Gabberbitches - Rotterdam 1996

Dein Style ist nicht so einzigartig, wie du vielleicht bisher gedacht hast

1994 haben Fotograf Ari Versluis und Profiler Ellie Uyttenbroek damit angefangen, bizarre und oftmals noch unbekannte Subkulturen zu dokumentieren. Wir zeigen euch Fotos aus ihrer Serie "Exactitudes".

von Sarah Raphael; Fotos von Ellie Uyttenbroek, und Ari Versluis
|
07 November 2016, 10:35am

Gabberbitches - Rotterdam 1996

Ari und Ellie wurden zu dem Projekt "von dem ganzen Gabber-Ding in Rotterdam" inspiriert. Man stelle sich einen schläfrig aussehenden Typen mit raspelkurzen Haaren vor, der einen Trainingsanzug trägt: "Wir haben so viele dieser gleichen Klone gesehen, die ganze Stadt war voll mit ihnen". Das niederländische Duo hat daraufhin weiter Menschen im Alltag und auf den Straßen beobachtet und alles dokumentiert. Als sie genug Leute zusammen hatten, die auf ein 3-mal-4-Formular gepasst haben, haben sie die Gruppe in ihr Studio eingeladen und sie fotografiert. Daraus entstanden sind: zwölf Girls in Trainingsanzügen mit überzupften Augenbrauen, zwölf ältere Damen, bei denen man sich gleich wohlfühlt, zwölf tätowierte und erwachsene Emos mit Caps und zwölf Gabber Bitches mit Sport-BH und halb abgeschorenen Haaren. Die meisten Leute fallen eben doch in eine Schublade, auch wenn die Schublade nicht zum Mainstream gehört. Wir sind eben doch nicht so einzigartig, wie wir vielleicht bisher gedacht haben. Und wahrscheinlich laufen da draußen gerade elf Leute rum, die genau das Gleiche anhaben wie du.


Auch auf i-D: Wir erkunden den Style und die Musik von Subkulturen – dieses Mal Skins & Scooter Boys


Exactitude ist eine originelle Art und Weise, unsere Kultur zu dokumentieren und in den Medien wurde schon viel darüber berichtet: i-D hat darüber bereits 2003 und 2005 berichtet. 2012 haben wir sie zur Architektur Biennale in Venedig begleitet. Wir zeigen euch einige unserer Lieblingsfotos aus ihrem Archiv sowie eines der neueren Werke: die erwachsenen Emos.

Es war höchste Zeit, uns wieder mit den beiden zu unterhalten.

What's up G - Rotterdam/ Berlin 2013

Wo findet ihr diese Gruppen?
Wir konzentrieren uns einfach darauf, was wir selbst gerne dokumentieren: Style und Identität. Die neuen Exactitudes sind immer ein Produkt intensiver Beobachtung, Diskussionen und Begegnungen, in einer vorher bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort. Wir versuchen dabei, kurzlebige Trends zu vermeiden. Eine neue Serie, ein neuer Tribe sollte immer Sinn in unserer großen Erzählung machen. Neuere Exactitudes sind in Den Haag (inspiriert durch die niederländische Kolonialgeschichte), in Berlin (neue Skool Tattoos) und Sankt Petersburg (moderne High-Street-Kids) entstanden.

Fängt eine Subkultur mit einer Person an?
Wir konzentrieren uns auf eine gemeinschaftsstiftende Identität, ein Verwischen von Unterschieden – ob das nun beabsichtigt ist oder nicht. Leute wollen sich in Gruppen zusammenschließen und sich gleichzeitig aber auch als Individuum fühlen. Die meisten Leute über 40 bleiben meist bei einem bestimmten Stil und ihre Vorstellungen davon, wer sie sind und was sie darstellen wollen, sind schon ziemlich festgezurrt. Neue Styles und Identitäten werden durch die Mode, die Massenmedien, Filme, Social Media und besonders durch das Vermischen von unterschiedlichen Kulturen, Geschlechtern und Generationen bestärkt.

Mohawks - Rotterdam 1998

Gibt es irgendwelche Styles und Subkulturen, die ihr fotografieren wolltet, aber nicht konntet?
Extrem religiöse Gruppen sind immer schwer. Man muss schon wie ein investigativer Journalist arbeiten, um sie davon zu überzeugen, dass wir sie in unserem Studio fotografieren können. Junge Muslime mit westlichen No-Name-Sneaker und Sportjacken, junge orthodoxe Juden mit Locken. Sie nehme es sehr ernst und man muss sehr hartnäckig sein. Bei Exactitudes geht es um die Begegnung und den Willen zur Kooperation, damit das richtige Foto dabei entsteht.

Gabbers - Rotterdam 1994

Existieren Subkulturen heute noch? Und fällt es euch schwerer, Inspirationen zu finden?
Subkulturen existieren noch, aber sie sind nicht mehr so offensichtlich. Was Mode und den ganzen Bereich Lifestyle angeht, erleben wir eine massive Globalisierung, einige Leute nennen es die Demokratisierung der Mode. Aber das sorgt auch dafür, dass die Ecken und Kanten von praktisch allem Neuen abgeschliffen werden und für echte Experimente bleibt weniger Raum. Wenn man aber die übergeordnete gesellschaftliche und politische Entwicklung versteht, kann man neuere, kleinere und spezifischere Gruppen entdecken.

Auntie Never Ever - Rotterdam 2010

Sammelt ihr noch etwas anderes?
Sammeln macht Spaß und abhängig, aber zu viel Zeug staubt nur ein und frustriert. Wir lieben das heutige Cloud-Leben und wir neigen eher zu einem weniger materialistischen Lebensstil. Dennoch gilt für uns: mehr vom Gleichen ist immer noch schön, besonders wenn es wie unsere Exactitudes-Reihe ist, eine Geschichte ohne Ende. Und wir sammeln i-D Ausgaben, seit der ersten Ausgabe. Das ist wirklich wahr.

Was tragt ihr selbst?
Und was sagt das über uns aus? Die Leute verändern sich nicht, aber die Mode. Unser persönlicher Style ist clean und einfach, unsere Haare sind kurz. Wir können den Trends eben auch nicht entfliehen. Beim Styling sind die kleinen Details wichtig. Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie.

Mehr Informationen zu Exactitudes und dem Buch findest du hier.