diese dokumentation fängt die energie von brooklyn vor der gentrifizierung ein

„Los Sures“ ist ein bewegendes Porträt über South Williamsburg vor der großen Gentrifizierungswelle – und schon über 30 Jahre alt.

von i-D Staff
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18 April 2016, 11:10am

still from 'los sures'

Im Südteil von Williamsburg kann man heute Bagels in Regenbogenfarben kaufen oder einem Live-Konzert bei Baby's All Right lauschen. 1984 war die Gegend noch hauptsächlich von puerto-ricanischen Einwanderern bewohnt. Mit der liebevoll gemachten Dokumentation Los Sures kann man nun in diese Zeit zurückkehren. „Als ich entdeckt habe, was in der Community in Williamsburg alles passiert, hat mich das  auf ganz vielen Ebenden berührt", sagt der Regisseur der Dokumentation Diego Echeverria, der in Puerto Rico aufgewachsen ist.

Die Familie zog während seiner Kindheit mehrere Mal um, aber Puerto Rico sei immer Teil seines Lebens gewesen. Nachdem er an der Columbia University einen Abschluss in Filmwissenschaften machte, hat er beim Fernsehen gearbeitet. Los Sures ist im Stil von Cinéma Vérité entstanden und dürfte sicherlich durch seine Erfahrung in Nachrichtenredaktionen beeinflusst sein. 

Die Dokumentation ist kein weiterer zynischer Film darüber, wie New York früher mal war, sondern geht tiefer und zeigt seltene Aufnahmen und stellt persönliche Geschichten der Leute, die diese Gegend so einmalig gemacht haben, vor. So lernt man fünf Individuen kennen: Tito, ein 20-Jähriger, der Autos klaut, um zu überleben; Mart, die mit ihren fünf Kindern von der Stütze lebt; Ana Maria, eine begeisterte Kirchgängerin; Cuso, ein 42-jähriger Bauarbeiter und Evelyn, eine Sozialarbeiterin, die versucht, der Community zu helfen. „Es war wichtig, Geschichten zu erzählen, die dich auf verschiedene Wege berühren und sehr unterschiedliche Erfahrungen darstellen", so der Regisseur.

Das Viertel ist der sechste Protagonist, sagt er weiter. „Es musste im Film um das Viertel gehen, denn es war beinahe wie ein weiterer Charakter, dem wir zuhören mussten." Die mit bunten Graffiti gesäumten Straßen, das Domino-Spielen auf den Straßen, die Breakdance-Battles vermitteln durch den Sephia-Filter geschickt die kreative Energie, die diese Community einst so einzigartig machte. Bestimmt wurde es von einer Lebendigkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl, was Diego an Los Sures gefiel und was er auf die Leinwand bringen wollte.

Das war vor 30 Jahren. Der Film wurde 1986 im Rahmen des New York Film Festivals zum ersten Mal gezeigt, seitdem wurde er aber vor allem für universitäre Zwecke genutzt, als Anschauungsmaterial für Stadtsoziologie- und Geschichtsseminare. Ansonsten blieb er lange Zeit vergessen—bis 2007, als Union Docs (eine Einrichtung, die sich der Dokumentation als Kunstform verschrieben hat) anrief und ihn restaurieren wollten.

UnionDocs, die Arbeiten aus dem nicht-fiktionalen Bereich unterstützen und den Fokus auf vom Mainstream nicht erzählte Geschichten und besondere Personen werfen, mussten bei der Restaurierung von Los Sures aber mehrere Herausforderungen meistern. Zu den größten gehörte dabei, dass die originalen Negativen verloren gegangen sind. Nachdem sie jedoch fertig waren, haben sie das Web-basierte Projekt Living Los Sures ins Leben gerufen. Damit sollen Filmemacher ermutigt werden, das Viertel weiterhin zu dokumentieren.

„In der Dokumentation geht es um die Sorgen und Nöte, vor denen viele Einwanderer stehen", sagt Diego. Dass die Thematik nichts an Aktualität eingebüßt hat, zeigen die täglichen Nachrichten und politischen Debatten: die Entwurzelung von Communitys und die wirtschaftlichen Nöte, die durch steigende Mieten entstehen.

Auf die Frage, ob Gentrifizierung in der Entwicklung einer Stadt unumstösslich ist, antwortet Diego: „Leute ohne viel Planung und ohne Unterstützungssystem zu entwurzeln, bleibt weiterhin ein Problem." Die Bilder in dem Film und erzählten Geschichten helfen hoffentlich dabei, dass die Menschen nicht vergessen, dass vor jedem trendigen Stadtviertel in diesen Gegenden andere Communitys existierten. „Es gab dort ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl", erklärt uns der Filmemacher abschließend. Los Sures steht für das Gefühl von Verlust, das das heutige Publikum beschleicht, wenn sie die Dokumentation anschauen, und ist dadurch aktueller denn je.

metrograph.com

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Credits


Text: Constance Haas
Fotos: Filmstills aus Los Sures, Courtesy of Metrograph

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