pepper levains fotografien bieten einen einblick in die fabulöse queere szene weltweit

„Meine Bilder sind eine Hommage an die bunten Köpfe, die Freiheit ausdrücken.“ - Die Fotografin Pepper Levain dokumentiert die queere Szene. Wir haben einen Blick in ihre Bildersammlung geworfen.

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Dez. 22 2015, 9:45am

Pepper Levain porträtiert in ihren Fotografien die glitzernden Gestalten der Großstadtnächte. Die 30-jährige Künstlerin lebt momentan in Köln und studiert Film an der Kunsthochschule. Ihre Bilder sind einnehmend, dramatisch und ehrlich. Sie sind Momentaufnahmen, die nachhaltig Aufmerksamkeit einfordern und Geschlechterrollen und normierte Körperideale infrage stellen. Ihre Motive findet sie außerhalb des Alltags, in Räumen, in denen es nicht um Gefälligkeit geht, sondern um die Verwirklichung des Ichs. Wir haben ihr ein paar Fragen zu ihrer faszinierenden Arbeit gestellt.

Du kommst aus der Performance-Kunst und bist jetzt Fotografin. Wieso hast du dich zu dem Schritt entschieden?
Ich trenne das gar nicht so sehr. Ich wollte aus dem Live-Kontext herausgehen, um meine Figuren filmisch zu verarbeiten. Das Fotografieren diente mir erst nur als Mittel zur Dokumentation. Dass die Bilder auf so viel Interesse stoßen und ich Ausstellungen machen werde, habe ich gar nicht erwartet. Ich arbeite an einem Film, der sehr performativ wird und viele Eindrücke umsetzt, die ich beim Fotografieren gesammelt habe. Somit fließen Fotografie, Film und Performance am Ende zusammen.

Du fotografierst viel in der queeren Szene. 
Ja, weil die Szene voller Energie, Kreativität und Punk ist. Geschlechter werden hinterfragt, verdreht, überzogen und neu erfunden. Das geht aber weit über bloße Geschlechtlichkeit hinaus. Es ist ein Boykott gegen alles, was gefällig ist, und lehnt sich gegen einen konservativen Lebensentwurf und Mainstream auf, ohne Feindbilder zu generieren. Jeder darf und soll so sein, wie er ist - und das wird zelebriert. Es geht viel um Zusammenhalt. Die Looks sind immer wieder ein Fest für den Betrachter. Trends in der Popkultur und Mode wurden oft im queeren Nachtleben entdeckt. Madonna hat das Vogueing aus den Ballrooms aufgegriffen, Gagas Looks wurden schon vor Jahren viel radikaler von Clubkids getragen. Weil die Queer-Szene ein Teil von mir ist, ist sie automatisch Teil meiner Arbeit. Ich hab selber auch in New York und Brighton auf Queer-Partys performt und viel Freunde in der Szene. 

Wie empfindest du die deutsche Szene?
Es gibt natürlich sehr viele Persönlichkeiten und Szenen überall auf der Welt, die ich noch nicht kenne. Im Berliner Nachtleben ist viel los. Es ist düsterer und rauer als beispielsweise New York, wo die Queens oft Stunden für ihren Look brauchen. Berlin ist mehr Trash und Rotz, aber das mag ich auch sehr. Die Partys hier gehen länger und sind expliziter.

Du hast auch schon berühmte Leute abgelichtet. Ich habe auf deinem Instagram zum Beispiel Amanda Lepore und auf deiner Webseite Shaun Ross entdeckt. Gab es eine ganz besondere Begegnung bislang, von der du uns erzählen kannst?
Da gibt es viele. Amanda hab ich bei einem After-Hour-Frühstück kennengelernt und ich war so betrunken und hungrig, dass ich ihr die Pommes vom Teller gegessen habe. Das war eine lustige Begegnung. Shaun hab ich zur New York Fashion Week auf der Show von Nina Athanasiou fotografiert. Ihn habe ich dort backstage geshootet und dabei auch Melanie Gaydos kennengelernt, mit der ich seitdem befreundet bin. Eine sehr tolle Person. Sehr geprägt hat mich vom ersten Tag an Domonique Echeverria. Sie ist Designerin und Nightlife-Queen in New York und eine wahre Erscheinung und Bereicherung. Ich besitze auch einige Teile von ihr und liebe es, sie zu fotografieren. Sie hatte gerade einen schlimmen Unfall und ich wünsche ihr nur das Beste.

Die Themen Sex und Geschlecht spielen in deinen Arbeiten eine bedeutende Rolle. Warum haben wir so ein ungesundes Verhältnis zu einer der natürlichsten Sachen der Welt?
Schwierige Frage. Die Pornoindustrie zeigt ein sehr einseitiges Bild von Sex, vor allem von Frauen. Sexismus ist allgegenwärtig, ob es sich um Blicke in der Straßenbahn, Arschklatscher im Club oder um das, was Werbung und Musikvideos darstellen, handelt. Der erste Schritt zu einem gesunden Verhältnis zu Sex ist ein respektvoller Umgang miteinander. Auch die ganzen Schönheitsideale führen nicht unbedingt dazu, den eigenen Körper so zu lieben, wie er ist. Deshalb finde ich Models wie Shaun und Melanie so wichtig, sie schwimmen gegen den genormten Schönheitsbegriff. Respekt und Wertschätzung für das Gegenüber und auch sich selbst ist das Wichtigste. Schafft man es einmal, einen sicheren Rahmen zu schaffen, kann man auch in Rollen schlüpfen und experimentieren. Das Thema Sex ist zum einen aggressiv präsent, zum anderen aber immer noch tabu. Das dazwischen fehlt. 

Was möchtest du mit deiner Arbeit bei Menschen auslösen?
Ich zeige Porträts von Menschen, die etwas Eigenes und Mutiges haben. Ich freue mich, wenn der Betrachter in den Bildern die Schönheit der Andersartigkeit sieht. Es gibt so viele graue Gesichter, Biographien, Ausgrenzung und Intoleranz. Meine Bilder sind eine Hommage an die bunten Köpfe, die Freiheit ausdrücken.

pepperlevain.com

Credits


Text: Osia Katsidou 
Bilder via Pepper Levain