premiere: anna vr, r>o>m>e

Anna VR ist unsere musikalische Neuentdeckung für deinen Montagnachmittag.

von Alexandra Bondi de Antoni
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21 November 2016, 2:40pm

Anna VR ist das neue Musikprojekt von Anna von Raison, die Jazzpiano studiert hat, bevor sie für Marken wie Louis Vuitton und Dior gearbeitet hat. Aufmerksam sind wir auf sie durch Alexa Karolinski geworden, die uns immer wieder mit ihren Filmen, wie z.B. für Eckhaus Latta, den Tag versüßt. Anna VR macht Popmusik, die zwischen Mainstream und Subkultur liegt. Wie sie das machen will, hat sie uns im Interview erklärt. Daneben freuen wir uns, dir heute das Musikvideo zum Song „R>O>M>E" präsentieren zu dürfen, eine Montage aus YouTube-Clips und Szenen aus dem Film La grande bellezza von Paolo Sorrentino ist, die uns zum Träumen anregt. 

Erzähl uns ein bisschen etwas über dich und deine Musik.
Ich habe Jazz und Klavier in Amsterdam und New York studiert. Nach sechs Jahren Studium und unzähligen einsamen Übungsstunden habe ich mich immer mehr für Sounds, Beats und die Arbeit im Studio interessiert. Ich wurde dann in Amsterdam mal angefragt, ob ich eigentlich Songs schreiben könnte, und dann habe ich schnell gemerkt, dass die Verbindung von Sounds, Beats, Melodie und Harmonie mich am meisten interessiert, dazu kommt dann noch die ganze visuelle Seite, die in meinem Kopf auch schon immer sehr präsent war. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, etwas wie ein Bildhauer oder Maler zu schaffen; etwas in Stein zu meisseln und als Kreation/Komposition festzuhalten.

Du sagst, dass du schon für Dior und Louis Vuitton gearbeitet hast. Wie beeinflusst das Anna VR? Wann hast du dich dazu entschlossen, als Anna VR Musik zu machen?
Da ich leidenschaftlich gerne Soundwelten kreiere, liegt ein Gebiet wie Filmmusik sehr nahe. Gefühle in Musik zu übersetzen oder bei anderen zu erwecken, fasziniert mich sehr. Durch den Regisseur Jean-Claude Thibaut sind dann Verbindungen entstanden. Mir ist im Laufe der Zeit immer klarer geworden, dass ich doch eine Vision habe und eine bestimmte musikalisch und visuelle Welt erschaffen möchte. Der Schaffensdruck wurde immer größer und größer, da musste ich das umsetzen wenigstens ein Mal im Leben ausprobieren, wie weit und wohin mich das führen kann.

Virtual Reality wird immer mehr zum Mainstream. Wie ist deine eigene Erfahrung damit?
Ehrlich gesagt, ist es leider nur eine Vision. Ich habe einen Song zu dem Thema geschrieben, an der Produktion habe ich mit Ville Haimala von Amnesia Scanner gearbeitet. Für diesen Song soll ein Virtual-Reality-Video entstehen, an dessen Konzept wir momentan arbeiten. Die VR-Technik soll natürlich nicht zum Selbstzweck werden und daher muss schon alles Sinn ergeben, ohne auf die Frage, warum wir sie jetzt einsetzen, eine überzeugende Antwort gefunden werden. Aber da es in meiner Welt auch sehr viel um Wahrnehmung und Ebenen geht denke ich, könnte das eine fruchtbare Liaison werden.

Du sagt, dass du eine Brücke zwischen Subkultur und Popkultur schlagen willst. Was fasziniert dich an den beiden und wie willst du das angehen?
Seit Längerem geht der Diskurs in die Richtung, dass es eigentlich keine Subkulturen mehr gibt, dank Internet und globaler Vernetzung. Man könne nichts Neues mehr erfinden und zu jedem Entwurf gäbe es sofort den Gegenentwurf und alles wird in wahnsinnigem Tempo Teil des Mainstreams. Da ist sicher auch etwas Wahres dran. Wenn ich meine eigene Geschichte anschaue: Im Klassik- und Jazzbereich habe ich mich für die Avantgarde interessiert, wie zum Beispiel Pianisten wie Jason Moran oder Vijay Iyer. Eine hoch vergeistigte Ecke. Ich war selber vor zehn Jahren der Meinung, dass Pop etwas für Leute ist, die kein Instrument beherrschen und unbedingt auf die Bühne müssen, was natürlich vollkommender Quatsch ist. Ich habe dann sehr bald begriffen, dass es nicht darum gehen kann, ob ich einen Song mit hundert Akkorden oder zwei spiele, sondern darum ob er gut ist. Qualität kann die Genrefrage manchmal aushebeln. Das Gesamtkunstwerk Pop—aus Visuellem und den Songs, zusammen mit einem demokratischen, manchmal naiven Moment—hat sich dann für mich als richtig angefühlt. Mein Background ist also alles andere als Popmusik typisch, aber wenn ich mir Songs wie „Toxic" von Britney Spears, „Senorita"  von Justin Timberlake, „Where Are u Now", „How Deep is Your Love" oder die „You & Me"-Version von Flume anhöre, dann gibt es scheinbar ein Euphoria-Element, gegen das ich mich nicht wehren kann, und dann auch nicht will. Über Künstler wie Michael Jackson und deren Welten muss man ja gar nicht mehr reden. Ich freue mich dann, wie am Beginn der Menschheitsgeschichte zum Beat einer Trommel um's Feuer zu tanzen. So hat Pop ja auch begonnen. Ein schönes Zitat sagt: „Music is the mildest substance we can abuse", da finde ich mich sehr wieder.

Der Song zum Video heißt „Rome". Was ist deine Beziehung zu Rom?
Ich habe mir damals Latein als erste Fremdsprache ausgesucht und hatte mich schon länger für die Ästhetik der Antike, die Fabeln und die Sagen, auch die Malerei der Renaissance, interessiert. Eine Freundin hat mich dann mit der Bernini-Skulptur Der Raub der Persephone bekannt gemacht. Deren unglaubliche bildhauerische Perfektion und die wollüstige Leidenschaft in den Details—das Video bleibt ja auch ein Paar Sekunden auf ihr hängen—haben mich vollkommen in den Bann gezogen. Rom, die   ewige Stadt, hat einfach—was Kunst und Architektur angeht—ein sagenhaft faszinierendes Erbe. Gleichzeitig folgt ja die italienische Gesellschaft und Politik ganz eigenen Gesetzen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, wie dieses Paar wieder lebendig werden könnte. Das habe ich dann verallgemeinert zu: „We had our renaissance in ROME", das Wiederaufleben der Leidenschaft eines Paares. Der Hintergrund dieser Skulptur in der römischen Mythologie ist allerdings am Ende weniger leidenschaftlich als gewalttätig. Bernini selbst, der diese Skulptur 1622 fertigstellte, hat dies für sich aber, so scheint es mir zumindest, auch sehr fließend interpretiert und war selbst auch kein Kind von Traurigkeit.

@annavrmusic

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Foto : Alex de Brabant
Styling: Ella Plevin
Haare & Make-up: Marianna Serwa

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