kleinstadt-amerika aus der sicht von marc cohen

Wir haben dem Dokumentarfotografen, der dieselben Straßen mehr als 50 Jahre lang fotografierte, ein paar Fragen gestellt.

von Emily Manning
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19 Oktober 2015, 2:20pm

Wilkes-Barre hat eine Einwohnerzahl von knapp über 40.000 Einwohnern. Die Kleinstadt liegt im Nordosten des US-Bundesstaates Pennsylvania. Diese Zahl ist aber nichts im Vergleich zu der Anzahl von Bildern, die der Dokumentarfotograf Mark Cohen in den letzten fünf Jahrzehnten in den Straßen der Stadt im Rust Belt geschossen hat. Nach eigenen Schätzungen verfügt er über 800.000 Negative, die er nie entwickeln ließ.

Bandaged Boy on Bike, August 1998

Obwohl Mark Cohen nie aus seiner Heimatstadt aufbrach, um New Yorker Galeristen zu umwerben oder einen Masterabschluss zu machen, gehört der amerikanische Fotograf zu den Pionieren der Dokumentarfotografie. Sein konfrontativer, eindringlicher und spontan wirkender Stil wurde zum Standard in der Dokumentarfotografie. Bereits 1973 widmete das New Yorker MoMA ihm eine Einzelausstellung, als er gerade 30 Jahre alt war. Instagram-Phänomen Daniel Arnold hat seine Methodik für das digitale Zeitalter wahrscheinlich am besten weiterentwickelt. „Wenn man sich die Anzeigen in Vogue anschaut, sieht man viele Bilder, die ich vor 30 oder 40 Jahren aufgenommen haben könnte", sagt er uns am Telefon. „In der New York Times sieht man die ganze Zeit Leute, deren Kopf abgeschnitten wurde. Als ich das als Erster machte, wurde das noch als extrem radikal angesehen, heute ist es normal."

Boy in Yellow Shirt Smoking, 1977

Trotz seines Einflusses und seines künstlerischen Outputs gab es noch nie eine Retrospektive seines Jahrzehnte überspannenden Schaffens - bis jetzt. University of Texas Press hat jetzt den Bildband Frame mit über 250 von Cohens Bildern herausgebracht. „Es ist umfassender als jedes andere Buch, weil es Farb- sowie Schwarz-weiß-Fotografien umfasst. Außerdem erscheinen in dem Buch fast 100 Bilder, die noch nie vorher veröffentlicht wurden", sagt er. Wir wollten mehr wissen und haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Upside-Down Girl, 1974

Haben Sie etwas Neuen über die Bilder gelernt, also Sie die Bilder für Frame auswählten?
Sobald ich das gedruckte Buch in den Händen hielt, habe ich es nicht bereut, zusätzliche Bilder hinzuzufügen. 99 Prozent meiner Bilder entstanden in Wilkes-Barre oder Scranton, aber ich wollte auch Bilder hinzuzufügen, die ich auf meinen Reisen in Spanien, Irland oder Mexiko entstanden. Einige dieser Bilder habe ich neben meinen typischen Arbeiten vom Leben in einer Kleinstadt platziert und herauskam eine interessante Mischung.

Boy's Hand and Faces, Madrid, 1968

Sie sind vor drei Jahren nach Philadelphia gezogen. Hat sich ihre Arbeitsweise in der neuen Stadt verändert?
Es ist alles sehr ähnlich geblieben. Ich bin hier nicht hergezogen, um Bilder von der Liberty Bell zu machen. Ich mache Bilder von zerbrochenen Flaschen, Fußabdrücken im Beton, architektonischen Details, vom Ellenbogen einer Person oder von Hinweisschildern am Straßenrand - sehr ähnlich zu dem, was ich in Scranton oder Wilkes-Barre getan hätte. Ich habe genug Material in den letzten drei Jahren in Philadelphia angesammelt und ich überlege, diese neuen Bilder in einer Ausstellung zu zeigen. Wenn man sich die Bilder, die vor 20 Jahren entstanden, anschaut, dann sieht man die Gemeinsamkeiten. Ich nutze seit über 50 Jahren dasselbe Format - 40 x 50 cm.

Girl Holding Blackberries, 1975

Ich bin wirklich von der Kleidung in Ihren Bildern überrascht. In einigen der älteren Bilder kann so viele tolle Tweed-Jacken, Leoparden-Prints und dicke Pullover erkennen. Was hat Sie angesprochen?
Viele der Bilder zeugen ältere Typen in zu großen Mänteln. Es geht in Bildern nicht wirklich um Mode, es geht eher um die Geschichte dahinter: dieser Typ ist am Ende, er ist ungefähr 75 Jahre und er ist unterwegs in Wilkes-Barre. Ich fotografiere einfach seine Mantelknöpfen oder seine Hand im Mantel. Das sind keine Modebilder, diese Bilder erzählen eine Geschichte von Schutz. Diese Typen stehen auf vielfältige Weise am Ende und diese Bilder gibt es im Buch mehrmals. Durch das Buch zieht sich ein autobiografischer Faden, den ich mir selbst kaum erklären kann. Es geht um das Leben. Durch diese Typen wird einem bewusst, wie sich die Zeiten ändern.

Man and Food Bag, September 2001

Für was soll der Bildband stehen?
Für mich ist einer der wichtigsten Punkte des Buches, dass man in einer Kleinstadt genug Stoff für ein ganzes Werk findet. Man muss nicht nach New York oder Paris gehen, um als Künstler zu arbeiten. Fast alle Bilder sind in einem Radius von fünf bis zehn Meilen um mein Haus entstanden. Die Bildsprache in diesen Bildern ist sehr vielfältig, es gibt Bilder von Knien, Mänteln und Schneeflocken, die Vielfalt ist sehr groß und das alles in dieser Kleinstadt. Ich bin auf keine Kunsthochschule gegangen und ich habe auch keinen Masterabschluss. Das hat sich so auf natürliche Weise entwickelt. Ich hatte nur meine Geräte.

Frame ist bei University of Texas Press erschienen und ist hier erhältlich.

One Red Glove, 1975

Hand Covering Mouth, 1971

Girl and Man at Road, 1975

Knife Seller, Spain, 1968

Two Young Women at Fence, London, 1975

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Credits


Text: Emily Manning
Alle Fotos: Mark Cohen, Courtesy of University of Texas Press

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