rick owens’ penis-blitzer beweisen, dass er immer noch schockieren kann

Dean Kissick analysiert die Magie hinter Rick Owens’ Penissen.

von Dean Kissick
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28 Januar 2015, 8:00am

Schon vor einer Weile - zum Anfang seiner Karriere - veröffentlichte i-D ein Foto von Rick Owens, wie er in seinen eigenen Mund pinkelt. Tatsächlich war es eine Montage aus zwei Bildern: auf dem einen pinkelt er und auf dem anderen kniet er und schluckt wie ein Orang-Utan. (Weil Orang-Utan bekanntlich gerne in ihren eigenen Mund pinkeln.) Ich bin mir jetzt nicht sicher, was ich zuerst ausprobieren würde, wenn es mich zweimal geben würde, aber wahrscheinlich dann doch nicht das. Nach der Veröffentlichung wurde i-D in einigen amerikanischen Bundesstaaten jahrelang verboten, während Rick die Modewelt weiter herausgeforderte. Dieses Mal lief ein halbes Dutzend männlicher Models auf dem Laufsteg, die alles, wirklich alles, zeigten. Die Models sahen nicht besonders glücklich dabei aus, aber haben wir nicht alle schon einmal Jobs gehabt, die wir eigentlich nicht machen wollten? Das sind die Albtraum-Momente: Du gehst durch einen Raum voller Menschen, jeder schaut dich an, kichert und langsam dämmert es dir, dass du vergessen hast, Hosen anzuziehen und du nur etwas mit einem Loch zwischen deinen Beinen trägst.

Ich möchte dir gerne ein paar Geschichten über Rick Owens' Partys erzählen. Aber erstmal zu den Trends der Saison: Überall tauchten Ausschnitte auf. Es gab enge Polo-Ausschnitte unter langen, fließenden Mänteln auf den Laufstegen von J.W. Anderson und Raf Simons, worin du ausschaust wie Alan Partridge auf einer Nachmittags-Safari im Wald. Craig Greens Silhouetten sprachen von einer strikten Monotonie und einer ungewöhnlich kultischen Verehrung von Sexiness in Form von Ausschnittslöchern am Bauch. Und dann gab es Rick Owens, der seine Polo-Ausschnitte noch tiefer anbrachte, bis herunter zum Schwanz und den Eiern. Das letzte Mal, als ich ein vollkommen nacktes Männer Model gesehen habe, stolperte es betrunken im Hof des Somerset House herum und scheiterte kläglich daran, einer Phalanx aus aufgebrachten Sicherheitsmännern auszuweichen. Aber Rick ging mit dem Blank-Zieh-Look noch einen Schritt weiter.

Foto: Ash Kingston

Backstage erklärte der in Paris lebende Designer, dass ihn ein alter französischer Film über das Leben in einem U-Boot inspiriert habe. Seine tragbaren Glory Holes sind eine Einladung an die Welt zum Schauen oder vielleicht auch für mehr. Das ist wie, als wenn du mit einem Hundewelpen im Park spazieren gehst und darauf hoffst, dass ein Fremder auf dich zukommt und dich fragt, ob er ihn streicheln darf. (Wie eine Jubba, die schrecklich, schrecklich schief gegangen ist.) Merkwürdigerweise, aber vielleicht auch nicht, war es nicht das erste Mal, dass ich an Rick Owens und Glory Holes gedacht habe. Einmal war ich auf einer seiner Partys in einem men-only S&M Club und mich verwirrte, dass in den Männerklos Gesundheits- und Sicherheitshinweise der örtlichen Stadtverwaltung aushingen und einen vor Syphilis warnten. Etwas, dem ich zuvor noch nie begegnet war. In diesem Club gab es eine Menge Glory Holes. Sie waren riesig, so groß wie dein Gesicht und eines war nur ein paar Zentimeter über dem Boden. Ich konnte beim besten Willen nicht sagen, wofür die gut gewesen sein sollen, aber vielleicht bin ich auch einfach zu unschuldig.

Angeblich, so wurde mir gesagt, musste ein paar Wochen vor der Party im S&M Club einer der Organisatoren nackt und auf allen vieren durch die Bar kriechen und darum betteln, dass die Feier dort stattfinden darf. Hinter der Bar wurde Poppers verkauft und es gab diese merkwürdigen körpergeformten Käfige, in denen Männer eingesperrt werden und die ein bisschen wie eine Eiserne Jungfrau ausschauen. Ich erinnere mich auch an Geräte, um Männer von der Decke hängen zu lassen, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Jedenfalls sah es so aus wie eine Szene aus Die 120 Tage von Sodom. Aber es war eine durchwegs unterhaltsame Nacht und wir haben sogar ein Video darüber gemacht.

Backstage danach gefragt, warum er seine Models schamlos entblößte, sagte er uns: „Für mich war es die einfachste und natürlichste Geste und ihr wisst, wie sehr ich diese liebe. Ich meine, die Welt ist hetero." Und bei Rick Owens geht es - mehr als bei jedem anderen Designer, den ich kenne - darum, eine gänzlich eigene Welt für seine Anhänger zu erschaffen; eine komplette Realitätsflucht, nicht nur durch seine Kleidung, sondern auch bei seinen Clubnächten in Paris, seiner mystischen Möbelkollektion und seinen ungewöhnlichen Stores mit Wachsfiguren, bei denen sich Rick in ein Monster verwandelt. Bei meinem letzten Besuch in seinem Londoner Store gab es eine Schüssel mit M&Ms, aber nur in Grau-Tönen. Seine Visionen sind sehr ungewöhnlich. Kürzlich stolperte ich über folgendes Gerücht: „Ich habe gehört, dass Rick Owens bald einen Stapel von weißen Achselhemden herausbringt, die IN SEINER EIGENER PISSE getränkt wurden … Durch die Pissfärbung entsteht daraus eine gelbliche, elfenbeinartige Cremefarbe.

Vor nicht allzu vielen Monaten ging ich auf die 20. Geburtstagsparty des Labels im Parkhaus von Selfridges. Oberkörperfreie, langhaarige männliche Models saßen auf weiß angemalten Pferden und abgemagerte Mädchen arbeitenden hinter der Bar. Irgendwann wurde ein Model dann raugeschmissen, nachdem es auf die Theke stieg und anfing über alles zu pinkeln. Als ich einen nebligen, schwarz gestrichenen Raum betrat, sah ich einen DJ, der unglaublich high aussah und der den härtesten Techno spielte, den ich jemals gehört hatte. Ab und zu stoppte die Musik, was er kaum mitbekam sein Gesicht und sich selbst fest haltend, als ob er im Sterben läge, was er vielleicht auch tatsächlich tat. 

Foto: Ash Kingston

Nicht jeder wünscht sich in Rick Owens Welt zu leben. Einer meiner Freunde beschwerte sich: „Es ist nichts Neues mehr. Für wen ist ein Schwanz etwas Neues?" Und irgendwie stimmt das auch, wer hat noch keinen Schwanz gesehen, besonders in dieser Branche? Aber seltsam oder vielleicht auch abstoßend: Körpertrends sich wichtig. 2014 war das Jahr des Arschs, das von Kim Kardashians unwirklich geformtem Allerwertesten dominiert war. Ein Hinterteil, das angeblich mit Kims eigenem Fett aufgespritzt wurde, um die ballonartigen Art-Nouveau-Kurven beizubehalten, eine kallipygische Monstrosität. Keiner von uns wird wirklich jemals so einen Arsch haben. Genauso wie die Bumster-Jeans von Alexander McQueen. Mag ja sein, dass er mit der Erfindung eben dieser für seine Spring / Summer 95 Show Modegeschichte geschrieben hat, tatsächlich habe ich sie aber nie jemanden tragen sehen, nicht in der Schlange bei der Post und auch nicht im Zoo. Jede Zeit hat ihren eigenen Körperteil - Fetisch: Ob es nun Anja Rubiks Beckenknochen in einem gewagten Anthony Vaccarello Kleid ist oder Linday Lohans Vagina. Es ist oft grotesk, obszön, aber in der Mode geht es um Provokation und Verlangen. 

Die Rick Owens Show war ein Akt der Verkommenheit. Sie sollte uns in eine andere Welt transportieren: eine widerliche Welt, in der wir unseren Vorstellungen freien Lauf lassen können und unsere Körper vielleicht erniedrigt werden. Aber auch eine Welt von unmöglichem Glamour und Reichtum, von Cross-Dressing und Grime, Androgynität und Verwirrung, von der prahlerischen und unermüdlichen Zurschaustellung deines Penis zu jeder Zeit. „Wer kommt sonst ungeschoren mit so etwas davon?", fragte sich Owens selber. 

rickowens.eu

Photography Ash Kingston

Credits


Text: Dean Kissick
Selbstporträt: Rick Owens
[Aus The Spectator Issue, no. 220, May 2002]
Backstagefotos: Ash Kingston bei der Rick Owens Autumn / Winter 15 Show