"Moskau ist nicht gleich Russland"

In seinem Buch "Moscow Spring Fever" zeigt der Berliner Fotograf Robert Hamacher Fotos und Zitate junger Menschen, die über ihren Alltag sprechen.

von Tereza Mundilová
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26 Mai 2016, 10:25am

Robert Hamacher ist im Frühjahr 2014 für zwei Monate nach Moskau gereist und hat die Kultur, die Atmosphäre der Stadt und seine neuen Freunde abgelichtet. In seinem Fotobuch Moscow Spring Fever zeigt der Berliner Fotograf den Alltag und die Gedanken der jungen Menschen und gibt durch Zitate und eigene Gedankenauszüge einen Einblick in das Leben vor Ort.

Wie bist du auf die Idee ge kommen, in Russland zu fotografieren?
Ich habe zu Russland eine Verbindung, weil ich die Sprache in der Schule gelernt und dort auch russische Kunst und Literatur kennengelernt habe. Ich verbinde mit russischer Kultur vor allem Malewitsch, Dostojewski oder Tarkowsky. Dieses Bild von Russland kam mir etwas angestaubt vor und Anfang 2014 dachte ich, es wäre Zeit, es etwas aufzufrischen. Ich bin dann nach Moskau gereist. Gleich im Flugzeug wurde mir aber versichert, dass Moskau nicht gleich Russland ist, weil sich dort vieles bündelt – kulturell, wirtschaftlich und politisch. Ich wollte auch sehen, wie präsent die außenpolitische Situation Russlands in der Hauptstadt ist.


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Kanntest du dort jemanden, bevor du hingereist bist?
Ich hatte Kontakt zu Valerie, die zu der Zeit bei der Moskauer Kunst-Biennale gearbeitet hat und die auch im Buch auftaucht. Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie ich weitere Leute kennenlerne. Valerie und ich haben dann viel Zeit zusammen verbracht, haben Cidre getrunken und sind auf Ausstellungen gegangen. Da habe ich gemerkt, dass es eine fast familiäre Kulturszene gibt. Es war dann gar nicht so schwierig, neue Leute kennenzulernen.

Wie hast du die Stadt wahrgenommen?
Ich habe die Stadt immer wieder anders wahrgenommen. Das ist jetzt immer noch so, wenn ich dort bin. Ich bin mit einigen Erwartungen nach Moskau gefahren und an der Oberfläche wurde ich darin auch bestätigt: Es war alles düster, grau und verschneit. Die Leute wirken unglücklich und haben alle geraucht. Zusammen mit dem Schnee ist dieses Bild dann weggeschmolzen. Alles wurde normaler, etwas schöner und komplexer, bunter. Zum Ende meines Aufenthalts hatte ich sogar das Gefühl, weniger Aussagen über die Stadt und die Menschen treffen zu können, als am Anfang. Ich empfand das als ein gutes Zeichen.

Wie würdest du das Leben der jungen Leute dort beschreiben? Inwiefern unterscheidet sich das zu deinem Leben in Berlin?
Viele der Leute, die ich kennengelernt habe, arbeiten in ähnlichen Bereichen wie ich oder meiner Freunde hier, also Design, Kunst, oder etwas in der Richtung. Viele machen sich in Moskau selbstständig und gründen zum Beispiel ihr eigenes Modelabel. Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass man für die eigene Karriere in dieser Stadt kämpfen muss. Das ist in Berlin natürlich nicht anders, aber Moskau ist in meinen Augen dabei nicht so gemütlich: Wenn man unterwegs ist, dann irgendwohin. Und das erhöht das Tempo der Stadt. Vieles ist dort außerdem sehr exklusiv, was ich so nicht kannte. Ständig gibt es bei Veranstaltungen Extra-Bereiche für die man Extra-Einladungen braucht. Daneben und sowieso überall stehen oft Pressefotografen herum, die jedes kleine wie große Kunstevent wie verrückt dokumentieren. Einen dieser Fotografen habe ich an bestimmt zehn verschiedenen Orten gesehen. Irgendwann hab ich dann einfach angefangen, ihn zu grüßen.

Was hast du in der Zeit dort für dich selbst gelernt?
Ich habe gemerkt, wie sehr ich in vorgefertigten Ideen von Russland, und sicher von vielen anderen Orten auch, feststecke und wie überrascht ich von dem war, was in mein düsteres und romantisches Bild nicht reingepasst hat—zum Beispiel die fröhlichen jungen Leute im Gorkipark, die ein veganes BBQ organisiert haben.

Und was waren die schönsten Geschichten, die du erlebt hast?
Sehr schön, fast kitschig, waren die Ausflüge, die ich ab und zu aus der Stadt heraus in ein kleines Dorf gemacht habe, wo zwei meiner neuen Freunde während eines Residency-Programms gewohnt haben. Plötzlich hat es für mich total Sinn ergeben, dass so viele Leute eine Datscha auf dem Land haben, um der Stadt zu entkommen. Da war ich dann für ein oder zwei, manchmal drei Tage und es war wie Urlaub. Dann bin ich mit dem Bus zurück gefahren.

Wer sind die Menschen, die man auf deinen Bildern sieht? Wie hast du sie kennengelernt? Das sind Freunde und Bekannte, die ich nach und nach kennengelernt habe und die sich—direkt oder über mehrere Ecken—fast alle auch gegenseitig kennen. Einige sind Models, aber machen das meist nur nebenher, während sie ihre eigene Mode entwerfen, als PR-Manager oder in einer Galerie arbeiten, obwohl sie erst 22 sind. Moskau scheint diesen Drive vorauszusetzen. Viel und schnell produzieren, Leute kennenlernen, vernetzen, Karriere machen. Im Buch sagt jemand dazu: „When you take the rules of the game, it works better and easier.", und ein anderer meint: „For me, career—it is like an extreme sport, like riding your bicycle down a mountain." Ich glaube, beim Kennenlernen hat mir auch die Kamera geholfen. Ich habe einige Leute gefragt, ob ich sie zu Hause oder in ihren Studios fotografieren kann und das war meistens ein guter Start. Einmal habe ich jemanden über Facebook angeschrieben. Ich hab ihn da gesehen und dachte, den würde ich gerne mal begleiten und gucken, was der so macht. Das war Anton Lisin, der neben der Arbeit als Model auch selbst Kleidung entwirft. Ich habe ihn dann auf einem Friedhof getroffen, wo er eine Freundin in von ihm designte Sachen fotografiert hat und ich habe dann wiederum die beiden fotografiert.

Du warst im Frühling 2014 in Moskau, zur Zeit der russischen Annexion der Krim. Inwiefern hat sich der Konflikt auf die Einwohner ausgewirkt? Wie hast du die Ereignisse als Außenstehender erlebt?
Ich war mit der Idee nach Moskau gefahren, dass dort die Stimmung extrem von der hochkochenden Ukraine-Krise bestimmt ist und ich wollte zeigen, wie sich das im Alltag niederschlägt. Während der zwei Monate dort, von März bis Mai, habe ich neben einiger Portraitserien auch während meiner Spaziergänge die Stadt fotografiert, meistens Wege, die ich fast täglich gegangen bin. Dabei ist mir aufgefallen, wie wenig sich meine Erwartungen von endlosen Diskussionen, Demonstrationen und Auseinandersetzungen bestätigten und dass die Menschen vor allem mit ihrem eigenen Alltag beschäftigt sind. Zumindest in meinem Umfeld habe ich diesen Eindruck bekommen. Später habe ich einen Satz aus einem Gespräch gefunden, der gut beschreibt, wie ich die Atmosphäre in Moskau zu dieser Zeit erlebt habe: „All discussions about oil, gas, rubles and crazy politics lose any importance facing what we talk about here." Ein Foto im Buch zeigt meinen Laptop, auf dem ich die deutschen Nachrichten schaue, in denen über die Ukraine berichtet wird. Das war mein hauptsächlicher News-Input, was die Krise anging.

Was hat es mit den Zitaten im Buch auf sich? Warum sind sie wichtig für die Geschichte? Die Zitate stammen aus Gesprächen mit einigen Leuten, mit denen ich in Moskau Zeit verbracht habe. Sie beschreiben ihren eigenen Blick auf die Stadt, die ich mit meinen Bildern als Außenstehender dokumentiere. So kommen wir uns etwas entgegen, aber auf unterschiedlichen Ebenen, und ergänzen uns gegenseitig. Ich wollte durch die Texte aber auch herausfinden, wo sich unsere Wahrnehmung überschneidet und wo wir vielleicht völlig aneinander vorbeireden.

Warum hast du deine Arbeiten als Buch veröffentlicht?
Ich mag Bücher als Medium, um Bilder zu präsentieren. Für ein Buch müssen die Fotos in eine feste Reihenfolge gebracht werden. Das finde ich eine schöne Aufgabe, weil man dadurch Rhythmus und erzählerische Spannung erzeugen kann. Bei diesem Projekt ging es außerdem darum, sich mit der Gestaltung auf die Ästhetik von Lifestyle-Magazinen zu beziehen und damit zu spielen. Ich habe mit der Grafikerin Tanja Schüz zusammengearbeitet und wir haben nach einem Layout gesucht, welches das Buch als ein Künstlerbuch und gleichzeitig als ein schnelles, leichtes Magazin definiert. Wir haben als Bindung eine einfache Klammerheftung gewählt, das Buch hat aber auch einen Schutzumschlag bekommen, der ihm wiederum eine höhere Wertigkeit verleiht. Das brachte zwei Formsprachen zusammen, die wir verbinden wollten. Ich hatte mit dem Projekt auch erstmals die Möglichkeit, mit einem Verlag, Spector Books aus Leipzig, zusammen zu arbeiten und eine größere Stückzahl zu produzieren, was spannend war und außerdem gut zur Idee des Buchs als Magazin passte.

@roberthamacher

Credits


Fotos: Robert Hamacher