Was wir alle von Rapperin Ebow und ihrer Crew lernen können

"In einer Zeit, in der alles so schnelllebig ist, ist es umso wichtiger, sich Mühe zu geben, an einer Freundschaft zu arbeiten. Man muss gemeinsam entdecken, wie man diese Welt schöner machen kann."

von Marieke Fischer
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05 Juli 2019, 12:09pm

Fotos: Meklit Fekadu Tsege

Stößt man als fremder Teil zu einer Gruppe, die sich seit Jahren kennt, kann es leicht unangenehm werden. Betretenes Schweigen, noch betretenere Small-Talk-Fragen. Beim Kreis rund um Rapperin Ebow ist das Gegenteil der Fall – sie sprechen nicht nur von Solidarität und Zusammenhalt, sie leben es auch. Spätestens seit der Veröffentlichung ihres dritten Albums K4L ist Ebru Düzgün mit ihren politischen R'n'B- und Hiphop-Hymnen in aller Ohren. Auf den meterdick produzierten Beats zeigt sie sich mal verführerisch wie "Butterflies", dann rechnet sie mit der Alman-Aneignungskultur ab. Auf dem Album verbindet sie Vergangenheit mit aktueller Geschichte, ist anti-rassistisch, anti-homofeindlich, intersektional. Vor allem ist K4L aber eines: Eine Liebeserklärung an ihre biologische und ihre gewählte Familie, ihre Crew.


Auch auf i-D: Rapperin Ebow spricht über ihren Werdegang und die Relevanz von Community.


Auch wenn sie als Einzelkind groß geworden ist, die Bedeutung von Community und Support wurde ihr bereits von den Eltern in München beigebracht. Und diese Werte ziehen sich auch heute durch alles, was sie macht. Wenn sie mit ihrer Band Gaddafi Gals auf der Bühne steht oder solo mit ihren DJs und Sängerinnen von Bad'n'Boujee. Wenn Hengameh einen Skit auf ihrem Album aufnimmt oder Neda das musikalische Übertalent einfließen lässt. Wenn sich Freundschaft, Meinung und Karriere miteinander vermengen zu einer gewaltigen Kraft, die das Potential hat, das weiße, heteronormative Machtsystem komplett auseinanderzunehmen.

i-D hat sich mit Ebru Düzgün getroffen, um die Menschen kennenzulernen, die nicht nur K4L, sondern auch ihr Leben prägen.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Ebow

Wer sind die Menschen, die heute fotografiert werden?
Das sind alles Leute, die mit mir an meinem Album gearbeitet und dazu beigetragen haben. Sie sind Teil von meiner Crew – im musikalischen und freundschaftlichen Sinne.

Wenn du jeder Person ein Wort zuordnen würdest, welches wäre das?
Jonas wäre 'go', er geht Dinge an. Nalan wäre 'Ehrlichkeit', sie ist in allem total diszipliniert und ehrlich. Hengameh wäre 'Liebe': trotz der Radikalität und all der ganzen harten Arbeit hat Hengameh unglaublich viel Liebe für die Community. Neda ist 'spirituell' und Elisabeth einfach 'Babygirl'.

Was macht eure Crew so besonders?
Ich habe ein krasses Solidaritätsgefühl in dieser Community, weil wir füreinander da sind, egal was ist. Und wir haben eine sehr gute Art, miteinander zu kommunizieren. Das ist das Wichtigste: dass man offen und ehrlich miteinander ist. Alles, was ich mache, entsteht aus meiner Community heraus. Ich bin den Leuten unglaublich dankbar, sie geben mir so viel Gutes, so viel auf emotionaler Weise. Wir zeigen uns gegenseitig Dinge, egal ob politisch oder musikalisch. Wir educaten einander.

Worauf bist du besonders stolz?
Dass – egal wie groß unsere Auseinandersetzungen auch mal sein mögen – wir immer die Probleme überwinden. In einer Zeit, in der alles so schnelllebig ist, ist es umso wichtiger, sich Mühe zu geben, an einer Freundschaft zu arbeiten. Das gibt Sicherheit. Genau wie in einer romantischen Beziehung. Ich bin generell auf alle meine Freunde stolz. Auf das, was sie erschaffen. Dass ich mit ihnen abhängen kann und sie Teil meiner Crew sind.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Was sollte sich die Welt von eurer Crew abschauen?
Kommunikation. In der Generation unserer Eltern – wenn ich für mich spreche oder für den Background aus dem ich stamme – war Kommunikation nie ein großes Thema. Entweder wurden die Dinge still geschwiegen oder radikal reagiert. Uns wurde nie richtig beigebracht, Gefühle zu kommunizieren. Einfach mal zu sagen 'Hey das verletzt mich'. Ich lerne in meinem Freundeskreis über mentale Dinge zu kommunizieren. Sachen, die einen stören. Über alles. Es gibt kein Tabu. Auch mal Dinge kritisieren. Man findet ja nicht alles an Freunden toll. Man wächst zusammen. Es ist eine Beziehung von zwei Menschen, die in dieser Welt aufeinander treffen. Man muss gemeinsam entdecken, wie man diese Welt schöner machen kann.

Was möchtest du deiner Crew auf diesem Weg sagen?
Ich liebe sie einfach und wünsche ihnen das Beste der Welt. Ich glaube an sie, genauso wie sie an mich glauben. Und ich wünsche mir, dass sie sich mit meinen Augen sehen könnten, wenn sie an sich zweifeln.

@ebow.mp3

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Hengameh, Journalist*in, DJ, Autor*in

Wie hast du Ebru kennengelernt?
Wir kennen uns durch Instagram. Das war im Sommer 2017. Wir haben uns zum Donuts essen getroffen und danach viel zusammen rumgehangen. Sie hat auch ein paar Nächte bei mir gepennt und wir haben Songs geschrieben, das war voll nice.

Was war das letzte Thema über das du mit Ebru diskutiert hast?
Ich erinnere mich nicht mehr, wahrscheinlich waren wir bekifft. Wir sind uns in den meisten Sachen ziemlich einig. Allerdings haben wir eine Streitfrage: Ob man lieber sein Leben lang Cheeto-Finger hätte oder lieber nichts mehr schmecken würde. Ebru hätte lieber Cheeto-Finger, mir wäre es lieber, nichts mehr zu schmecken. Mir wäre das einfach zu nervig, mit orangefarbenen, abfärbenden Fingern mein Leben zu leben. Sonst schmeckt ja eh alles nach Cheetos. Sehr kontrovers. Man diskutiert viel.

Was macht in deinen Augen eure Crew, eure Community so besonders?
Wir machen alle recht unterschiedliche Sachen, aber unterstützen uns gegenseitig bei dem, was wir tun. Man ergänzt sich gut. Ich habe zum Beispiel auf Ebrus Album einen Skit aufgenommen, den ich vorher aufgeschrieben habe. Ich war vorher noch nie im Studio. Die erste Aufnahme war auch nicht so sauber, deswegen habe ich ihr mit meinem Handy eine Sprachaufnahme geschickt, die hat Ebru dann genutzt. Neda hat das Album zusammen mit Jonas produziert. Aber es ist gar nicht so sehr unsere Arbeit, die uns verbindet, sondern dass wir befreundet sind und rumhängen.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Ein Kernthema auf K4L ist Solidarität. Wie definierst du für dich den Begriff?
Solidarität bedeutet für mich, Leute zu unterstützen – vor allem wenn sie gerade akute Probleme haben. Auch wenn das jetzt Leute sind, mit denen man nicht viel gemeinsam hat oder die man persönlich nicht mag. Man weiß trotzdem, dass man zusammenhält.

Was ist die schönste Erinnerung, die du mit Ebru teilst?
Das war eine der Nächte, die wir am Anfang zusammen verbracht haben. Da waren wir mit meiner Schwester und einigen Freundinnen von uns bei einem DJ-Set von Neda im Prince Charles. Wir sind mit dem Taxi gefahren, haben über Bluetooth unsere eigene Musik gehört und hatten voll Spaß. Neda hat super nice Songs gespielt.

Wenn man eurer Crew die politische Macht in Deutschland geben würde, was würde sich ändern?
Ich weiß nicht, was die anderen machen würde und ob wir uns da hundert Prozent einig wären, aber ich würde Deutschland auf jeden Fall canceln.

@habibitus

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Jonas, Künstler, Producer

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Über die Musik tatsächlich. Das war in München, vor fünf Jahren.

Wenn du einen Song auswählen müsstest, der sinnbildlich für eure Freundschaft steht – welcher wäre das?
Ich glaube "Schmeck Mein Blut" vom neuen Album, weil wir beide direkt den Vibe gespürt haben. Der Beat wurde gemacht und wir waren direkt voll dabei.

Wie läuft eure kreative Zusammenarbeit ab?
Die läuft tatsächlich etwas anders ab als bei Gaddafi Gals. Bei so einem Album arbeite ich eher für Ebru, wenn wir in der Band sind, dann eher miteinander. Meistens sind wir nachts im Studio, zwölf Stunden lang, produzieren drei Songs und dann geht es in der nächsten Nacht weiter.

Wenn man eng zusammenarbeitet und gleichzeitig befreundet ist, lernt man die andere Person intensiv kennen. Wie habt ihr euch in den letzten Jahren gemeinsam weiterentwickelt?
Wir sind näher zusammengewachsen. Und natürlich ist es nochmal eine besondere Situation, weil wir gemeinsam auch sehr viel Business machen. Da muss man schauen, dass man sich auch die "Freundschaftszeit" nimmt, sonst geht es die ganze Zeit nur ums Business. Diese Unterteilung haben wir aber ganz gut geschafft.

Was würdest du gerne mal zusammen mit Ebru machen?
Äh, Bungee Jumping.

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Nalan, Musikerin

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Wir haben uns auf einer Homeparty in München kennengelernt, vor ungefähr 13 Jahren. Seitdem kennen wir uns und hängen ab. Seit 2016 machen wir auch zusammen Musik.

Auf was bist du besonders stolz?
Ich finde es cool, dass wir das Musikalische und das Freundschaftliche verbinden. Momentan haben wir super viele Business-Talk, dann hat man gefühlt weniger private Zeit, aber am Ende gleicht es sich trotzdem aus. Es fühlt sich an wie Familie. Wir vertrauen uns. Das ist auch der Hauptgrund, warum wir zusammenarbeiten.

In welchen Situationen rufst du Ebru an?
Ich bin kein Mensch, der gerne telefoniert, aber Ebru und ich schicken uns immer Voicemails hin und her. Eigentlich melde ich mich wegen allem bei ihr und umgekehrt auch.

Was für eine Rolle spielt die Thematik im Song K4L in deinem Leben?
Ebru macht sehr politische Musik. Ich bin nicht sehr sozialkritisch in meinen Texten, deswegen feier' ich es voll. Es ist super wichtig, was sie macht. Das gesamte Album ist Empowerment. Die Songs kommen bei den richtigen Leuten gut an und es wäre cool, wenn sich der Kreis erweitert und Awareness schafft. Vor allem in unterschiedlichen Schichten.

Was macht das mit dir, Teil von so einem empowernden Netzwerk zu sein?
Ich bin aktiv und handle, wenn etwas in der Öffentlichkeit passiert. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich mich mit Menschen zusammengetan, die Bock darauf haben, politisch aktiv zu werden.

@slimgirl_fat

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Foto: Meklit Fekadu Tsige
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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Neda, DJ, Producer

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Ich habe auf der Release-Party für Ebows letzte Platte aufgelegt. Aber ich habe schnell gemerkt, dass sie ein Mensch ist, den man nicht nur beruflich im Leben haben will.

Wie war es für dich bei "K4L" deinen Namen im Shout-out zu hören?
Voll schön. Ich bin auch die zweite Generation, aber in Schweden geboren und aufgewachsen – deswegen war es interessant, die gleichen Narrative auch hier zu erleben. Ich dachte, wenn ich hierher komme, bin ich einfach nur ein Ausländer. Aber ich bin nie einfach "nur" Ausländer. Ich bin immer auch Kanak.

Wie sah eure Zusammenarbeit an dem Album aus?
Wenn dir etwas wichtig ist, dann arbeitest du auch besser. Das hat mir viel Hoffnung gegeben, viel Energie. Auch Ruhe, weil man merkt, man ist nicht die Einzige, die so tickt. Ich glaube wir sind beide "casual nerds". Der Austausch ist bei uns sehr wichtig.

Was sollte sich die Welt von eurer Crew abschauen?
Realness, Fürsorge, Hilfe und Wissen. Und einfach Swag.

Wenn ihr ein Filmduo wärt, welches wäre das?
Ich würde sagen die beiden aus Wayne's World, aber das ist kinda fucked up.

Was möchtest du in Zukunft mit Ebru erleben?
Ich hoffe, dass wir nochmal zusammen an etwas arbeiten. Und nochmal und nochmal. Dass diese Beziehung lange hält. Es geht nicht darum, “coole Sachen zu machen”, sondern am Ende geht es wirklich um Freundschaft, Politik und Kreativität.

@nedalot

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Elisabeth, DJ & Co-Founder von Bad'n'Boujee, Studentin

Wie hast du Ebru kennengelernt?
Ebru war lange in Wien in meinem entfernten Freundeskreis. Es war aber nie mehr als ein 'Hallo' und 'Tschüss'. Aber wir sind closer geworden, nachdem sie uns gefragt hat, ob wir gemeinsam auf Tour gehen.

Was bedeutet eine gute Freundschaft für dich?
Dass man immer für die andere Person da ist. Dass man chillig was essen gehen, aber auch Spaß haben kann. Just being all together being happy.

Was macht es mit dir, wenn ihr gemeinsam auf der Bühne steht?
Als ich jünger war, war ich sehr schüchtern. Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen. Aber je älter ich werde, desto wohler fühle ich mich. Besonders wenn wir auf der Bühne stehen. Alle schauen auf dich, du kannst nichts verstecken. Irgendwann habe ich gedacht 'Fuck it'. Am Anfang musste ich für die Tour alle Lieder innerhalb von zwei Wochen lernen – ich habe davor noch nie so etwas gemacht. Ich hatte Angst, dass ich mich verhasple. Jetzt ist es mir völlig egal. Mit jeder Show lerne ich immer mehr dazu. Das ist ein richtiger Schub für das Selbstbewusstsein. Vor ein paar Jahren hätte ich mir sowas nicht vorstellen können.

Was würdest du gerne erreichen?
Ich habe das Gefühl, dass sich viele innerhalb ihrer Community nicht sicher fühlen und das Vertrauen fehlt. In Österreich hat sich in der Schwarzen Community viel durch die 'Operation Spring' verändert – so viele Menschen wurden dem Land verwiesen. Das hat viele Risse hinterlassen, die wir heute noch spüren. Für mich persönlich wäre das größte Ziel, dass alle Communitys zusammenkommen. Am Ende des Tages sicher sein können, dass sich alle wohlfühlen. Dass alle frei reden und sagen können, was sie denken und fühlen – just be yourself.

@elizabethlyfe
@badnboujee.vie

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Foto: Meklit Fekadu Tsige

Credits


Fotografie: Meklit Fekadu Tsige
Styling: Merve Celikyurt mit Kleidung von ISLA Berlin

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