„du bist verrückt mein kind, du musst nach berlin!“

Egal aus welchen Gründen sie nach Berlin kommen, ob es die sexuelle Freizügigkeit der Stadt ist oder die kreativen Möglichkeiten oder die Raves sind: Fotograf George Nebieridze hat die Leute porträtiert, für die Berlin auch im 21. Jahrhundert Zufluchts...

von i-D Staff
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25 August 2016, 8:10am

Cathy from Taipei, Taiwan

Anfang der Woche wurde in der Schöneberger Hauptstraße 155 die Gedenktafel für David Bowie enthüllt. Hier hat der Visionär für zwei Jahre gelebt und war somit einer von vielen, die im Laufe der Zeit nach Berlin gekommen sind und Zuflucht gesucht haben. Und die Stadt hat sie ihnen geboten. Berlin war schon immer ein besonderer Ort für Andersdenkende und Neues, wo sich im 20. Jahrhundert immer wieder neue kulturelle Entwicklungen herauskristallisiert haben: die Explosion an Kreativität in der Weimarer Republik in den 20ern und 30ern, Westberlin in den 70ern und 80ern und natürlich die 90er mit der Tekkno-Revolution. Auch im 21. Jahrhundert bleibt Berlin seinem Ruf treu: Trotz der weltweiten Zunahme an rechter Politik auf der ganzen Welt und dem Gerede von Politikern über Mauern und Grenzen, bleibt Berlin offen für alle. Fotograf George Nebieridze ist selbst Zugezogener und dokumentiert die Veränderungen in der Stadt.

George kommt aus Georgien, ist vor drei Jahren nach Berlin gezogen und hat sich schnell in der Stadt zu Hause gefühlt. „Das passiert sehr schnell", sagt er uns. „Sogar Touristen nennen die Stadt ihr Zuhause. Der Umzug hat sich wie ein Durchbruch angefühlt und ich habe mich sofort als Teil der Stadt empfunden. Berlin ist zu einem untrennbaren Teil von mir geworden."

Als Hommage an die Stadt, die immer wird und niemals ist, hat er die Fotoreihe Nobody's From Berlin in Berlin (deutsch etwa: Keiner in Berlin kommt aus Berlin) gestartet. Es handelt sich um eine Fotosammlung, die aus Porträts besteht, die auf Partys, auf der Straße, in Parks und in Ferienwohnungen entstanden sind. „Auf den Fotos sind Engel und Teufel zu sehen, die ich in den letzten drei Jahren getroffen habe. Einige sind enge Freunde von mir und ein paar der Zusehenden sind auf dem besten Weg das zu werden. Meistens habe ich die Leute auf Partys kennengelernt, wie denn auch sonst. Manchmal entwickle ich einen gewissen Jagdinstinkt und möchte Porträts sammeln", erklärt der Fotograf.

Die Leute, die er fotografiert, sind keine gebürtigen Berliner. Genauso wie er kommen sie aus der ganzen Welt in die deutsche Hauptstadt: aus Australien, den USA, Portugal, Taiwan, Russland und sogar Südafrika. „Ich bin fast drei Jahre in der Stadt und ich kenne weniger als fünf Leute, die aus Berlin kommen. Das liegt nicht daran, dass ich introvertiert bin und mich in meiner Wohnung einschließe oder Berliner hasse. So ist die Stadt aber eben! Die verrückte Vielfalt der Partycrowd, der Kunst- und Modeszene führt zu einem unglaublich dynamischen Stadtleben. Ich finde diese Vielfalt extrem attraktiv und schön", erklärt er. „Was ich aber mit absoluter Sicherheit sagen kann, ist, dass diese Leute echte Berliner sind. Das sind Leute, die die Szene und die Kultur in der Stadt prägen. Ohne sie geht es nicht. Ohne uns wäre Berlin nur eine weitere graue Industriestadt ohne Charakter."


Catalin aus Bukarest, Rumänien

Vor der Kamera von Nebieridze verlieren Fragen der Nationalität an Relevanz und jede Person ist einfach nur Teil von Berlins neuem Tribe. Es ist egal, was sie in die Stadt gebracht hat, ob es die sexuelle Freizügigkeit der Stadt ist oder die kreativen Möglichkeiten oder die Raves sind: George Nebieridze hat die Leute porträtiert, für die Berlin auch im 21. Jahrhundert Zuflucht- und Sehnsuchtsort zugleich ist, sie verkörpern eine Energie, die grenzenlos ist. „Die Leute auf meinen Fotos sehen so entspannt aus, weil nichts gestellt ist", erklärt Nebieridze. „Ich fotografiere sie in Situationen, in denen sie sich frei fühlen. Das Fotografieren geht ganz schnell, es dauert ein paar Sekunden, so müssen sie sich nicht stressen. Die meisten werden für große Kampagnen und von den großen Namen der Fotografie geshootet, aber bei mir können sie sie selbst sein."

Steven aus Leingarten, Deutschland

„Ich liebe es, Leute zu fotografieren, aber ich konzentriere mich selten auf Porträts wie in dieser Fotoreihe", fügt er hinzu. „Ich mag es, Menschen und die Umgebung in meinen Fotos miteinander zu verschmelzen. Doch dieses Mal standen die Leute, die mich jeden Tag inspirieren im Vordergrund. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an diese Engel und Teufel, keine Museen und keine Sehenswürdigkeiten können sie ersetzen." Die Fotos sind daneben auch ein faszinierender Blick in den Style der Berliner Cool-Kids, ein Look, den junge Leute auf der ganzen Welt bewundern und nachahmen. 

Eine Kombination aus Sportswear, Leder, Unerschrockenheit und Sinn für Humor ist in allen Fotos präsent, bestes Beispiel die selbstgebastelte Hommage an Vetements. „Ich würde es vermeiden, den Berliner Style in einem Satz zusammenzufassen, auch wenn es Leute gibt, die bestimmten Trends folgen", sagt Nebieridze. „Sporty und Trashig ist zum Beispiel immer noch beliebt. Es gibt auch viele, die eine Mischung aus Health-Goth-meets-Skandinavien tragen. Die Leute auf den Fotos zeigen ihren eigenen Style, den man nur schwer ignorieren kann. Außerdem werden die großen Modetrends auf den Straßen geboren. Sachen, die ich auf den Laufstegen von Vetements oder Gosha Rubchinskiy gesehen habe, wurden in Berlin schon 2014 getragen."

Graham aus Fresno, USA

Berlin ist heute eine Stadt, die durch die kreative Energie all der Leute aus der ganzen Welt angetrieben wird. Der Geburtsort einer multikulturellen Zukunft. Oder ist das nur eine Utopie? George Neberiedze ist davon überzeugt, dass es noch viele Porträts geben wird:„Ich muss noch so viele mehr fotografieren", sagt er zum Abschluss. „Diese Leute sind für mich und viele andere eine große Inspirationsquelle. Interessant ist doch auch, dass die Leute so schnell kommen und wieder gehen. Der Zustrom reißt nie ab und es werden immer mehr."

Ande aus New York, USA
Davide aus Neapel, ItalienGeorge aus Tiflis, Georgien

Jonathan aus Jacksonville, USA. Matthew aus Brisbane, Australien
Kewin aus Paris, Frankreich

Nicolas aus Wien, Österreich
Temulin aus Ulaanbaatar, Mongolei

Karsten aus Herne, Deutschland. Alexandra aus Chisinau, Moldawien
Braulio aus Lissabon, Portugal

Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Anastasiia Fedorova
Foto: George Nebieridze

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Kultur
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