine moderne Kultur zu entwickeln. Zeiten der Veränderungen sind immer kreativ.

Wie hat sich die kreative Szene in Russland nach dem Ende der Sowjetunion verändert?
Als die Sowjetunion untergegangen ist, waren die Russen hungrig nach neuen Erfahrungen. Es wurde alles aus dem Westen absorbiert, die Musik, die Filme, die Fotografie und die Mode. Um ehrlich zu sein, ging es zu dieser Zeit in jeder Strömung um eine Neuinterpretation westlicher Einflüsse. Jeder hat sich über neue Visionen Gedanken gemacht. Jetzt steht Originalität im Vordergrund.

Was erhoffst du dir für die Zukunft der Fotografie in Russland?
Ich hoffe, dass wir unsere eigene Vision entwickeln werden. Man kann zum Beispiel Unterschiede bei den Ansätzen von Fotografieschulen in Skandinavien, Großbritannien, Frankreich oder Italien erkennen. Ich möchte, dass wir unseren eigenen Fotografiestil entwickeln, damit sich die Leute unsere Fotos ansehen können und sofort erkennen, dass das Foto in Russland entstanden ist.

@goshapavlenko

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