olivia locher ist deine lieblingsfotografin, deren namen du bisher nur noch nicht gehört hast

Marshmallows, Eistüten mit Streusel und Kaugummis: Olivia Locher weiß, was im Internet schön aussieht und beliebt ist.

von Wendy Syfret
|
10 Januar 2017, 1:22pm

Du kennst Olivia Locher wahrscheinlich (noch) nicht, aber wenn du ein Fan von schönen Fotos im Internet bist, dann hast du wahrscheinlich schon mal ihre Bilder gesehen. Vielleicht hast du eines ihrer Fotos auch schon mal gerepostet, geteilt oder als Link irgendwo abgespeichert, vielleicht hast du sogar eines der Bilder als Hintergrundfoto. Dass liegt vielleicht daran, dass die in New York lebende Künstlerin eine schon fast supernatürliche Gabe hat: Sie weiß, was das Internet mag. Ihre surrealen, lustigen und nachdenklichen Aufnahmen sind wahre Instagram-Goldgruben, für andere.

Für digitale Fantasiewelten zu sorgen, kann manchmal auch ein undankbarer Job sein. Olivias Erfolg ist so typisch für viele Künstler in der Post-Internet-Welt: Millionen Mal geteilt und sie erhalten doch vergleichsweise wenig Credit dafür. Ihre Geschichte hat glücklicherweise ein Happy End beziehungsweise einen Buchdeal: ihre Serie I Fought The Law erscheint dieses Jahr in Buchform. Wir haben mit der Fotografin über das Leben als Künstlerin im Internet, Copycats und Heimunterricht im 21. Jahrhundert gesprochen.

Deine Arbeiten sind zwar surreal und verträumt, aber meistens handeln sie dann doch von Ideen aus der realen Welt. Erzähle uns mehr darüber, Realität durch Fantasiebilder zu erzeugen.
Als Kind war ich eine Tagträumerin und habe nicht wirklich zwischen Fantasie und Realität unterschieden. Ich hatte Glück, weil meine Eltern mir das nie ausgeredet haben oder mich entmutigt haben. Ich habe mich dann in meiner Jugend weiterentwickelt, aber die surrealistischen Themen blieben weiterhin in meinem Bewusstsein. Als ich mit der Fotografie angefangen habe, habe ich mich total Fantasie und Träume interessiert. Im dritten Jahr an der Kunsthochschule habe ich im Studio ein Foto von einem Model mit Marshmallows in weißen Nylonstrumpfhosen geschossen. Mein Professor hat es geliebt und mich ermutigt, dass ich mir diesen Stil beibehalten soll. Mich hat die Dummheit von Readymades fasziniert und wurde besessen von den alltäglichen Ritualen von Leuten.

Das Marshmallow-Foto wurde im Internet zum Hit. Du gehörst zu den Künstlern, deren Fotos man zuerst kennt, bevor man den Künstler dahinter kennt. Deine Bilder werden die ganze Zeit gepostet und repostet. Wie fühlt es sich an, wenn ein Bild so beliebt wird und man dafür ganz oft nicht mal mit einen Foto-Credit bekommt?
Der Durchschnittsperson, die ein Foto irgendwo veröffentlicht, ist die Quelle meistens egal. Das ist ein Nebeneffekt unserer bildbesessenen Kultur, in der wir leben. Was mich interessiert sind Nachahmungen meiner Fotos durch andere Personen. Ich habe acht detailgenaue Kopien meines Fotos einer Eistüte in der Gesäßtasche gesehen.

Meistens freut mich das, aber wenn jemand durch meine Konzepte Profite zieht, ist es etwas anderes. Ich habe genaue Kopien meines Fotos auf einem Albumcover gefunden, ein großes Berliner Filmfestival hat eine Raubkopie verwendet und Nachbildungen wurden auch von Modemarken genutzt. Mein Foto habe ich nicht gemacht, um damit Geld zu verdienen. Deshalb ist es besonders schmerzlich zu sehen, wenn eine andere Person durch meine Idee finanziell profitiert. Diese Probleme treten aber ständig auf. Man kann keine Idee mit einem Copyright belegen, aber man hofft doch, dass jemand so viel Respekt hat und nicht einfach offensichtlich die Ideen anderer klaut. 

Das Eis-Foto stammt aus deiner Serie I Fought the War über schräge US-Gesetze, die im Internet regelrecht durch die Decke gegangen ist. Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Arbeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit des Internets gerät?
Interessant ist doch, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie das passiert ist. Ich habe das Foto mit der Eistüte gepostet und auf einmal hatte es über 20.0000 Likes auf Tumblr. Dann haben sich Leute bei mir gemeldet, die über die Fotoserie schreiben wollten. Ich hatte damals nur acht Fotos und die waren noch sehr amateurhaft, aber sie wurden zum Hit im Netz. Ich habe später vier dieser Originalfotos durch stärkere Aufnahmen ersetzt. Die Fotos, die viral gegangen sind, sind eher der Vorlauf zur richtigen Serie.

Deinen Erfolg hast du teilweise dem Internet zu verdanken. Würdest du dich als Künstlerin ohne anders fühlen?
Ich glaube nicht, dass ich eine andere Künstlerin wäre, weil die Ideen zu Fotos aus meinem Innersten kommen. Ich bin mir aber sicher, dass meine Karriere eine andere wäre. Die Redakteure, die mich anschreiben und Aufträge für mich haben, finden durch Instagram meine Arbeiten. Die digitalen Plattformen haben die Printportfolios komplett ersetzt. Ich habe mein gedrucktes Buch seit 2013 nicht mehr aktualisiert, weil da eh keiner reinschaut. Instagram ist so wichtig geworden und macht Spaß, weil man einen Einblick in das Privatleben und den Beruf einer Person erhält.

Lass uns über deine Arbeiten sprechen. Sie drehen sich oft um die Themen Wellness, Mode und Beauty. Ist das eine Hommage oder eine Kritik?
Ich habe in den letzten Jahren backstage auf der New York Fashion Week fotografiert und muss sagen, dass mich die Schönheit, die vor jeder Modenschau passiert, immer wieder inspiriert. Ich habe versucht, das zu Hause nachzustellen, was ich da gesehen habe. Ich scheitere immer. Das am Ende dabei herausgekommen ist, ist doch weit vom Original entfernt. Ich mag diese Ergebnisse trotzdem, denn oft entstehen dadurch dramatischere Versionen, die als Fotos enden. Ich denke, dass es ein Mix aus Kritik und Hommage ist.

Du wurdest zu Hause unterrichtet, oder?
Ja, ich bin bis zur High School auf eine öffentliche Schule gegangen. Dann kam eine neue Form des Unterrichts auf, der Online-Unterricht. Der Klassenraum war ein Chatraum, es gab kaum Regeln und ich habe meine Eltern angefleht, dass ich da mitmachen darf. Ich habe statt acht Stunden jeden Tag in der Schule nur drei Stunden Unterricht gehabt. Ich habe mit dem Fotografieren ungefähr zu der Zeit angefangen, an dem ich das traditionelle Bildungssystem verlassen habe.

Wie beeinflussen diese Erfahrungen deine Arbeit?
Dadurch konnte ich mich ganz der Fotografiere widmen. Ich habe eine Unmenge Modemagazine abonniert und versucht, das nachzustellen, was ich darin sehe. Meine Freunde waren die Models. Außer Modefotografie wusste ich nichts über Fotografie. Ich war besessen von der Zusammenarbeit zwischen Juergen Teller und Marc Jacobs.

Dein Zuhause war ein ziemlich kreativer und offener Raum. Dein Bruder ist auch Künstler. Tauscht ihr euch aus?
Ja, absolut. Wir teilen uns in New York eine kleine Wohnung, die auch unser Studio ist. Wir denken gleich und haben diese schräge Angewohnheit, dass wir gleichzeitig das gleiche sagen, die Leute freaken deswegen aus. 

@olivialocher

Credits


Text: Wendy Syfret
Fotos: Olivia Locher

Tagged:
Instagram
Kultur
internetkunst
post-Internet
Olivia Locher​