das erste interview mit adele seit drei jahren

Adele Adkins ist besonders. Sie hält sich aus dem Medienrummel raus, verzaubert (vielleicht genau deshalb) alle und ihre Musik ist besser als jemals zuvor. Sie ist vielleicht die wichtigste britische Künstlerin ihrer Generation.

von Hattie Collins; Übersetzt von Michael Sader
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Okt. 28 2015, 12:50pm

Als sie zehn Jahre alt war, starb Adeles Großvater. Sie war erschüttert. „Ich habe ihn so sehr geliebt, mehr als alles Andere." Neben ihrer eigenen Trauer fühlte sie den Verlust für ihre Großmutter mit. „Mein Opa und meine Oma verkörperten für mich immer die ideale Beziehung - ideale Freundschaft, Gemeinschaft - alles. Auch wenn ich glaube, dass es Vieles gibt, worüber ich nichts weiß, war es als Enkelin einfach immer traumhaft. Ich war so traurig." Der Kummer war so groß, dass sie damals entschied, Herzchirurgin zu werden. „Ich wollte die Herzen der Menschen heilen", sagt sie. Ein Jahr später ging sie auf die Highschool und belegte Biologiekurse auf der Balham Chestnut Grove School, bis sie „Spaß und Jungs" entdeckte. „Ich gab den Plan einfach auf. Mein Herz schlug nicht mehr dafür." Das war es dann mit Adeles Herzchirurgie-Ambitionen.

Ein Jahrzehnt nach dem Tod ihres Großvaters kehrte Adele aus L.A. zurück nach London, an der Westküste nahm sie mit dem Produzenten Dan Wilson den Nachfolger zu ihrem Debütalbum 19 auf. Nach einem 11-Stunden-Flug und und mit Jetlag fuhr sie zu ihrer Mutter. „Ich spielte ihr die ungemixte Version von ‚Someone Like You' vor", erinnert sie sich. „Sie hatte feuchte Augen. ‚Du bist eine Chirurgin', sagte sie mir. ‚Du heilst die Herzen der Leute'." Sie pausiert und schüttelt sich: „ Es ist ein bisschen so wie in Sie liebt ihn - sie liebt ihn nicht".

Die Stereotypen im Was-wäre-wenn-Comedy-Drama mit Gwyneth Paltrow ziehen sich wie ein roter Faden durch Adeles neues Album 25. Als sie bereit war, die Arbeiten daran zu beginnen, lief sie in ein Geschäft („Ich laufe tatsächlich", sagt sie und lacht) und kaufte sich ein brandneues Notizbuch. „Das mache ich bei jedem Album. Ich kaufe mir ein neues Notizbuch, ich rieche daran - weil Geruch wichtig ist - und dann schnappe ich mir einen Stift und schreibe in großen, fetten Zahlen mein Alter auf die erste Seite. Fünf Ausrufezeichen folgten auf 25, weil ich einfach dachte ‚Wie zur Hölle konnte das passieren?!', erst noch 21 Jahre und nun 25 Jahre." Das Album handle vom Älterwerden und vom Nostalgisch-Werden, erklärt sie. Es geht darum, was war, was ist und was hätte sein können. Es geht um Dinge, von denen man erst hinterher weiß, dass sie kostbar sind, so wie mit 18 Jahren mit seinen Freunden zwei Flaschen Cider im Brockwell Park zu trinken. „Das waren die realsten und besten Momenten in meinem Leben und ich wünschte, dass ich gewusst hätte, dass ich nicht mehr im Park sitzen und eine Flasche Cider trinken werden kann." Nicht weil sie berühmt ist, sondern weil ihr Leben - und das ihrer Freunde - nicht stehengeblieben ist. Keiner ist mehr Teenager. „Ich glaube, das Album handelt davon, mit der Vergangenheit aufzuräumen", sagt sie ruhig. „Mutter zu werden und nicht mehr Mitte zwanzig zu sein, ich habe einfach keine Energie mehr, um mich über die vielen Dinge, die mich ärgern, aufzuregen." Sie hat sich gerne aufgeregt? „Oh ja. Ich habe das ganze Drama geliebt", sagt sie. „Jetzt bin ich aber Mutter und in meinem Kopf gibt es keinen Platz mehr für solche Dinge. Ich musste mit Vielem aufräumen, was wie eine Therapie wirkte. Das Leben ist einfach viel schöner, wenn man nicht der Vergangenheit nachtrauert."

25 wird von Kritikern vermutlich als Reflexion über Ruhm und Glück interpretiert werden, wobei die Einschätzung weder korrekt noch fair scheint. Wie schon bei ihren früheren Alben versteht es Adele, individuelle Erfahrungen in ein kollektives Gefühl zu übersetzen. Das erreicht sie mit ihrer Stimme und mit ihrem Songwriting, was einerseits mitreißend, einfach, aber auch wachrüttelnd ist. Ihr Herz schmerzt, weil unsere Herzen schmerzen. Sie ist verzweifelt, wir sind verzweifelt - unabhängig davon wer wir sind und was wir tun. Es geht darum, wie wir uns in unseren Zwanzigern massiv verändern, ob wir nun eine weltberühmte Sängerin, eine Uniabsolventin, ein Handwerker oder frischgebackene Mutter sind.

25 ist kein zweites 21 - das Album, das sich über 30 Millionen Mal verkaufte und aus dem Liebling der Kritiker einen globalen Superstar machte. „Mir war es wirklich wichtig, 21 nicht zu wiederholen. Ich wollte auf keinen Fall ein Herzschmerz-Album machen. Ich habe kein gebrochenes Herz. Wahrscheinlich bin ich auch gar nicht in der Lage gewesen, es besser zu machen, also was wäre der Nutzen? Das klingt jetzt ein bisschen klischeehaft, oder?", sagt sie. „Wie ich mich gefühlt habe, als ich die Songs für 21 geschrieben habe, will ich mich nicht nochmal fühlen. Das ist es nicht wert." Wie hat sie sich damals gefühlt? „Ich war sehr traurig und sehr einsam. Unabhängig vom Mutter- oder Freundin-Sein, ich will mich nie mehr so fühlen", unterstreicht sie.

Adele Laurie Blue Adkins - jetzt 27 Jahre alt und mit einem MBE dekoriert - erscheint zu ihrem ersten Interview in drei Jahren durch die Schiebetüren der Künstlerlounge im Londoner Büro ihres Musiklabels XL, bei dem auch Dizzee, M.I.A. und Tyler, The Creator unter Vertrag stehen. Letzterer kennt Adele und beschrieb sie 2014 gegenüber i-D als „Quelle strahlender Freude". Sie setzt sich, trägt Kopfhörer, hat ihr Macbook Pro dabei, eine XL Promo-Bomberjacke an, ein iPhone 6 in der Hand und einen Bob-der-Baumeister-Rucksack. Sie fragt nach einem grünen Tee. „Ich versuche, gesund zu leben", murmelt sie, bevor sie lachend erklärt, dass es sich so anfühlt, als hätte man gerade Chinesisch gegessen, wenn man einen grünen Tee trinkt. „Der Geschmack erinnert mich an Wan Tans", sagt sie.

Sie trägt schwarze Leggins, ein schwarzes Oberteil, einen schwarzen Cardigan, schwarze Nike 5.0+ Shields, keinen Nagellack und keinen Schmuck, außer zwei große Ohrringe. Adele legt sich locker auf den Boden und bereitet sich darauf vor, i-D sieben Songs aus 25 vorzuspielen. „Ich bin nervös", gesteht sie und schaut mich kurz mit ihren leuchtend grünen Augen an, als sie mit dem AV-Kabel hantiert. „Du bist die erste Person nach meinem Manager, die die Songs hört." Sie scrollt durch ihre iTunes-Bibliothek. „OK, fuck, was soll ich zuerst spielen? Okay, dieser Song heißt ‚Hello' und wird die erste Single." Sie klickt auf Play und wir sind verzaubert. Adeles Stimme nach vier Jahren zum ersten Mal zu hören, ist wirklich wundervoll. In der aktuellen und tollen Poppalette aus Songs einer Taylor, einer Rihanna oder einer Miley, haben Adeles Vocals einfach gefehlt. Dreieinhalb Minuten später und wir beide haben Tränen in unseren Augen - nun ja, ich jedenfalls.

Das Musikvideo dazu entstand Anfang Oktober in Toronto zusammen mit dem in Cannes ausgezeichneten Filmemacher und Schauspieler Xavier Dolan. Sie musste bei ihm schauspielern, was ihr überraschenderweise gefallen hat. „Er sagte, dass ich ziemlich gut sei. Ich musste weinen und alles. Ich fühle mich ein bisschen schlecht, nachdem ich die ganzen Jahre gesagt habe, ich würde nie schauspielern, weil es mir wirklich Spaß gemacht hat." Sie musste ihren dann zweijährigen Sohn Angelo [im Oktober feierte er seinen dritten Geburtstag] zu Hause lassen, was ihr schwer gefallen ist. „Das war das Anstrengendste, was ich jemals getan habe - ohne mein Baby zu sein." Wie ist das Leben als Mutter? „Es ist verdammt hart. Ich dachte, dass es einfach wäre. ‚Jeder macht es, also wie schwierig kann es schon sein?'". Sie holt dramatisch tief Luft: „Ich hatte keine Ahnung. Es ist hart, aber auch phänomenal. Es ist das Beste, was ich jemals getan habe. Ich werde bei ihm wie bescheuert und ich fühle mich jung in seiner Gegenwart. Es gibt keine bessere Erdung, als wenn ein Kind sich weigert, das zu tun, worum man es bittet." Adeles Kindheit unterscheidet sich wahrscheinlich von der ihres Sohnes. Aufgewachsen ist sie im Londoner Stadtteil Tottenham mit ihrer alleinerziehenden Mutter Penny, die sie mit in die Brixton Academy schmuggelte, um The Beautiful South und The Cure zu sehen. Adele stammt aus einem typischen Arbeiterhaushalt. „Ich hatte eine tolle Kindheit. Ich wurde sehr geliebt, was mir jetzt als Mutter erst richtig bewusst wird. Die Art und Weise, wie ich erzogen wurde, und die Werte sind dieselben geblieben, aber das Umfeld, in dem ich mein Kind großziehe, unterscheidet sich sehr. Es war schön, aber es liegen Welten zwischen damals und heute, und ich bin mir dessen sehr bewusst."

Ähnlich wie bei „Someone Like You" so fühlt sich auch „Hello", der von Greg Kurstin produziert wurde, „wie ein Moment" an. Das Herz pocht schneller und dann wieder langsamer und dann wieder schneller. „Im Song geht es darum, dass man die Gefühle anderer verletzt hat. Außerdem dreht sich der Song auch darum, bei mir selbst zu bleiben, was manchmal ein bisschen schwierig sein kann", erklärt sie. „Es geht um die Sehnsucht nach der anderen Seite von mir. Wenn ich unterwegs bin, dann vermisse ich mein Leben zu Hause. Das Gefühl, wenn ich nicht in England bin, ist ein Gefühl der Verzweiflung", sagt sie nach einer Pause. „Ich kann nirgendwo anders atmen." Wieso? „Ich hänge so an meinem Leben hier. Ich bekomme Panik, dass ich etwas verpasse. Also in ‚Hello' geht es darum, zu Hause bleiben zu wollen und jeden zu erreichen, den ich jemals verletzt habe - einschließlich mir selbst. Ich entschuldige mich dafür."

Anfangs schießt es mir in den Kopf, dass der Song eine Art Entschuldigung gegenüber dem Typen, den sie datete, sein könnte; der Typ, von dem „Someone Like You" handelt. „Oh Gott nein", sagt sie sofort. „Das ist ein für alle mal erledigt. Das ist schon seit Jahren erledigt. Der Song handelt nicht von einer bestimmten Person. Es geht um Freunde, Ex-Freunde, um mich selbst, es geht um meine Familie. Und es geht auch um meine Fans. Ich habe das Gefühl, dass jeder denkt, ich bin so weit weg und das bin ich gar nicht. Jeder glaubt, dass ich in Amerika lebe. Ich lebe nicht in Amerika." Ganz nach der Mentalität der Arbeiterklasse kann sie den Gedanken nicht ertragen, dass jemand jemals denken könnte, dass sie sich verkauft hat; dass sie ihre Wurzeln vergessen hat. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute nicht mit mir sprechen wollen, weil sie befürchten, dass ich mich verändert habe. Aber ich selbst denke, dass immer noch ich bin."

Sie spielt mir insgesamt acht Songs vor. „Rolling In The Deep"-Produzent Paul Epworth ist mit der gespenstischen Hymne „I Miss You" vertreten. Adele nickt mit und ist schmallippig. Es geht in dem Song um Sex oder? Sie bricht in schallendes Gelächter aus. „Es geht um Intimität auf jede erdenkliche Weise. Es geht um Sex, es geht um Streit, einer der intimsten Momente in meinem Leben. Es sprudelt alles aus einem heraus. Es ist ein bisschen so wie mit dem Spruch ‚Alkohol lockert die Zunge'. Das ist mein Lebensmotto. Deshalb trinke ich kaum noch Alkohol. Die Panik, die einem am nächsten Morgen packt, wenn man aufwacht." Sogar Adele schiebt einen Film am Morgen danach.

„When We Were Young" könnte das „Rolling In The Deep" des Albums werden: ein großartiger Liebessong. Eine Discoballade im 70er-Stil die von Ariel Rechtshaid produziert wurde. Tobias Jesso Jr. hat auch mitgeschrieben; ein Unbekannter, bis Adele ihn durch den Song „Hollywood" entdecke und ihn über Twitter berühmt machte. Sie flog nach L.A. und nahm das Lied im Haus der Großmutter eines Freunds von Tobias am Piano von Philip Glass auf, wie man das eben so macht. „Früher wurden dort verrückte Parties gefeiert. Aus irgendeinem Grund stand dieses Piano dort und wir schrieben den Song da."

„A Million Years Ago" wurde von Greg Kurstin produziert, erinnert an die Tito-Puente-Jahre von Celia Cruz und zaubert noch mehr Tränen ins Gesicht, jedenfalls in meines. I miss the air/ I miss my friends/ I miss my mother/ I miss it when life was a party to be thrown /but that was a million years ago. „Du magst diesen Song wirklich?", fragt sie mich merklich überrascht. „Er kam erst vor drei Tagen aufs Album, in allerletzten Minute. Er ist sehr reduziert, sehr 19. Das bin nur ich an der Gitarre." Sie entscheidet sich, mir noch einen Song vorzuspielen. „Willst du den Danger-Mouse- oder Bruno-Mars-Track hören?" Das ist eine unmöglich zu beantwortende Frage, also entscheidet Adele für mich und wir hörten beide. 

„River Lea" ist eine Art „Hometown" 3.0. When I grew up as a child I grew up on the River Lea/ Now there's some of that water in me. To wit: I'll never change. Tottenham is my mind, body and soul. Der Bruno-Mars-Song ist irgendwie alles. „Wir wollten etwas Cooles machen, aber dann hatten wir zu viel Spaß." Irgendwie ist er chic wie Barbra Streisand und Bette Midler und hat einen immensen Effekt auf den Zuhörer. Sogar der Notenschlüssel wechselt. Er ist herrlich over-the-top. „Ich habe noch nie so hart in meinem ganzen Leben gesungen. Kannst du dir vorstellen, wie viel Spaß Bruno und ich während der Aufnahmen hatten?" Ehrlich gesagt: Ja.

Im Unterschied zu ihren ersten beiden Alben, die hörbar Soul-, R 'n' B und Bluegrass-Annäherungsversuche waren, ist 25 in zeitgenössischer Popmusik verwurzelt, obwohl es einige sehr deutliche Referenzen an die 70er mit The Carpenters, Aretha, Carly Simon und Stevie Nicks gibt, die sie kürzlich bei einem Konzert traf. Die Nacherzählung des Treffens bereitet ihr große Freude. „Ich habe die ganze Zeit geschluchzt, oh mein Gott. Ich weine nicht gerne vor berühmten Leuten, weil es schräg ist und sie könnten sich dann unwohl fühlen. Aber ich konnte mir einfach nicht helfen."

Viel wurde darüber spekuliert, wieso 25 so lange auf sich warten ließ. Aber Adele wollte und konnte sich nicht hetzen. „Manchmal frage ich mich, ob es ein Jahr früher hätte sein sollen. Aber ich bin eben Mutter. Ich konnte es nicht überstürzen. Man muss den Leuten die Chance geben, dass sie einen vermissen können." Im Jahr 2013 versuchte sie, zurück ins Studio zu gehen und probierte neue Sachen im Studio von Freund Kid Harpoon aus: „Einfach aus Spaß, um wieder reinzuschnuppern. Tom und ich haben uns super verstanden, also ging ich mit ihm ins Studio, weil ich wusste, dass es keinen Druck geben würde. Wir haben einfach miteinander geredet und Chocolate Tempura bestellt. Ich weiß nicht, wieso ich noch nicht bereit war. Ich fand einfach keinen Zugang zu mir selbst."

Auch ein paar Monate später änderte sich das nicht, als sie nach New York flog, um mit dem „One Republic"-Frontmann Ryan Tedder zusammenzuarbeiten, mit dem sie auch schon „Turning Tables" und „Rumour Has It" schrieb. Aus dieser Session entstand der Song „Remedy" über beste Freunde, ihre Großeltern und ihren Freund, aber hauptsächlich geht es um ihren gemeinsamen Sohn mit Simon Konecki, mit dem sie immer noch zusammen ist. „Weil ‚Remedy' so toll ist und weil ich es geliebt habe, den Song zu singen, wurde ich enthusiastisch und dachte ‚Ich habe den Dreh raus'. Ich hatte den Dreh nicht raus", sagt sie todernst. „Also haute ich ein paar blöde Songs raus, sie waren nicht blöd", berichtigt sie sich selbst. „Es waren gute Popsongs, aber ich wollte sie einfach nur heraushauen, ich wollte nicht darüber nachdenken. Und ich wurde abgelehnt. Mein Manager sagte mir ‚Das ist nicht gut genug'". Autsch. „Das versetzte meinem Selbstbewusstsein einen Schlag, aber ich wusste das. Dann ließ ich Rick Rubin einfliegen, um ihm die Tracks vorzuspielen und er sagte mir nur ‚Ich glaube dir nicht'. Das ist meine größte Angst: Dass mir die Leute nicht glauben. Also habe ich von vorne angefangen."

Eines Tages trafen sie und Ryan Tedder sich zum Mittag und im Radio lief Taylor Swifts „Trouble". „Meine Reaktion war ‚Ich liebe diesen Song, von wem ist der?' und seine Antwort ‚Max'. Darauf ich ‚Oh, Max?', seine Reaktion darauf ‚Max Martin!' und ich daraufhin ‚Max Martin?'". Der weltweite Nummer-eins-Songwriter, den sie entdeckte, als Ryan Tedder ihr einen Link zu einem YouTube-Video seiner Arbeiten schickte. Taylor Swifts „Trouble" war ein weiterer Meilenstein für 25. „Send My Love to Your New Lover" ist ein bisschen wie Max Martins „Can't Feel My Face" für The Weeknd - komplett unerwartet. Irgendwie erinnert er an Calypso („Er macht Spaß. Man muss nicht immer die ganze Zeit düster sein.") und hat einen tollen Opener: This was all you/ none of it me. „Ich liebe das. Es ist einfach genial", sagt sie. „Ohne Zögern werden ein Million Leuten in meinem Leben denken ‚Was habe ich nur getan'."

Das Grundgerüst des Songs schrieb sie mit 13. Nachdem sie entschied, keine Herzchirurgin zu werden („weil Jungs"), wurde 2008 die Inspiration für ihre aktuelle Karriere in Form von Frank von Amy Winehouse veröffentlicht. Adele nahm sich sofort die Gitarre und begann, zu schreiben. „Wenn es Amy und Frank nicht gegeben hätte, dann hätte ich mit 100-prozentiger Sicherheit keine Gitarre angefasst, ich hätte weder „Daydreamer" noch „Hometown" geschrieben. „Someone Like You" ist auch auf der Gitarre entstanden. Trotz anderslautender Berichte, kannten ich Amy nicht wirklich. Wir waren nicht befreundet. Ich ging auf die Brit School und sie für eine Weile auch. Aber wenn ich Frank nicht gehört hätte, dann wäre das alles nicht passiert. Ich verehrte sie."

Wir sprechen über die aktuelle Dokumentation Amy. „Ja, ich habe sie gesehen", sagt sie. „Ich wollte nicht. Ich habe Amy geliebt und ich ging durch meinen eigenen Trauerprozess als Fan. Ich hatte endlich eine Phase erreicht, in der ich erkannt und akzeptiert habe, welchen Einfluss sie auf mein Leben hatte. Ich hatte einen positiven Eindruck. Dann habe ich diese Kritik über den Film gelesen und deshalb habe ich mir den Film schließlich angeschaut." Was denkt Adele über den Film? „Bei den Beerdigungsszenen wurde ich sehr emotional. Aber die Szenen mit den gespeicherten Voicemail-Messages haben ich nicht so gemocht", sagt sie und legt die Stirn in Falten. „Ich hatte das Gefühl, dass ich in ihre Privatsphäre eindringe, ich fühlte mich unwohl und das hat für mich den Film ruiniert. Ich liebe es, sie zu sehen, aber ich wünschte, ich hätte den Film nicht angeschaut. Aber ich liebe Amy. Das habe ich immer und das werde ich immer. Weißt du, was mich super traurig macht? Dass ich ihre Stimme nie wieder hören werde, außer so wie ich sie früher gehört habe." Wir beide haben Tränen in unseren Augen, ich zumindest. Die Parallelen zwischen Adele und Amy fallen sofort ins Auge. Beides sind Mädchen aus dem Londoner Norden, die ihre Ellas und Ettas geliebt haben, deren Leben ohne Väter stattfand und die dachten, dass sie ein - vielleicht auch zwei Alben - veröffentlichen, im Mojo über sie berichtet wird und dann einfach ihre Leben leben. So kam es für beide nicht, und man merkt, dass es beide wirklich schockierte. Aber in ihrer Unterschiedlichkeit liegt vielleicht die Erklärung, wieso Adele noch hier ist und wieso es Amy nicht mehr ist.

Es ist das dritte Mal, für das dritte Album, das ich Adele interviewe. Das erste Interview fand 2008 und das zweite im Jahr 2011 statt. Jedes Mal war sie eine äußerst angenehme Gesprächspartnerin: unglaublich lustig, präsent, interessiert und ehrlich. In der Vergangenheit hat sie Freunde daran gehabt, sich über Popstars zu scherzen - niemals böse und dabei immer charmant, ähnlich wie Amy Winehouse. Adele ist jetzt vielleicht vorsichtiger, als sie es damals war. Sie ist aber immer noch wild und unangemessen, Gott sei Dank. „Ein paar Tage vor der Skyfall-Premiere habe ich mein Kind bekommen, deshalb habe ich nichts dafür getan. Mein Kind konnte jede Sekunde auf die Welt kommen, also wirklich jede Sekunde."

Adele bringt viel unter in einem 90-minütigen Gespräch, sie spricht unglaublich schnell. Sie hat keinen Facebook-Account, sie nutzt weder Netflix noch Podcasts, aber sie ist besessen von MTVs Teen Mom, The Walking Dead und American Horror Story. Zu Hause singt sie nicht viel, außer „Row, Row, Row Your Boat" und den ein oder anderen Alison-Krauss-Song, dann schreit aber ihr Sohn, sie lacht. Die Highlights in den 21-Jahren, sagt sie, seien neben den Preisen und Auszeichnungen Dinge wie ihre bestandene Führerscheinprüfung gewesen. („Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich tatsächlich Auto fahren kann"). Sie habe „die ganze Zeit" geweint, als „Someone Like You" auf Platz eins der Charts ging, ihre erste Nummer eins überhaupt und erinnert sich stolz an ihren Auftritt bei den Brit Awards. „Ich hätte niemals gedacht, dass das Album mein Leben so verändern würde, wie es schließlich tat. Ich war so nervös, als ich alleine auf der Bühne der Brit Awards stand und den Song sang." Sie spricht über die Golden Globes, wie betrunken die Hollywood-Stars waren und wie sie backstage geht und die Hand von niemand Geringerem als George Clooney greift. Sie spricht über den Videodreh zu „Hello" und wie Xavier sie aufforderte zu weinen, also musste „Jealous" von Labrinth gespielt werden. „Sobald das Piano einsetzt, weine ich. Überall Schnotter. Den Song packe ich nicht. Du könntest ihn auf dem Geburtstag von meinem Kind spielen und ich würde weinen. Sie besitzt ein Gespür für Theatralik. Zu Ehren von Barbra Streisand steht ihr Oscar an seinem jetzigen Platz. Das Kleid auf dem roten Teppich, der Oscar und der Umschlag sind im Schrank neben dem „Best Mummy Award". Brits, Grammys und einen Oscar: 2011 muss sagenhaft gewesen sein. „Das ist immer noch alles eine Überraschung", betont sie. Nachdem sie 2007 jemand von XL auf MySpace hörte, wurde sie zu einem Treffen eingeladen. Sie dachte, dass sie als Scout verpflichten werden sollte. „Ich habe nichts davon kommen sehen. Mir war nicht klar, dass es von selbst so eine mitreißende Kraft entwickeln würde."

Über bestimmte Bereiche ihres Privatlebens spricht sie nicht. Sie erwähnt nicht ein Mal ihren Sohn oder ihren Freund mit Namen. Das Thema Vater, mit dem sie seit Jahren zerstritten ist, kommt nur einmal auf, als sie über ihren Großvater spricht. Sie beschreibt ihn als „nicht der Vater meines Vaters", pausiert dann und sagt: „nicht der Vater meiner Mutter". Vor dem Interview sei sie aufgeregt gewesen, gibt sie zu. „Wenn man ständig Interviews gibt, dann kann man sich schon ungefähr vorstellen, was man sagen wird und im Prinzip wurde schon jede Frage gestellt. Ich war nervös, weil ich Angst vor der Frage ‚Wieso bist du nicht gerne berühmt' hatte, und so ist es nicht." Mag sie Ruhm nicht? „Ich habe Angst davor. Ich habe Angst davor, dass er mich zerstört und mich ruiniert; dass ich verloren bin und ich mich in solche Leute verwandle, die ich mit meinem ganzen musikalischen Herzen liebe. Ich bekomme Angst. Ich habe Angst um die Leute, die ich liebe; dass sie das Gefühl bekommen, dass sie mich verloren haben." Sie bemerkt, dass sie vielleicht etwas ernsthaft, etwas schwermütig herüberkommen könnte. „Es ist im Prinzip wie die Mini Playback Show. Man geht in den Rauch und kommt als andere Person wieder heraus", und sie stößt einen erneuten Lacher los. „Ich mache mir Sorgen, dass sie sehen, wie ich in den Rauch gehe, und nicht wieder herauskomme. Ruhm ist giftig. Ich habe genug Gifte in meinem Körper, ich brauche nichts davon."

Für eine Künstlerin, die so berühmt wie Adele ist, ist es erstaunlich, dass im Jahr 2015 der ganze Medienrummel so flach gehalten werden kann. Wie viele Stunden, Tage oder Monate müssen Kim & Co. online damit zu bringen, um die Marke Kardashian am Laufen zu halten. Sogar die Ellie Gouldings dieser Welt sind ständig auf Twitter, und versichern Fans, dass sie jede Minute ihrer Existenz mit Faninteraktion verbringen. Adele twittert kaum, sie hat erst kürzlich Instagram und sie wird maximal dreimal im Jahr von Paparazzi behelligt. Wie geht sie dem Ganzen nur aus dem Weg? „Es ist definitiv schwieriger, den Rummel zu vermeiden, als sich damit abzufinden. Ich glaube, dass sich die meisten Leute damit abfinden, weil es einfacher ist. Aber ich kann das nicht. Ich fühle mich nicht wohl, solche Sachen weiterzugeben. Das Foto von mir in Waitrose ist berühmt aus keinem Grund und das ist etwas, für das ich nicht zur Verfügung stehe und damit finde ich mich auch nicht ab." Sie vermeidet Paparazzi-Hotspots wie Bond Street oder SoHo. „Ich tue jetzt nicht eine auf ‚Oh, ich bin unbekannt, lasst mich alle in Ruhe'. Ich möchte einfach nur ein echtes Leben leben können, damit ich Songs schreiben kann. Keiner will eine Platte von jemandem hören, der den Sinn für die Realität verloren hat. Also lebe ich zurückgezogen für meine Fans."

Deshalb ist Adele so wichtig. Nicht weil sie Millionen Alben verkauft und jeden Preis gewinnt, sondern sie ist mir und dir wichtig, weil sie über das Leben auf eine Art und Weise singt, die uns tief bewegt und berührt, und sie tut das trotz Wörtern wie „Engagement", „Coverage" und „Reach". Sie macht beim Fame-Game nicht mit. Sie erfindet keinen neuen Look oder kein neues Konzept mit jedem Album. Adele ist Künstlerin und keine Entertainerin. Sie ist die Patsy Cline, Stevie Nicks, Frank Sinatra und Aretha Franklin dieser Generation. Sie macht wichtige Alben, die das kollektive Bewusstsein ansprechen, und sie singt Songs, die etwas bedeuten. Sie schreibt sie für sich selbst, in ihrer eigenen Zeit und wenn sie fertig sind, dann veröffentlicht sie ein Album und sie gibt ein paar Interviews.

Wird 25 so erfolgreich wie 21? Wen interessiert es? Es wird ein 29, 42 und hoffentlich ein 89 geben. Adele ist eine lebenslange Künstlerin, ob ihr nächstes Album nun Platinstatus erreicht oder nicht. Es wird immer Musik von ihr geben, weil sie einfach immer singen wird. Und hoffentlich wird sie dabei so ehrlich und so offen bleiben. Darin liegt ihre Stärke. „Ich fühle mich gerade ziemlich emotional. Es ist das Ende meines ersten Interviews nach einer langen Zeit, und besonders da das Interview mit i-D stattfand, was ich seit Jahren liebe. Ich habe auf dem U-Bahnsteig gestanden, Parachute-Hosen getragen und euer Magazin gelesen." Sie scheint glücklich, entspannt und mehr als erleichtert - sowohl jetzt am Ende des Interviews als auch generell mit ihrem Leben. „Eine Weile dachte ich, dass dieser Moment nie kommen würde, weil ich keinen Zugang zu mir selbst fand, um Songs für ein Album zu schreiben. Ich bin total stolz auf jeden einzelnen Track. Ich werde mir in die Hosen machen, aber es wird spannend." Was kommt als Nächstes? „Ich würde gerne richtig auf Tour gehen. Ich würde gerne Britney in Vegas sehen. Ich bin mir noch unschlüssig, ob ich noch mehr Kinder möchte. Nach allem was Xavier gesagt hat, vielleicht werde ich mehr schauspielern. Ich würde gerne noch ein weiteres Album machen, sagt sie mit einem Ton der Endlichkeit. „Ich würde gerne die Zeit überdauern. Ich würde gerne so lange Alben machen, so lange mir Zeit auf dieser Welt gegeben ist. Wenn ich das tun kann, dann bin ich echt glücklich." Wir beide haben Tränen in unseren Augen.

@adele

Credits


Text: Hattie Collins
Fotos: Alasdair McLellan 
Fashion Director: Alastair McKimm
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Haare: Malcolm Edwards at Art Partner 
Make-up: Mark Carrasquillo at Art Partner
Nägel: Jenny Longworth at CLM
Fotoassistenz: Lex Kembery, Matthew Healy, Simon Mackinlay
Stylingassistenz: Lauren Davis, Sydney Rose Thomas, Bojana Kozarevic
Haarassistenz: Jason Lawrence
Make-up assistance Al Yokomizo
Produktion: Nina Qayyum at Art Partner, Ragi Dholakia, Alex Hill, Matthew Lawes
Retouching: Output
Besonderen Dank an Gaelle Paul