Fotos: Emma Russell

Diese Kids aus Hong Kong haben keine Angst, ihre Tattoos zu zeigen

"Es kommt noch immer vor, dass sich Leute in der U-Bahn nicht neben dich setzen wollen oder sich laut über dich unterhalten."

von Emma Russell
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12 Juli 2019, 10:51am

Fotos: Emma Russell

Lange Zeit wurden Tattoos in Hong Kong als absolutes Tabu angesehen, geschweige denn als Kunstform betrachtet. Nur Seemänner hatten Tattoos. Oder Kriminelle, die ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen durch Motive von Drachen, dem Phoenix oder Göttern zeigten. Diese gigantischen Bilder wurden häufig versteckt, um zu große Aufmerksamkeit zu verhindern. Tattoos waren ein verruchtes Geheimnis. Seit ein paar Jahren jedoch kämpft eine neue Generation gegen das Stigma, das mit dieser Kunstform in der Gesellschaft verbunden wird.

In der internationalen Celebrity- und Pop-Kultur wurden Tattoos normalisiert, was auch dazu führte, dass die jungen Menschen in Hong Kong – entgegen der Ablehnung der Älteren – ihre Leidenschaft dafür ausleben wollen.

i-D hat sich mit fünf von ihnen unterhalten, die mit Stolz ihre Tattoos präsentieren.

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Foto: Emma Russell

Clara Jade, Model und Tattoo Artist

Erinnerst du dich noch an dein erstes Tattoo?
Ja, das war der Schriftzug "handle with care". Als ich aus Kanada zurückkam, war ich auf einer Kunstschule, die ich allerdings nach zwei Jahren schmiss. Ich habe ADHS – dieses Thema findet in Hong Kong leider nicht genügend Aufmerksamkeit. Die Leute denken einfach nur, dass du faul oder verrückt bist. Meine Mutter wurde immer so wütend! So wie viele andere asiatische Eltern auch hat sie mir ziemlich den Hintern versohlt, deswegen habe ich mich für dieses Tattoo entschieden. Ich verstehe schon, warum sie so streng war. Sie wollte nicht, dass ich so aufwachse wie sie. Sie hatte ein ziemlich schlimmes Leben: musste jeden Tag über 30 Kilometer zur Schule laufen, finanziell ging es ihr auch nicht gut. Sie wollte, dass ich etwas erreiche, das sie nie geschafft hat. Doch mir ging es in meiner Kindheit auch nicht gut. Ich bin mit sieben Schwestern aufgewachsen und habe nie gelernt, auch mal mit anderen Menschen zu sprechen. Ich wusste nur, wie ich mit ihnen kommuniziere.

Wie hat deine Mutter auf dein erstes Tattoo reagiert?
Sie hat ihren Kleiderbügel rausgeholt. Ich schwöre, ich konnte nicht mehr laufen. Aber jetzt verstehen wir uns super. Sie sagt immer, wie süß ich mit all meinen Tattoos aussehe.

Wie fühlt es sich in Hong Kong an, komplett mit Tattoos bedeckt zu sein?
Langsam findet es mehr Akzeptanz. Trotzdem kommt es noch immer vor, dass sich Leute in der U-Bahn nicht neben dich setzen wollen oder sich laut über dich unterhalten. Einmal bin ich durch einen Tunnel gelaufen und mir kam eine alte Dame entgegen, die bei meinem Anblick ihre Tasche fest an sich drückte. Ich bin ein Arschloch, also bin ich zu ihr gegangen, habe laut "Buh!" gerufen – und sie ist davon gerannt.

Wenn du selbst tätowierst, wo findest du dann deine Inspiration?
In meinem hyperaktiven Gehirn. Ich werde von verschiedenen Dingen inspiriert: Texturen, Klängen, Farben, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Für mich ist alles Dada. Kunst muss nicht tiefsinnig, nicht ansprechend sein. Das zeigt sich auch in der Art, wie ich mich kleide. Ein bisschen 'campy' – das Wort habe ich von der Met Gala gelernt, es aber für mich neu interpretiert.

Hast du das Gefühl, dass sich die Haltung gegenüber Tattoos gerade verändert?
Ja, aber natürlich gibt es noch viele Probleme. Neulich hat mich eine Unterwäsche-Firma für ihre Werbung gebucht, da sie Diversität zeigen wollten. Doch als sie Angst bekamen, möglicherweise ihr Image zu ruinieren, haben sie mich wieder gefeuert. Wenn du ein Mann bist, ist es OK, Tattoos zu haben, wenn du aber ein tätowierte Frau bist, wirst du direkt in die Kategorie Kat Von D gesteckt. Das gefällt mir überhaupt nicht. Ich erinnere mich noch an meine erste Rolle im Film Mob Fathers, darin musste ich oben ohne im Hintergrund an einer Stange tanzen, während die Gangster ein Meeting hatten.

Welche Erfahrungen hast du als Model mit Tattoos gemacht?
Ich bin tatsächlich das einzige in Hong Kong, das unter Vertrag steht und solche Tattoos hat. In New York und London mögen sie den Look sehr, hier allerdings nicht so sehr. Hong Kong ist einfach noch nicht bereit dafür, besonders nicht in der High Fashion. Menschen fürchten sich vor dem 'Anderen'. Es ist nicht cool, herauszustechen.

@clarababy100

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Foto: Emma Russell

Lily Cash, Tattoo Artist

Erzähl uns deine Geschichte.
Ich wurde in China geboren, kam allerdings nach Hong Kong, als ich 12 Jahre alt war. Früher waren chinesische Menschen sehr geradlinig und nicht wirklich aufgeschlossen, doch jetzt hat sich die Situation geändert, dafür haben sich die Menschen in Hong Kong zurückentwickelt. In China sind die jungen Leute eher bereit, in westliche Länder zu gehen – doch in Hong Kong haben sie zu viel Angst davor, zu versagen, deswegen bleiben sie nah an ihrer Heimat.

Hat sich die Tattoo-Szene in Hong Kong gewandelt?
Mit dem Siegeszug der HipHop-Kultur in den letzten Jahren, hat sich auch die Tattoo-Szene verändert. Jetzt ist es Trend und die Leute wollen immer mehr Tattoos so wie die Promis. Es gibt immer noch keine große HipHop-Szene in Hong Kong, aber wir werden stark von der westlichen Kultur beeinflusst – besonders der amerikanischen Pop-Kultur. Hong Kong ist noch sehr konservativ, aber langsam wird es offener. Heute zeigen wir stolz unsere Tattoos, doch vorher wurden sie mit Bad Boys und Gangstern assoziiert.

In Hong Kong gibt es keine staatlichen Regulationen für das Tätowieren, woran liegt das?
Die Regierung in Hong Kong sieht Tattoos nicht als eine Kultur an. Sie haben ihre eigene Sicht auf Kultur, die Malen oder Musik involviert, nicht aber das Tätowieren. Sie denke, dass es "wertvollere" Kunstformen gibt. Tätowieren verspricht nicht genügend Profit, deswegen ist es nicht relevant.

Wie viele Tattoos hast du?
Ich kann es nicht genau sagen, aber ich denke, dass circa 60 bis 70 Prozent meines Körpers mit Tattoos bedeckt ist.

@lilycashchan

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Foto: Emma Russell

Hueson Chu, Bartender und Gamer

Erzähl uns von deinem ersten Tattoo.
Es ist auf meinem Nacken und sagt "Life ain't perfect." Als ich in der High School war, hatte ich eine ziemliche Emo-Phase. Ich war damals ganz schön frech, habe neun Mal die Schule gewechselt. Ich wurde immer wieder der Schule verwiesen und musste irgendwann meine Tante zu Elternversammlungen mitnehmen, weil meine Eltern bereits aufgegeben hatten. Bis mich keine Schule mehr aufnehmen wollte und ich im Tattoo-Shop meines Onkels geblieben bin. Dort hänge ich ab, seit ich 16 Jahre alt bin. Einmal hat ein Kunde seinen Termin kurzfristig abgesagt und mein Boss meinte: "Ich habe heute Zeit, falls du ein Tattoo haben willst." Also habe ich mich tätowieren lassen und langsam immer mehr bekommen. Es macht süchtig! Mein Gesichtstattoo habe ich erst in diesem Jahr bekommen. Es sagt "undankbar" und ist eine Erinnerung daran, niemals so zu sein.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Meine Mutter war nicht wirklich glücklich darüber, sie hat gar nicht mehr aufgehört zu weinen. Wir haben zwei Wochen lang kein Wort gewechselt, sie musste sich erst einmal wieder beruhigen. Heute ist meine Beziehung zu meiner Familie aber weitaus besser.

Welchen Stil haben deine Tattoos?
Es ist ein bunter Mix. Ich habe viele neo-traditionelle Sachen, aber auch ein paar komplett beliebige. Ich bin die Art Mensch, die zu vielem einfach OK sagt. Ich mag Tiere: Bären und Löwen, doch Tiger oder Drachen würde ich mir niemals stechen lassen. Von denen lasse ich die Finger, da bei ihnen noch immer dieses kriminelle Stigma mitschwingt.

Wie viele Tattoos hast du?
Ich möchte noch ein großes Tattoo auf meinem Rücken. Aber momentan sind es wahrscheinlich so zwischen 50 und 60. Und wenn irgendwann kein Platz mehr ist, tätowiere ich einfach über die alten Motive, dann kann es immer weitergehen.

@oreomilkyway

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Foto: Emma Russell
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Foto: Emma Russell

Julian Leung, Friseurin

Erzähl uns etwas von dir.
Ich wurde in Taiwan geboren und bin mit meiner Familie nach Hong Kong gezogen, als ich 16 Jahre alt war. Heute bin ich eine ziemlich bekannte Friseurin in Hong Kong und arbeite bei 59 Tattoo and Barber Shop in Kowloon.

Warum wolltest du selbst Tattoos haben?
Die Pinup-Girls aus den 50ern und 60ern haben mich stark inspiriert. Alle meine Freunde und ich sind besessen von Vintage-Dingen. Ich mag alles, dass retro ist und mich in meiner Freizeit zu verkleiden. Meine männlichen Freunde mögen die ganze Motorrad-Kultur, tragen Lederjacken und die Ladies mögen einfach die Pinup-Kultur. Deine Haut kann eine schöne Leinwand sein – ich kann darauf alles drucken, was ich möchte.

Erinnerst du dich noch an dein erstes Tattoo?
Ja, da war ich 16 und es war ein Stern.

Hong Kong ist eher konservativ. Wie reagieren deine Mitmenschen, wenn sie deine Tattoos sehen?
Die meisten schauen mich komisch an. Das kann an meinen Tattoos, meinen Piercings oder meiner Frisur liegen. So viele Menschen beurteilen ihr Gegenüber nur anhand des Aussehens und vermuten häufig, dass Leute mit Tattoos unfreundlich seien. Aber ich habe das Gefühl, dass Tattoos immer üblicher hier werden. Viele Teenager haben bereits ihre kompletten Arme voll tätowiert. Außerdem hatte ich Glück und meine Familie hat gut auf meine reagiert. Sie denken, meine Tattoos sind Kunst. Meine Familie versteht mich wirklich!

@julian_l

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Foto: Emma Russell
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Foto: Emma Russell

Jimmy Yuen, Tattoo Artist

Wann hast du mit dem Tätowieren angefangen?
Vor über 13 Jahren in Taiwan, dort habe ich Werbung studiert. Ich habe jeden Tag gemalt, vor allem Mandalas.

Warum gerade Mandalas?
Damals hatte niemand Mandalas gemacht. Ich mag Geometrie und eine Balance und bin Buddhist, deswegen wollte ich diesen Teil meines Lebens ehren – die Mandalas aus Nepal und Thailand haben mich wirklich inspiriert. Mandalas haben tatsächlich die Form einer Lotusblume. Es gibt einen Startpunkt, der sowohl für das Leben als auch für uns steht, dann entfaltet sie sich, zu dem was wir sind. Obwohl sie alle anders aussehen, gibt es doch immer einen Anfangspunkt.

Hast du das Gefühl, die Art wie Tattoos in Hong Kong wahrgenommen werden, verändert sich gerade?
Tattoos haben sich in eine Kunstform weiterentwickelt. Die Menschen akzeptieren sie langsam. Drachen, der Phoenix und Tiger waren in Hong Kong traditionelle Tattoos, jetzt sind die Menschen hier vom Rest der Welt und den aktuellen Trends beeinflusst. Heute sind die Leute flexibler, wollen schnelle Entscheidungen treffen und sehen Tattoos mehr als Kunst an, als dass sie zwingend eine Bedeutung haben müssen.

Wie reagiert die Regierung in Hong Kong auf Tattoos?
Das Tätowieren wird vom Staat immer noch nicht anerkannt, also findet es noch im Underground statt, ist aber trotzdem nicht illegal. Sie wissen, dass tätowiert wird, wollen damit aber nicht in Berührung kommen. Als ich meinen Shop geöffnet habe, hatte ich viele Nadeln, die sicher entsorgt werden mussten. Einmal habe ich jemanden bei der Regierung angerufen und gefragt, ob sie die Nadeln abholen könnten und sie meinten einfach 'Nein'. Ärzte nutzen Nadeln, die werden eingesammelt, doch bei Tattoo Artists nicht. Das ist sehr gefährlich. Aber die Regierung in Hong Kong weiß auch gar nicht wirklich, wie viele Menschen Tattoos haben. Die meisten verdecken sie, deswegen ignorieren sie das Problem.

@jimmyyuen

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.