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hinds sind die retterinnen der gitarrenmusik

Die spanische Garage-Band HINDS ist zurzeit in aller Munde. Wir haben Sängerin Carlotta und Drummerin Amber kurz vor ihrem Auftritt getroffen und mit ihnen über das Tour-Leben, ihr Album „Leave Me Alone“ und über Sexismus in der Musikindustrie...

von Christian Pausch
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02 Februar 2016, 1:20pm

HINDS sind die besten Freundinnen, die du immer haben wolltest; mit denen du den ganzen Tag im Bett liegen kannst, um Trash-TV zu schauen und ungesundes Zeug in dich reinzustopfen; mit denen du aber auch nächtelang um die Häuser ziehen und Whiskey aus der Flasche trinken kannst, um am nächsten Tag mit einem riesigen Kater (aber unglaublich glücklich) aufzuwachen. 

Wenn man die vier quirligen Girls auf der Bühne sieht, kann man nicht anders als grinsen. Sie versprühen eine wahnsinnige Energie, lachen die ganze Zeit verschmitzt und man sieht, dass sie einfach nur Spaß haben, bei dem was sie da tun. Mit ihrem rockigen Sound mit Lyrics, die mit starkem spanischen Akzent gesungen werden, kaum Make-up und einer gewissen Scheiß-drauf-Attitüde sind die Spanierinnen die Vorreiter der neuen Klasse der starken, unabhängigen Musikerinnen, zu der auch Empress OfThe Prettiots oder Julia Cummings von Sunflower Bean gehören. 

Kurz vor ihrem Auftritt haben wir Sängerin Carlotta und Drummerin Amber getroffen und mit ihnen über das Tour-Leben, ihr Album Leave Me Alone und über Sexismus in der Musikindustrie gesprochen. (Und wir haben uns noch mehr in sie verliebt, aber nur ein klein bisschen mehr.) 

Ich habe irgendwo gelesen, dass ihr vier die „Retterinnen der Gitarrenmusik" sein sollt...
Carlotta & Amber: Wohooooo!
Carlotta: Nein, im Ernst. Ich weiß nicht, ob wir das sind.
Amber: Wir arbeiten daran! [Lacht]
Carlotta: Wir möchten diese Art von Musik aber tatsächlich gerne retten! Die echte Musik, die Gitarrenmusik, die so momentlastig ist. Wenn du dich verspielst, verspielst du dich, es gibt keine Maschine mit dir auf der Bühne, die deine Fehler ausgleichen könnte.

Aber wieso muss man diese Musik denn überhaupt retten, steckt Gitarrenmusik in der Krise?
Carlotta: Nein, ich glaube, wir leben in einer guten Zeit was Musik allgemein angeht. Aber was vielleicht gemeint sein könnte: Wir sind Mädchen und es gibt nicht viele Mädchen, die Musik machen, wie wir sie machen. Also wir retten die Gitarrenmusik vielleicht, weil wir für Gleichberechtigung kämpfen und weil wir einfach Mädchen sind, die das machen, was die Gesellschaft von Jungs erwartet.

Ist es also einfacher, als Frau zum Beispiel elektronische Musik zu machen?
Amber: Ich weiß nicht, aber es gibt dort zumindest mehr Frauen.
Carlotta: Auch im Pop natürlich, es gibt so viele Pop-Sängerinnen, aber ob es wirklich leichter ist, weiß ich auch nicht.
Amber: Naja, die Leute sind zumindest mehr daran gewöhnt.

Vorher habt ihr mir erzählt, dass ihr alle möglichen Musikrichtungen mögt und privat hört. Welche Bands und Künstler haben euch aber tiefergehend beeinflusst?
Carlotta: Wir lieben Garage-Music. Wir lieben die Black Lips, Mac de Marco, Dead Ghosts. 
Amber: King Tuff!
Carlotta: Oh ja, King Tuff, White Fang, Public Access TV und The Strokes natürlich, aber auch mehr elektronisches Zeug wie Glass Animals zum Beispiel.

Das waren jetzt aber alles Boybands...
Carlotta: Das stimmt leider, aber wir haben diese Girlband, deren Musik uns gefällt, noch nicht gefunden.

War das der Grund eine eigene Band zu gründen?
Carlotta: Ja schon. Hinds ist die Girlband, deren Musik wir lieben.
Amber: Ich liebe Hinds!! [Lacht]

Habt ihr schon jemals den Sexismus der Branche zu spüren bekommen? 
Amber: Ja, sehr oft. Also niemals bei unserem Label oder bei den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, aber oft bei Leuten, die unsere Musik hören und oft sogar richtige Fans sind.
Carlotta: Sie merken oft gar nicht, dass sie sexistisch sind. Erst vor ein paar Tagen hat jemand über uns auf Twitter geschrieben: „Hört euch Hinds an, eine Mädchen-Band, die aber geniale Musik macht!"

„Aber."
Carlotta: Exakt. Wir werden viel öfter verurteilt als andere Bands, einfach nur weil wir Mädchen sind. Die Leute sind nicht daran gewöhnt. Sie kennen nur Jungs, die ins Mikro schreien und schwitzend auf der Bühne ihre Shirts ausziehen. Wir hingegen dürfen das in ihren Augen aber nicht.

Ihr habt anfangs Coversongs auf YouTube veröffentlicht, was damals sehr unbeschwert gewirkt hat. Was hat sich verändert, seit ihr ein Label habt?
Carlotta: Es ist auf jeden Fall anders, aber wir waren schon immer super organisiert. Selbst damals zu den YouTube-Zeiten, als wir eigentlich noch keinen Druck hatten, haben wir uns den Druck selbst gemacht. Wir haben uns wöchentliche Ziele gesetzt, also zum Beispiel: „Diese Woche schreiben wir einen neuen Song, wir stellen Song Nummer drei fertig und wir werden ein Foto auf Instagram posten" und so weiter ...
Amber: Wie Hausaufgaben.
Carlotta: Jetzt ist es genau so, nur sind die Ziele größer geworden. Die Hausaufgaben sind viel anstrengender geworden: Heute spielen wir in Wien, gleichzeitig müssen wir aber die nächsten Konzerte promoten. Wir geben jeden Tag Interviews und dann gibt es da vielleicht noch einen Fotoshoot, wo man die Kleidung nicht mag, aber man muss dennoch in die Kamera lächeln.
Amber: Klingt witzig, ist aber manchmal echt hart.
Carlotta: Den ganzen Tag Hausaufgaben machen, es ist eben doch ein Job.

Ich bin aber schwer beeindruckt von eurem Organisationstalent, ich würde das wohl nie so hinbekommen.
Carlotta: Vor der Band haben wir alle studiert. Ich habe Medizin studiert und wir alle hatten sehr gute Noten, auch aufgrund unserer Organisationstalente. Aber natürlich auch weil wir einfach super intelligent sind [Lacht], aber es stimmt: Wir denken so viel über jeden einzelnen Schritt nach und lassen uns von niemandem dazwischen funken. Wir kümmern uns um jedes kleinste Detail rund um die Band. Alles unterliegt unserer Kontrolle, weil wir es so wollen.
Amber: Das ist natürlich viel anstrengender, aber gibt uns auch viel Sicherheit.

OK, das Rockstar-Dasein ist also ein anstrengender Job, aber trotzdem scheint es bei euch immer so, als hättet ihr wahnsinnig viel Spaß. Auch jetzt gerade hier beim Interview, auf der Bühne und auch in euren Videos wirkt ihr immer wie ein Haufen Freundinnen, die einfach miteinander rumhängen ...
Carlotta: Du willst also wissen, was unser Geheimnis ist?

Ja! Wie funktioniert das?
Amber: Ganz viel Kaffee! [Lacht]
Carlotta: Wir sind außerdem richtig gut darin, gut drauf zu sein. Wir waren ja auch schon vor der Bandgründung befreundet, das macht auch vieles einfacher. Aber gleichzeitig wissen wir, wie anstrengend es sein kann, wenn sich jemand dauernd über alles beschwert. Wir versuchen, das einfach umzukehren und dauernd alles gut zu finden. 
Amber: Es ist halt unser Job und wir versuchen, das Beste natürlich daraus zu machen. 
Carlotta: Das erinnert mich daran, als wir zum ersten Mal die Zusage für einen großen Festivalgig bekamen. Ich habe sofort meine Mutter angerufen und ihr davon erzählt, dass wir endlich einen bezahlten Gig spielen und ihre Reaktion darauf war: „Ach herrje, dann solltet ihr diesmal aber versuchen, gut zu spielen!".

Lasst uns noch über euer Album reden! Obwohl es natürlich eine Aufnahme ist, ist es sehr nah an eurem Live-Sound...
Carlotta: Ja, das wollten wir tatsächlich so. Wir haben im Studio nur die Instrumente ausgewählt, die wie unser Live-Equipment geklungen haben.
Amber: Und wir haben alles gemeinsam eingespielt, wir alle zusammen, jeden Song. Es gab keine Einzelaufnahmen oder so was.

Der Albumtitel ist Leave Me Alone, da denken viele sofort an ein Breakup-Album, aber worum geht es wirklich?
Carlotta: Leave Me Alone beschreibt nicht worum es in den Songs geht, sondern es fasst zusammen, worum es bei der Aufnahme ging und im Prozess des Album-Machens. Als wir in der Musikindustrie so richtig angekommen waren, haben wir gleich bemerkt, dass da eine riesige Maschine in Gang gesetzt wurde. Du verlierst deine eigenen Ziele schnell aus den Augen, weil das gesamte Team größer wird und es schwieriger wird, deine eigenen Wünsche durchzusetzen. Also Leave Me Alone steht für: Lasst mich in Ruhe meine kreative Arbeit machen!

Also es geht um die Emanzipation von der Musikindustrie und nicht um eine einzelne Person.
Amber: Ganz genau.

Wie wichtig sind eigentlich die Texte in euren Liedern?
Carlotta: So wichtig! Oft dauert es Jahre bis wir Texte fertigstellen. Aber es kommt auf den Song an, manchmal dauert es auch nur einen Nachmittag, dann ist es wieder super schwierig, den perfekten Refrain zu finden. Ich glaube, das ist so, weil wir auch einen Mehraufwand betreiben müssen, die Texte ins Englische zu übertragen. Unsere Muttersprache ist Spanisch und es ist oft schwierig, die richtigen englischen Wörter zu finden.

Bei Noisey kannst du die neue Hinds-Single hören.

Besteht auch die Option, mal auf Spanisch zu singen?
Carlotta: Naja, wir schließen es nicht aus, aber es ist schwieriger für uns, auf Spanisch zu singen, weil man ganz anders atmet. Die Musik, die wir machen, funktioniert besser mit englischer Atmung [Lacht] und sogar meine Stimmlage verändert sich, wenn ich die Sprache wechsle. Spanisch ist viel rauer.

Eure Homebase ist Madrid. Immer wenn ich in den Nachrichten von der spanischen Hauptstadt höre, geht es um (Jugend-)Arbeitslosigkeit, spürt ihr das auch in eurem Freundeskreis?
Carlotta: Ja, leider schon. Aber ich glaube, dass es gerade besser wird. Der Staat hat dazu nicht viel beigetragen. Ich glaube einfach, dass wir—also unsere Generation—älter werden und wir sind die Kinder der Krise. Wir kennen es gar nicht anders und müssen sowieso damit umgehen. Wir wissen, dass uns nichts geschenkt wird und, ich glaube, von dieser Kraft lebt auch HINDS. Die jungen Menschen in Spanien müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Initiative ergreifen, weil es sonst keiner für sie tut und das haben auch wir getan.

Was steht denn als Nächstes an, jetzt wo das Album draußen ist?
Amber: Touren, touren, touren.
Carlotta: Ja, wir fokussieren uns gerade darauf, jeden Abend das Beste zu geben, in jeder Stadt. Aber es stimmt nicht, dass wir nur touren. Wir werden wohl demnächst auch eine CD zusammen mit einem ziemlich coolen Typen aufnehmen, da darf ich aber noch nicht mehr verraten.

Jetzt muss ich aber fragen: Wer ist der coole Typ?
Carlotta: [Lacht] Sorry, das ist ein Geheimnis und wir sind auch erst am Anfang von diesem Projekt, also ... Geduld!

Wie geht es euch mit dem Tour-Leben?
Carlotta: Wir haben auf Tour realisiert, dass all diese amerikanischen Folk-Songs, wo es immer um die road geht ...
Amber: My baby's away ... I am on the road ... road to nowhere ... Du verstehst all diese Aussagen plötzlich.
Carlotta: Ja, fuck. Road ist gar keine Metapher für das Leben, es ist einfach wirklich der Weg und dann auch noch meistens der Weg, den man im Tourbus zurücklegt.

Oh Mann, ihr habt Recht, auch ich bin mein ganzes Leben auf diese angebliche Metapher reingefallen...
Amber: Das ist nicht schlimm, wir alle sind darauf reingefallen. [Lacht]

@hinds

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Credits


Einleitung: Alexandra Bondi de Antoni 
Interview: Christian Pausch 
Foto: Francesca Allen