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Wie wir eine Kultur wertschätzen, ohne sie uns anzueignen

Ist es möglich, sich von anderen Kulturen inspirieren zu lassen, ohne andere damit zu beleidigen?

Zoya Patel

Valentino Spring/Summer 16

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US.

Bei Coldplays Musikvideo zu "Hymn for the Weekend" wusste man gar nicht, wegen was man sich eigentlich zuerst beleidigt fühlen sollte. Das offensichtliche Benutzen der indischen Kultur als schöner Hintergrund für den Gesang von Chris Martin? Vielleicht das Motiv der Brahim-Priester als edle Wilde,mit ihren orangefarbenen im Wind wehenden Schals? Beyoncés Henna-Tattoos und ihre Versuche, indisch zu tanzen? Oder vielleicht doch das verstörende Klischee von indischen Slum-Kindern, die sich jeden Tag farbiges Puder ins Gesicht schmeißen, als ob jeder Tag heilig wäre? All das steht für die White Gaze, die die Komplexität indischer Kultur auf einfache Konstrukte herunterbricht, um uns einen magischen und geheimnisvollen Ort zu präsentieren, der in Wirklichkeit gar nicht existiert.


Auch auf i-D: Wir haben das indische Model Bhumika Arora getroffen


Im Internet wird über kaum etwas so leidenschaftlich diskutiert wie über kulturelle Aneignung, besonders wenn sich weiße Kulturen Aspekte von marginalisierten Gruppen aneignen, weil sie diese cool finden. Lange bevor Coldplay und Beyoncé eine weitere Community für den hauptsächlich weißen Markt zum Fetisch erhoben haben, hat es ihnen Katy Perry regelmäßig vorgemacht: Die amerikanische Sängerin hat sich für ihre Videos und Performances bei den Geishas bedient, der afroamerikanischen Community und der Kultur der alten Ägypter. Und noch bevor der Begriff kulturelle Aneignung Teil des Mainstream-Diskurses wurde, ist Gwen Stefani mit einem Bindi rumgelaufen und hat mit ihren japanischen Girls für allerlei Bauchschmerzen gesorgt.

Mehr noch als die Musik ist die Mode der Schauplatz dieser Diskussion. Von Valentino bis Junya Watanabe: Designer wurden deswegen schon häufiger kritisiert und boykottiert. Die gängige Erklärung der Designer: Sie wurden von verschiedenen Kulturen inspiriert. Die Reaktion darauf wiederum lautet, dass sich die Kollektionen nicht genug mit den Kulturen beschäftigen würden, von denen sie inspiriert wurden. Und schon sind wir beim eigentlichen Problem angelangt: enn man sich von einer Kultur beeinflussen lässt, deren Teil man nicht selbst ist, wo fängt dann die ausbeuterische kulturelle Aneignung an?

Man könnte argumentieren, dass Beyoncé keinen wirklichen Schaden mit ihrem 60-sekündigen Auftritt im Musikvideo angerichtet hat. Man könnte es sogar so rechtfertigen, dass sie selbst Afroamerikanerin ist und deshalb gar nicht in den Verdacht von kultureller Aneignung kommen könnte. Beyoncés Fehler war, dass sie sich nur oberflächlich mit indischer Kultur beschäftigt hat.

Trotz der Tatsache, dass ich Beyoncés Hintergrund kenne, hat es mir als junge Inderin Bauchschmerzen bereitet, sie in diesem Musikvideo in einem Sari zu sehen. Jede Nicht-Inderin, die traditionelle indische Gewänder trägt und davon profitiert, dass sie unser Erbe benutzt, steht im Gegensatz zu meinen eigenen Erfahrungen.

In meiner Jugend wurde ich ständig dafür gemobbt, traditionelle indische Gewänder zu tragen. Dass Beyoncé, Gwen Stefani und irgendwelche weißen Frauen auf der Straße die Gewänder als neueste Outfits und Accessoires getragen haben, war für mich ein Schlag ins Gesicht. Diese Frauen können das Kostüm ablegen und in ihren Alltag zurückkehren, wann immer sie das möchten. Ich kann das nicht. Mein indisch aussehendes Äußeres ist Teil von mir . Mittlerweile wissen viele, dass kulturelle Aneignung die Leute ausschließt, deren Kultur man sich aneignet. Man pickt sich Gegenstände marginalisierter Gruppen heraus und profitiert von ihnen. Damit wiederholt man die gleichen Muster wie bei der Kolonialisierung und tut sie als Hommage ab.

Kulturelle Wertschätzung ist hingegen viel schwieriger abzugrenzen. Aber es ist ein Konzept, das die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen erlaubt. Die einzige Möglichkeit darüber zu entscheiden, ob kulturelle Aneignung schädlich ist oder nicht, ist die Absicht des Künstlers zu hinterfragen.

Valentino Spring-/Summer-16.Kampagne. Foto via Twitter

Schauen wir uns dazu ein anderes Gegenbeispiel an: die von Afrika inspirierte Frühjahr-/Sommerkollektion von Valentino 2016 und die dazugehörige Werbekampagne. Als die Designer Maria Grazia Chiuri und Pierpablo Piccioli für ihren Einsatz von Knochenketten, Perlenstickereien, Federn und Cornrows kritisiert wurden, konnten sie detailliert ihre Gedanken hinter den Entwürfen darlegen. Es sei ihnen dabei um mehr als nur bloße Ästhetik gegangen: In einer Zeit erhöhter Migration, die hauptsächlich aus afrikanischen Ländern in Richtung Norden stattfindet, ging es ihnen damit um ein Statement für cross-kulturelle Einflüssen.

Zwar sind die Produkte dadurch nicht gänzlich unproblematisch geworden, weil in der Modenschau nach wie vor größtenteils weiße Models auf dem Laufsteg zu sehen waren und die unterschiedlichen Kulturen eines Kontinents auf einen Look reduziert wurden. Doch ihre Absicht zielt auf etwas Allgemeineres ab und dadurch haben sie die Kollektion vor einem Boykott bewahrt.

Denn wenn es richtig gemacht wird, dann hat die Vorliebe für andere Kulturen auch ihre Vorteile. Indien hat in den 60ern Yoga aktiv an Leute im Westen vermarktet. So wurden Lehrer nach England geschickt und die Tradition wurde zu einem Business, von dem beide Seiten profitiert haben. Die Leute im Westen haben Yoga bekommen und die indischen Lehrer wurden bezahlt.

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Hermes x Sunita Kumar. Foto via Twitter.

Um darüber zu entscheiden, ob wir es mit einer ausbeuterischen kulturellen Aneignung oder einer zwar nicht ganz unproblematischen, aber dennoch mit guten Absichten ausgestatten, kulturellen Wertschätzung zu tun haben, muss man sich anschauen, inwiefern die Gruppe, um die es geht, an dem Ideenaustausch interessiert ist oder nicht. Hermés hat 2011 gezeigt, wie so etwas gelingen kann. In dem Jahr hat das französische Modehaus eine Kollektion von Saris auf den Markt gebracht, die in Kollaboration mit der in Kalkutta lebenden Designerin Sunita Kumar entwickelt wurde. Das Label hat die Partnerschaft dafür genutzt, um von den Personen, die sich mit der Kultur identifizieren, zu lernen. Sie wurde mit Respekt künstlerisch umgesetzt.

Letztlich ist es egal, wo man in der Debatte um kulturelle Aneignung oder kulturelle Wertschätzung persönlich steht. Es kommt vielmehr darauf an, zu verstehen, dass ein traditionelles Gewand mehr ist als eine Zusammensetzung aus unterschiedlichen Materialien. Es ist Teil einer Geschichte, einer Community, einer Identität und einer Sprache. Zwar mag es nur ein Stück Stoff sein, aber dahinter steckt so viel mehr als Mode.