die pornotagebücher von bruce labruce

Das neue Buch "Porn Diaries" des Kultregisseurs ist mehr als eine lustige Anekdotensammlung und erzählt die Geschichte seiner eher zufälligen Karriere als Porno- und Arthouse-Regisseur.

von Nadja Sayej
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24 August 2016, 8:56am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Bruce LaBruce, der kanadische Pornoregisseur, Autor und Fotograf mit Kultstatus, bekannt für Filme wie Hustler White und The Rasperry Reich, hat ein neues Buch herausgebracht: Porn Diaries: How to Suceed in Hardcore without Really trying. Die Release-Party fand passenderweise im Berliner Schwulen-Sexclub Ficken 3000 statt.

Die Schlange mit den Bomberjacken tragenden Leuten reicht bis weit auf die Neuköllner Urbanstraße. Das Ficken3000 ist bumsvoll. Der Kanadier schlängelt sich durch die Massen und schießt mit seinem iPhone Fotos, die er gleich auf seinem Instagram-Account teilt. Er schnappt sich ein Mikrofon und stellt sein neues Buch vor und ruft in die Menge: "Ich finde, dass ihr alle gerade zu viel anhabt. Es wird Zeit, dass ihr euch auszieht."


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Besser hätte die Einführung zu seinem Buch nicht sein können, eine Textsammlung über Pornografie. Von lustigen Drehtagebüchern über Fotos vom Set bis hin zu einem Einblick in seine Gedankenwelt: In Porn Diaries sind Aufnahmen zu sehen, die er im Laufe all der Jahre für Pornomagazine fotografiert hat. Es gibt Interviews mit legendären Pornostars, Essays, Zeitungsartikel und Porträts des Regisseurs. " Porn Diaries ist wie ein teures Fanzine", so LaBruce. "Es werden viele Themen angesprochen: was Tuntig-Sein für mich bedeutet, was Homosexualität für mich bedeutet und was mein Verständnis als Regisseur ist— es wird viel philosophiert."

Um den Untertitel zu erklären, muss man schon mehr ausholen: "How to succeed in Hardcore without really trying." Das wirft ein paar Fragen auf. Ist es schlecht, wenn man sich in etwas versucht? Für Bruce LaBruce jedenfalls nicht. Der Untertitel spiele auf sein eigenes, unvorhersehbares Leben an: "Damit beschreibe ich meine eigene Erfahrung: Ich wollte nie Pornoregisseur werden", erklärt er. "Für mich waren meine ersten Kurzfilme und die ersten drei Spielfilme Kunstfilme mit Sexszenen. Nachdem ich allmählich einen Ruf als Pornoregisseur weghatte—wie mein Produzent Jürgen Brüning—, haben wir uns gedacht, dass wir nun echte Pornos drehen sollten." Das war zu der Zeit, als Jürgen Brüning mit Cazzo Film 1996 die erste Berliner Pornoproduktionsfirma gegründet hat. "Ich fing an, immer zwei Versionen zu drehen: Softcore und Hardcore", so LaBruce. Deswegen gibt es seine Filme Skin Flick, L.A. Zombie und The Raspberry Reich in zwei Ausführungen.

Das Buch ist äußerst unterhaltsam und lustig. In den Produktionstagebüchern beschreibt er die Probleme, die manche Pornodarsteller mit Texten hatten, und dass das Catering am Set wie Gefängnisessen geschmeckt hat. LaBruce gewährt uns so einen Einblick in die Realität der Pornofilmindustrie—jenseits der Fantasie. "Mich haben schon immer die Filmkonventionen und die Mechanismen von Pornos interessiert. Das wird in meinen Filmen immer wieder deutlich und mit meinen Filmen nehme ich diese Konventionen auseinander", erklärt er. "Ich arbeite zwar innerhalb gewisser Genregrenzen, aber versuche immer, diese zu hinterfragen und aus einem Porno—soweit es geht—einen narrativen Spielfilm zu machen. In meinen Filmen porträtiere ich oft Charaktere, die selbst Filmemacher oder Pornoregisseure sind. Das führt zu dem Film-im-Film. So wird eine Distanz zum sexuellen Inhalt aufgebaut und die Zuschauer sind sich ihrer Rolle als Betrachter und der Pornokonventionen bewusst. Ein Kritiker vom Flash Art Magazine nannte mich mal den Porno-Brecht."

Porn Diaries beleuchtet auch die Herausforderungen für Filmemacher aus der Independent-Szene. Es erfordert Geduld, harte Arbeit und ständiges Herumdoktern. So beschreibt er, wie an einem Produktionstag seine Nerven blank liegen, weil er sich mit einem Produktionsassistenten und amateurhaften Kostümdesignern herumstreitet und er darauf schwört, dass das Haus, in dem sie filmen, verflucht sei. Aber irgendetwas scheint ihn immer weiter anzutreiben.

"Ich habe dieses schräge Verlangen, immer zu Filme zu drehen, auch wenn ich es als enorme Anstrengung empfinde. Wenn ich nach einer bestimmten Zeit nicht an einem Spielfilm arbeite, werde ich depressiv und bekomme Zustände", so der kanadische Filmemacher. "Mich spornt das Feedback der Leute an weiterzumachen. Sie erzählen mir, wie sehr meine Filme sie beeinflussen oder inspirieren. Das ermutigt mich weiterzumachen."

Das neue Buch ist die Fortsetzung zu seinen 1998 erschienen Memoiren The Reluctant Pornographer, eine Sammlung seiner Kolumnen aus kanadischen Magazinen. In Porn Diaries gibt es nicht nur neue Sachen von Bruce LaBruce zu lesen, sondern erstmals werden bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen vom Dreh von L.A. Zombie gezeigt. Im Produktionstagebuch für The Rasperry Reich, der Film ist 2002 erschienen, schreibt der Regisseur über einen Streit mit einem seiner Artdirektoren. Es ging um die Porträts der berühmten Terroristen, darunter auch Osama bin Laden. Heute sieht Bruce LaBruce seine Terrorismus-Referenzen etwas anders. "Ich glaube nicht, dass Terrorismus heute so glamourös ist, wie er einmal war", sagt LaBruce, der von linksextremen Terrorgruppen wie der Roten Armee Fraktion oder den Weathermen inspiriert wurde, die für ihn ein sexualisiertes Image hätten. "Diese Leute haben an freie Liebe geglaubt."

Mit 52 Jahren dreht er immer noch Pornos. Sein neuester Kurzfilm Refugees Welcome, der bei Erika Lust Films erscheint, handelt von einer Liebesgeschichte zwischen einem tschechischen Dichter und einem syrischen Flüchtling und spielt in Berlin. Daneben hat er die Produktion an seinem neuen Spielfilm The Misandrists abgeschlossen. Es geht um eine feministische, lesbische Terrorgruppe, die mit Lesbenpornos eine sexuelle Revolution planen. "Der Film beinhaltet Elemente von Tuntigkeit, 70er-Softcore-Pornos, Melodrama und sogar von einer romantischen Komödie", verrät er uns. "Aber der Film ist auch hochpolitisch und feministisch."

Die freie Liebe in seinen Filmen spiegelt Bruces eigene Liebesphilosophie wider. Wie Gudrun im Film The Rasperry Reich überzeugt sagt: "Die heterosexuelle Monogamie ist ein bürgerliches Konstrukt, das zerstört werden muss." Eine Anschauung, die seine eigene "militante, anti-monogame Einstellung" reflektiere: „Ich lebe in einer offenen Ehe und ich verliebe mich ständig in andere Leute", sagt er zum Schluss. "Du musst deinen Reichtum mit anderen teilen!"

Porn Diaries: How to Suceed in Hardcore without really trying ist bei Editions Moustache erschienen und ist hier erhältlich.

Credits


Text: Nadja Sayej
Fotos: Courtesy of Bruce LaBruce

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