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aus den favelas auf den laufsteg: louis vuitton in rio

Architektur trifft auf Mode: Welcher Ort wäre für diese Symbiose besser geeignet als Rio de Janeiro? Gestern präsentierte Louis Vuitton dort seine Cruise-Kollektion 2017 und läutete den olympischen Sommer ein, bei dem alle Augen auf Brasilien gerichtet...

von Anders Christian Madsen
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30 Mai 2016, 10:40am

Louis Vuitton zeigte am Wochenende seine neueste Cruise-Kollektion in der zweitgrößten Stadt Brasiliens und sorgte nach dem Zika-Virus und dem Amtsenthebungsverfahren gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff für positive Schlagzeilen aus dem Land der Copacabana. Die Kulisse für das sonnendurchflutete Louis-Vuitton-Spektakel unter freiem Himmel bildete das Niterói Contemporary Art Museum. Kein einziger Regentropfen störte das Event. Bedanken können sich die Gäste bei dem Schamanen, der jeden Februar den berühmten Karneval segnet und vor Regen beschützt. Rio war die letzte Station von „Louis Vuittons Architekturwanderzirkus". Creative Director Nicolas Ghesquière möchte seiner LV-Cruise-Kollektion an Orten mit Meisterwerken moderner Architektur prsäentieren. So war es im letzten Jahr das Haus von Bob Hope in Palm Springs.

Das von Stararchitekt Oscar Niemeyer entworfene Museum in der Nachbarstart Niterói wurde 1996 eröffnet und bietet einen fantastischen Blick auf den Zuckerhut und das Zentrum von Rio. Die futuristisch anmutende Rampe, die zu dem UFO-artigen Gebäude führt, wirkte so, als ob sie extra für Mica, Fernanda und ihre Modelkolleginnen gebaut worden wäre. Die Models präsentierten die Cruise-Kollektion, in der Ghesquière Ideen moderner Architektur in Kleidung übersetzt hat. Daraus entstanden sind farbige, großformatige Prints. Backstage benutzte der Designer Wörter wie „Körper-Kulturen, Tropicalismo und Urbanität". Die Metropole mit ihrer Mischung aus Palmen, Bergen, blauem Meer und seiner größtenteils aus dem 20. Jahrhundert stammenden Architektur, inspirierte Ghesquière zu dieser Kollektion. „In Rio sind die Stadt und die Natur so eng miteinander verbunden. Das ist ziemlich inspirierend, das wollte ich mit der Kollektion widerspiegeln. Es ist bekannt, dass ich ein großer Fan von urbaner Kleidung bin. Ich bin besessen von Sportswear, Bewegung und dem neuen Casual. Rio war der ideale Ort, um diese Ideen zu präsentieren", erklärte er, während im Hintergrund die Fans den berühmten Gästen wie Jaden Smith, Zendaya und Alicia Vikander frenetisch zuriefen.

Die Fashionshow wurde mit einem Wickelkleid eröffnet: „Zwei Kleider liegen übereinander und dadurch entstand dieses Spiel aus Weiß und Farben, was man hier in Brasilien oft sieht. Skulpturale Leder-Pieces wie der weiße Rock, von Julia Nobis präsentiert, erinnerten an die Gebäude in der brasilianischen Großstadt. Brasilien ist für Liebhaber moderner Architektur wie Ghesquière ein wahres Paradies: das Art-Deco-Hotel Copacabana Palace (die Kellner tragen noch weiße Handschuhe) und raumschiffähnliche Gebäude wie das schräge Museum of Tomorrow, was erst kürzlich eröffnet wurde und schon jetzt ein echter Hingucker ist, stehen einträchtig nebeneinander.

Als der Louis-Vuitton-Designer im November in Brasilien war, hat er aber noch mehr entdeckt: „Als ich hier war, bin ich in das Museum of Modern Art in Sao Paulo gegangen und habe mir die Ausstellung über Textilien aus den 70ern und 80ern angeschaut. Da waren diese Illustrationen von Künstlern über Brasilien und Bingo und Geld", erklärte er. Das französische Modehaus erwarb die Rechte, die Motive für Taschen benutzen zu dürfen. (Sieben der Taschen buy-now-see-now und bereits in den Stores erhältlich.) Außerdem verwendete er Fußballmotive des brasilianischen Künstlers Aldemir Martins. Auf die Frage, ob er selbst Fußball spiele, lacht Nicolas Ghesquière nur. „Überhaupt nicht. Ich bin so schlecht darin. Teamsportarten sind generell nicht so mein Ding, außer wenn du Mode als Teamsport zählst." Die Prints haben natürlich sofort Assoziationen an die Fußballweltmeisterschaft 2014 geweckt—ein Event, was fast genauso sehr kritisiert wurde wie die kommenden Olympischen Sommerspiele in Brasilien, bei denen die Vorbereitungen nicht ganz im Zeitplan gelegen haben. In Rio selbst sind die Leute jedoch nicht sonderlich besorgt darüber. „Alle haben gesagt, dass die WM ein Flop werden würde und am Ende war sie ein großer Erfolg", sagte uns ein Fahrer auf unserem Weg zur Christus-Statue auf dem Corcovado. Hier haben sie ernstere Probleme, als ein Beachvolleyball-Feld pünktlich fertig zu bekommen: Am Fuße der riesigen Statue quetschen sich pastellfarbene Häuser von Santa Marta.

Es ist Rios berühmteste Favela. Ausläufer des Slums befinden sich so ziemlich direkt gegenüber vom Glamour des Stadtzentrums. Michael Jackson hat die Favela mit seinem Kurzfilm They Don't Care About Us berühmt gemacht, das war vor 20 Jahren. Das lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf die Menschenrechtsverletzungen in diesem von Drogenbaronen kontrollierten Gebiet. Es hat sich im Lauf der Zeit war einiges verbessert, aber ohne Security geht man auch heute nicht in dieses Viertel. Favelas wie Santa Marta stehen aber mit für die bekanntesten und schönsten Bilder von Rio. Das ist auch an Ghesquière nicht vorbeigegangen. „Helio Oiticicas Einfluss in der Schau war sehr stark und auch in Bezug auf Brasilien. Ich habe ihn vor circa 15 Jahren entdeckt. Er arbeitet viel mit Bewegungen und Performances aus den Favelas. Die Pliage-Kleider und Karo-Kleider waren offensichtlich Hommagen an seine Arbeiten", sagte der Designer. Dass Bewegung für die Kollektion eines der zentralen Themen war, zeigte sich in den Ghettoblastern, die auf einmal auftauchten. Es waren keine Handtaschen, wie viele von uns zuerst dachten, sondern tatsächliche Louis-Vuitton-Ghettoblaster, die sich über Bluetooth mit dem Handy verbinden lassen. Wenn das nicht Post-Post-Moderne ist.

„Der Ghettoblaster ist eine Referenz an Brasilien und wie wichtig Musik in Brasilien ist", erklärte uns der Designer. „Ich bin mit Ghettoblastern großgeworden." Sie sorgten für eine gewisse Lockerheit in der Show. Ein Zustand, der in Rio wichtig ist. Die Berge und die Wellen sorgen für eine Entspanntheit im Alltag in der Großstadt. Nachdem die Modewelt wieder weg ist, wird Rio im Sommer im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit während der Olympischen Sommerspiele stehen. Trotz Politik und dem Zika-Virus: Die Sonne wird auf die Cidade Maravilhosa, auf diese Stadt der Kontraste, scheinen—wie jeden Tag.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Courtesy of Louis Vuitton