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Warrior Queen: wie man als männlicher Designer lernt, Frauen besser zu verstehen

Juule Kay

Juule Kay

Studiert hat Raphael Caric unter der Leitung von Bernhard Wilhelm und Hussein Chalayan, jetzt hat er seine Abschlusskollektion präsentiert. Wir haben mit ihm über die fehlende Ausbildung an Modeschulen und typische Rollenbilder gesprochen.

Zwar ist der Modedesign-Absolvent Raphael Caric der Universität für Angewandte Kunst Wien noch auf der Suche nach seiner ganz persönlichen Message an die zerrüttete Modewelt – bis dahin folgt er jedoch gekonnt seiner Intuition. Mit der Abschlusskollektion HUSH HUSH, welche er selbst als stark, sinnlich und wild betitelt, zeigt der 24-Jährige nicht nur, wie wichtig es ist, im richtigen Moment auf das eigene Bauchgefühl zu hören, sondern auch welches spezielle Frauenbild sich hinter seinen Entwürfen verbirgt. Doch an dieser Stelle wollen wir nicht zu viel verraten, sondern entlassen dich lieber in Raphaels vom Militär inspirierte Welt.

Wie bist du zum Modedesign gekommen?
Ich glaube, mir wurde es in die Wiege gelegt, meine Mutter ist Kostümbildnerin. Schon als Kind habe ich meine Karnevalskostüme selbst gemacht und beim Ritterspielen wollte ich immer die coolste Rüstung anhaben.

Du hast erst unter der Leitung von Bernhard Wilhelm, dann unter Hussein Chalayan studiert. Gab es große Unterschiede?
Ja, sogar wie Tag und Nacht. Bernhard ist jemand, der extrem persönlich und emotional mit den Studenten umgegangen ist. Das war allerdings nur gut, wenn er dich mochte. Hussein hingegen beurteilt sehr rational und objektiv, was auch ein bisschen problematisch ist, weil man immer das Gefühl hatte, gar nicht zu wissen, ob er einen bzw. seine Arbeit mag.

Wie hat man dich dein Studium auf die Modewelt da draußen vorbereitet?
Klar, du bekommst zwar das Handwerk gelernt, aber Dinge, wie zum Beispiel effizient Leute zu organisieren, eben nicht. Du kannst keine zehn oder 20 Teile einer Kollektion alleine machen, das ist unmöglich. Ich habe Glück, dass ich schon immer neben dem Studium in der Mode gearbeitet habe, damit war es nicht allzu schwer an die Kontakte anzuknüpfen. Das sind Sachen, die musst du dir selbst beibringen, aber vielleicht ist das auch OK so, das weiß ich nicht.

Deine Diplomkollektion trägt den Namen HUSH HUSH. Wie bist du auf den Namen gekommen?
Das war einer dieser instinktiven Entscheidungen. HUSH HUSH ist dieser ganz besondere Moment, wenn man sich zum Beispiel während eines Dates kennengelernt und viel geredet hat und dann die Zeit für den nächsten Schritt gekommen ist, bei dem Worte nicht mehr wichtig sind. Also etwas relativ Romantisches. Es war meine erste Frauenkollektion und ich habe mir überlegt, wie denn die Frau eigentlich ist, die ich anziehen will. Als Mann ist mein Bezug zur Frau und zum weiblichen Körper ein ganz anderer.

Deine Kollektion zeigt starke Frauen im Military-Look. Ich habe gelesen, dass du gerne ein neues Frauenbild schaffen würdest: Die Warrior Queen. Würdest du sagen, dass dir das in deiner Kollektion geglückt ist?
Es ist in diesem Sinne kein neues Frauenbild, auch für Balmain spielt seit Jahrzehnten das Thema der starken Warrior Queen eine Rolle. Ich habe aber mein Frauenbild entwickelt. Im klassischen Sinn wird von einem Mann ganz oft erwartet, dass er weiß, wo der Weg hingeht und die Frau hat zu folgen. Das finde ich absolut desaströs. Jeder sollte für sich selbst wissen, was er will.

Warum hast du dich dazu entschlossen, Mode für Frauen zu designen?
Bei Frauen kann ich viel konzeptueller sein, weil ich keine Frau bin. Und ich wahrscheinlich auch niemals zu einhundert Prozent verstehen werde, welche Wünsche eine Frau an Kleidung hat. Deswegen gibt mir Womenswear die Möglichkeit, experimentell zu sein und Dinge auszuprobieren, die nicht unbedingt Mode sein müssen – für den Anfang zumindest.

Warum denkst du, dass du Frauen niemals ganz verstehen wirst?
Das Mysterium Frau ist wahrscheinlich das erste und lebenslängliche Mysterium, das es für Männer gibt. Das ist wohl etwas, das dich dein Leben lang nicht loslässt als heterosexueller Mann.

Hast du schon konkrete Zukunftspläne, jetzt wo du fertig mit dem Diplom bist?
Der einzige konkrete Plan ist eigentlich die nächste Kollektion. Obwohl Kollektion kann man es nicht nennen, eher eine Aktion. Ich hoffe sehr, dass es nicht nur in der Modeschublade funktioniert, sondern eben auch auf mehreren Ebenen. Ich will mit Film und Fotografie arbeiten. Ich plane im September etwas in Paris vorzustellen.

Welche Message willst du transportieren?
Dinge, von denen ich glaube, dass sie wichtig sind. Die Welt ist so unfassbar absurd. Der Mensch ist so weit weg von seinem natürlichen Lebensraum, wie er nur sein könnte. Aber keiner gibt sich so wirklich die Mühe dahin zurückzugehen, mir inklusive. Ich glaube, man muss Messages einfach noch plakativer kommunizieren als nur durch Kleidung, mehr durch die Inszenierung. Das Modell einer klassischen Modenschau ist mittlerweile überholt. Ich finde, dass Mode vielmehr in den performativen Bereich gehen sollte. Nur weil jetzt jemand eine Jogginghose anhat, heißt das nicht, dass ich daraus ein Laissez-faire-Lifestyle herauslesen kann.

Welche Kritik hast du an die Modewelt?
Es gibt meiner Meinung nach viel zu wenige Modehäuser und -designer, die eigentlich noch etwas zu sagen haben. Und zwar mehr als: "Schau hier, kauf das, damit siehst du gut aus oder entsprichst dem Hype". Das finde ich schade, weil Mode so unglaublich viel Potenzial hat, Rollenbilder zu vermitteln, aber sie gibt sich leider zu wenig Mühe.

Wie könntest du das ändern?
Ich möchte gerne herausfinden, was ich der Welt eigentlich mitzuteilen habe und das Publikum dafür finden. Mir fällt immer dieser Spruch vom Dalai Lama ein: "The world doesn't need any more successful people", was auch immer Erfolg für mich persönlich heißen mag. Irgendwo fängt man an zu überlegen, was man der Welt Gutes, Positives oder Bereicherndes mitgeben kann. Für mich reicht es nicht einfach nur aus, schöne Kleidung zu designen. Da muss mehr her, ich weiß nur noch nicht ganz genau was.

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Marcella Ruiz Cruz & Marlene Mautner (Atelier Agathe Bauer)
Make-up: Hanna Stantejsky