Lisa Wassmann

Ein intimer Blick in die fabulöse Welt von Berlins Dragszene

Vier Jahre lang hat die Fotografin Lisa Wassmann die Berliner Dragszene dokumentiert. Uns zeigt sie exklusiv das Ergebnis: ihre Fotoserie "Fierce".

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Juli 12 2017, 12:25pm

Lisa Wassmann

Lisa Wassmann wuchs sozusagen im Theater des Westens auf, wo beide Eltern während ihrer Kindheit arbeiteten. Mit zehn Jahren bekam das junge Mädchen seine erste Kamera und noch heute merkt man Lisas Fotografien an, wie die Zeit hinter der Bühne ihren Stil maßgeblich geprägt hat, haftet doch ein Hauch von Mystik auf jedem ihrer Bilder. 2013 traf die Fotografin Parker Tilghman, als dieser anfing, als Assistent für sie zu arbeiten. Er erzählte von kleinen Drag-Shows, die er mit Freunden in Berlin veranstaltete und fragte Lisa, ob sie ihm helfen könnte, Fotos von den Abenden zu machen. Binnen kürzester Zeit wurden die Performances immer mehr bekannt, Parker wurde Pansy und Lisa die Fotografin der Drag Queens.


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Die Fotoserie Fierce zeigt jetzt Lisas Lieblingsarbeiten, die sie im Lauf der Jahre von der Berliner Dragszene angefertigt hat. Wir zeigen dir heute einige exklusive Bilder, die in den letzten Jahren entstanden sind und haben Lisa dazu noch ein paar Fragen gestellt.

Wie würdest du die Dragszene in Berlin beschreiben?
Ich kenne mich nicht so genau mit den Dragszenen anderer Städte aus. Allerdings denke ich, dass die in Berlin sehr familiär ist, beständig wächst und internationaler wird. Die Menschen sind angezogen von der Freiheit, die Berlin für viele ausstrahlt.

Wer steckt dahinter?
In der jungen Szene hat Parker Tilghman, aka Pansy, durch Veranstaltungen stark dazu beigetragen, Menschen zusammenzuführen. Er hat eine Plattform geschaffen, auf der alle kommunizieren können und die auch, wie ich finde, lauter und moderner geworden ist.

Was macht die Szene reizvoll für dich als Fotografin?
Mit Identitäten zu spielen ist etwas, womit ich aufgewachsen bin. Meine beiden Elternteile haben im Theater des Westens gearbeitet. Dieses Gebäude war mein Spielplatz, jeder kannte mich und ich durfte mich überall frei bewegen. In der Maske saß ich besonders gern, dort konnte ich meiner Mutter auf einem kleinen Schwarz-weiß-Fernseher beim Tanzen zuschauen und gleichzeitig Menschen beobachten, die sich durch Kostüme, Schminke und Perücken verwandelten. Das Tauschen der Geschlechter beinhaltet etwas für mich, mit dem ich sehr sympathisiere. Generell halte ich nicht viel von Geschlechter-Aufteilungen. Ich bin zwar eine Frau, doch es gibt Männliches in mir. Beim Arbeiten bin ich sowieso gar nichts. Ich agiere neutral und denke nicht daran, eine Frau zu sein.

War es schwierig, nahe an die Performer heranzukommen oder standen sie von Anfang an gerne vor deiner Kamera?
Nein, es war nicht schwierig. Ich fotografiere schon seit zehn Jahren das Nachtleben Berlins – das ist Routine. Die Künstler merken das auch und vertrauen mir.

Die meisten Bilder sehen kaum inszeniert aus. Warst du einfach Beobachterin?
Ich fotografiere so gut wie nie mit Blitz, trage gedeckte Farben und tauche unter. Auf der Bühne kann man nichts inszenieren – backstage natürlich schon. Es ist eine Mischung aus beidem, dabei aber trotzdem dokumentarisch.

In welche Rollen schlüpfen die Drags? Kann man sie überhaupt als Rollen bezeichnen?
In den Jahren, in denen diese Serie entstanden ist, habe ich viel gelernt und beobachten können. Am interessantesten ist, dass es keine Rollen sind, die gespielt werden, sondern dass sich die Personen über Jahre hinweg mit der Frau, die sie sein wollen, auseinandersetzen. Sie erschaffen eine neue Person, geben ihr einen Namen, einen bestimmten Kleidungsstil und Make-up. Auch signifikante Charaktereigenschaften fügen sie hinzu. Wie sich eine Person formt, hat viel mit der Arbeit an sich zu tun, aber auch damit, welche Art der Unterstützung man von der Community erhält.

Wer sind die Künstler, die du in den letzten Jahren fotografiert hast?
In all den Jahren? Lass mich nachdenken ... unter anderem Peaches, Zhala, Karin Park, Mykki Blanco, Leif, Black Cracker und Christine. Alles Musiker, die mit dem Queer Festival YO! SISSY in Verbindung stehen.

Warum hast du die Serie Fierce genannt?
Bei den Public Viewings von Drag Race im Südblock kam der Begriff wiederholt vor und mir gefällt der Klang. Manchmal kommen Titel zu einem. Da muss man nicht länger drüber nachdenken.

Was hast du bei deiner Arbeit an der Serie gelernt?
Man sollte sein, wer immer man sein möchte.

Du schreibst, dass du nach wie vor Bilder von Parker und seinen Freunden machst. Wohin geht dein/euer Projekt?
Das YO! SISSY Festival findet am 28. und 29. Juli zum dritten Mal auf dem Festsaal-Gelände statt. Falls ich dieses Jahr nicht fotografiere, werde ich ein Video machen – ich muss Pansy noch überreden.

Credits


Fotos: Lisa Wassmann