so verschönert ihr euer zuhause ganz ohne ikea

Als Jesse Seegers es versucht hat, hat er seine Wohnung in New York ganz nebenbei in einen zeitgenössischen Design-Showroom verwandelt

von i-D Staff
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03 Oktober 2016, 2:40pm

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Als ich für meine neue Wohnung die Regel „keine IKEA-Sachen" einführte, habe ich sie versehentlich in einen zeitgenössischen Design-Showroom verwandelt. Vielleicht ist das in dem Alter unserer Generation normal—die Spät-Zwanziger, Anfang-Dreißiger, nicht ganz Millenials, die von Stadt zu Stadt ziehen—wir leben sechs Monate lang an einem Ort, ziehen dann für ein Jahr für die Arbeit woanders hin und existieren in der Zwischenzeit überall und nirgendwo. Der einzige gemeinsame Nenner dieser vergänglichen Existenz im 21. Jahrhundert, der unserem Nomadenleben noch ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl verleiht, ist die Tatsache, dass sich irgendwo in der Nähe mit Sicherheit ein IKEA befindet, in dem man jederzeit die heiß geliebten Köttbullar bekommt.

Accordion trestle table designed by Makers with Agendas

„Accordion" Tapeziertisch von Makers With Agendas

Es ist jedes Mal das Gleiche, egal ob ich gerade in eine Millionen-Metropole oder eine aufstrebende, kleinere Stadt gezogen bin—auf IKEA ist immer Verlass. Der Versuchung widerstehen zu wollen, ein günstiges Billy Bücherregal, einen Lack Beistelltisch oder das ausziehbare Futon-Klappbett—Lövås oder Grankulla?—zu kaufen, ist von Anfang an ein aussichtsloser Kampf. Ist man in einem IKEA gewesen, ist man in allen gewesen. Und genau das ist der springende Punkt, denkt man sich selbst: „Es funktioniert. Ich denke, ich kann damit nochmal leben." Aber wollen wir das wirklich?

Der Versuchung widerstehen zu wollen, ein günstiges Billy Bücherregal, einen Lack Beistelltisch oder das ausziehbare Futon-Klappbett zu kaufen, ist von Anfang an ein aussichtsloser Kampf

Meine Frau und ich sind über die Jahre schon in so vielen IKEAs in so vielen Städten gewesen—Rom, Montréal, Brüssel, Kopenhagen, Paris, Brooklyn—, dass wir bei unserer Eigentumswohnung in New York, in der wir uns jetzt niederlassen, entschieden haben, einen weiten Bogen um das Einrichtungshaus mit dem blau-gelben Logo zu machen. Stattdessen haben wir uns darauf geeinigt, uns langsam und gewissenhaft die Dinge zu beschaffen, von denen wir schon immer geträumt haben. Das bedeutet auch, dass wir freundlich aber bestimmt „Nein" zu den praktischen Möbelstücken von der Stange sagen mussten.

Pewter Stools designed by Max Lamb

Zinntisch von Max Lamb

Mit der Zeit ergänzten wir diese einfache Regel dann außerdem noch um eine kleine Zusatzregel: keine Artikel, die nur einem einzigen Zweck dienen (keine Fondue-Sets, Nussknacker, etc.), nur Mehrzweckgeräte, die einen bleibenden Wert haben. Es ist toll, eine so gute Rechtfertigung für teure Einkäufe zu haben—es erscheint im Moment vielleicht teuer, doch wenn man den Preis durch die vielfachen Verwendungsmöglichkeiten und die vielen Jahre teilt, ist es doch eigentlich sogar ein Schnäppchen, oder?

Es erscheint im Moment vielleicht teuer, doch wenn man den Preis durch die vielfachen Verwendungsmöglichkeiten und die vielen Jahre teilt, ist es doch eigentlich sogar ein Schnäppchen, oder?

Um während der Wartezeit in unserem leeren Wohnzimmer eine Art Strichliste über die teureren Objekte unserer Begierde zu führen, ist Are.na perfekt geeignet—es ist wie Pinterest, wenn Marshall McLuhan Pinterest gegründet hätte. Es ist zweifelsohne schwierig, zu entscheiden, wo man die Grenze zwischen reinem Lust-Kauf und hochwertigen Gegenständen zieht, aber Are.na ist eine Möglichkeit, sich an seine Prinzipien zu halten und nicht dem ersten Impuls nachzugeben und einfach nur irgendetwas zu kaufen. Kauft man es nicht, überwindet man die Angst, im echten Leben etwa zu verpassen: seht es einfach als eine Übung in Zurückhaltung.

Vielleicht fragt ihr euch: wenn ich IKEA meide, was bleibt mir dann noch? Ein wichtiges Mantra der Kein-IKEA-Regel ist die Sichtweise von Charles Eames: „Wenn es denn gut genug ist, kann Design als Kunst bezeichnet werden." Die Designer der Gegenwart erschaffen Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände, die dazu bestimmt sind, die Klassiker der Zukunft zu werden. Und mit ein bisschen Recherche und Intuition könntet ihr dazu beitragen, diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen. Es folgen unsere Lieblings-Alternativen zu IKEA.  

Pull-pong table designed by Makers with Agendas

„Pull-Pong" Tisch von Makers With Agendas

Unser nomadisches Leben wäre wohl Tisch-los geblieben, wären wir nicht auf den Akkordeon-Tapeziertisch von Makers With Agendas (MWA) gestossen—meiner wurde von Kopenhagen nach New York verschifft, gelangte dann als Handgepäck nach Montréal, um dann wieder zurück nach New York geschleppt zu werden. Wie viele Tische kann man schon als Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen? Zugegeben, der Akkordeon-Tapeziertisch ist vielleicht nicht gerade robust genug für spontanen, wilden Sex, doch offenbar ist der Pull-Pong Tisch, ebenso von MWA, da eine ganz gute Wahl.

Der Akkordeon-Tapeziertisch ist vielleicht nicht gerade robust genug für spontanen, wilden Sex auf dem Esstisch, doch offenbar ist der Pull-Pong Tisch da eine ganz gute Wahl

Als nächstes in unserer Are.na-Sammlung sind so gut wie alle Teile vom Designer Max Lamb. Innerhalb einer Woche nach unserem Einzug haben wir zwei Last Stools ergattert, die aus einem einzigen Blechteil bestehen und in mehreren Ausführungen zu haben sind. Außerdem lassen sie sich ideal aufeinander stapeln. Marmoreal, ein von Max Lamb designter Kunstmarmor, der von Dzek hergestellt wird, ist ein echter Blickfang und als Möbelstück oder rohes Brett erhältlich. Seit Neuestem schwärmen wir außerdem extrem für die Zinn-Hocker mit den dreieckigen Mustern: Als fertiger Gegenstand sind sie wunderschön anzusehen, und hat man erstmal gesehen, wie sie hergestellt werden, faszinieren sie einen umso mehr.

„A Band Apart" Muster von Sarah Morris

Für die weniger radikalen Veränderungen hauchen wir einer alten Couch einfach mit einem Überzug neues Leben ein: das von dem New Yorker Textilunternehmen Maharam hergestellte und von Sarah Morris designte Muster „A Band Apart" peppt jeden Raum in wenigen Augenblicken auf. In einem weiteren Schritt des Erwachsenseins haben wir uns nach den Anforderungen für unseren Bodenbelag gerichtet, der laut Bestimmungen zu 80 Prozent bedeckt sein muss. Wir haben uns für Naturfilz von FilzFelt entschieden und damit unseren inneren Joseph Beuys ausgelebt—und das ganz ohne tierisches Fett.

Wenn ihr  gerade in eine neue Wohnung einzieht und das Bedürfnis verspüren solltet, den gleichen Lack Beistelltisch zu kaufen, den ihr bereits in den letzten fünf Städten in euren vier Wänden zu stehen hattet, bittet einen eurer Freunde um mentale Unterstützung.

Manchmal frage ich mich, ob es wohl Menschen gibt, denen etwas, das aus den kreativen Köpfen der Designer-Brüder Bouroullec stammt, tatsächlich nicht gefällt. Wir konnten dem von Herman Miller hergestellten Stuhl aus Holz und Stahl auf jeden Fall nicht widerstehen—der einzige Streitpunkt war: schwarz oder weiß? Und das letzte Objekt unserer Träume, für das wir gerade noch sparen? Es ist vielleicht nicht sehr modern, doch die ikonische Alessi MP0210 Pfeffermühle von Ettore Sottsass ist ein witziger Hauch der Memphis-Designbewegung.

 Marmoreal marble designed by Max Lamb

„Marmoreal" Marmor von Max Lamb

Wenn ihr also gerade in eine neue Wohnung einzieht und das Bedürfnis verspüren solltet, den gleichen Lack Beistelltisch zu kaufen, den ihr bereits in den letzten fünf Städten in euren vier Wänden zu stehen hattet, bittet einen eurer Freunde um mentale Unterstützung. Ohne den Beistand meiner Frau Elena hätte ich wahrscheinlich schnell nachgegeben und wäre am Ende doch wieder zu IKEA gerannt.

Credits


Text: Jesse Seegers

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