"berlin bringt einen dazu, sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen"

Wie man sich im Strudel der Nacht verlieren kann, um sein wahres Ich zu finden, und warum die deutsche Hauptstadt der beste Ort dafür ist, erklärt die Performerin Lyra.

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10 Mai 2017, 7:45am

In unserer neuen Videoreihe BEYOND CLUBBING erforschen wir, was die Berliner Underground-Partyszene so einzigartig macht. Wir sprechen mit vier Schlüsselfiguren, die mit ihrer Arbeit Grenzen aufbrechen, Diskussionen anzetteln und die Tanzfläche zu einem Safe Space für alle machen. Alle Beiträge findest du hier.

Im dritten Teil von BEYOND CLUBBING werden wir ganz persönlich. Wir treffen Lyra Pramuk, die mit uns ihre Geschichte teilt und so symbolisch für all die Menschen steht, die jedes Jahr neu in die Stadt kommen, um sich hier auszuprobieren, sich neu zu finden und sich treiben zu lassen. Kaum eine andere Stadt bietet so viele Möglichkeiten, das in einem geschützten Rahmen zu erleben; kaum eine andere Stadt bietet die Strukturen, in denen eine Community, in der das denkbar ist, überhaupt existieren kann: 

Aufgewachsen ist Lyra in einer Kleinstadt in Pennsylvania. Bevor sie nach Berlin kam, fühlte sie sich fremd im eigenen Körper und wurde noch mit ihrem Geburtsnamen angesprochen. Nach der Kindheit, in der sie ihre Mutter bat, sich kreativ auszuleben, kam das Gesangstudium und dann vor vier Jahren der Umzug in die deutsche Hauptstadt. "Als ich nach Berlin gekommen bin, wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich bin viel ausgegangen. Habe mich treiben lassen. Nach einer Zeit habe ich gemerkt, dass ich mein Leben auf die Reihe bekommen muss", erzählt sie. Es war auch noch gar nicht vor so langer Zeit, als sie sich zum ersten Mal offen dazu geäußert hat, dass sie Transgender ist und ihre Geschlechtsangleichung begonnen hat. Die Community, die sie in Berlin gefunden hat und die ihre zweite Familie geworden ist, ist auf jedem Schritt am Weg zur kompletten Selbstfindung als Unterstützer, Seelentröster und natürlich auch Fangirl dabei. Im ausführlichen Interview zu unserem Videoporträt spricht Lyra offen über ihre Angleichung,  Performances als übertriebene Darstellungen von tatsächlich Erlebtem und wie sie in Berlin ihre Stimme wiedergefunden hat. 

Wenn ich mit dir spreche, bin ich immer wieder erstaunt, wie offen du darüber redest, wie du dich verloren und wiedergefunden hast.
Die Angleichung wird in den Mainstreammedien als oberflächlicher Prozess dargestellt: ein medizinischer Vorgang, bei dem der Körper von einem biologischen Geschlecht auf ein anderes geändert wird. Das verfehlt aber die umfassende und facettenreiche Erfahrung der Trans-Community, gar nicht davon zu reden, dass diese binäre Logik die Existenz von intersexuellen, nicht-binären oder genderfluiden Menschen negiert. Diese Narrative ist aber nur ein Teil des Prozesses, der für mich extrem herausfordernd und oft beängstigend war. Ich wurde zu einem Wesen, das in der westlichen Mainstream-Gesellschaft nicht existiert.

Ich habe fünf Jahre als offen schwul lebender Mann gelebt, das war kein richtiges Leben. Ich war wie paralysiert und verwirrt. Ich war so sehr damit beschäftigt, einer Vorstellung von Männlichkeit zu entsprechen, dass ich gar nicht wusste, wer ich eigentlich bin. Ich konnte mir jenseits dieser Karikatur von Männlichkeit, von der ich das Gefühl hatte, sie performen zu müssen, kein Bild meiner Persönlichkeit machen. Dieses Gefühl wurde untragbar für mich. Ich habe angefangen, in Drag zu performen und habe ich femininer angezogen. Danach habe ich mich wohler gefühlt und angefangen darüber nachzudenken, ob ich nicht vielleicht Transgender bin.

Du hast gesagt, dass du während der Angleichung deine Stimme wiedergefunden hast. Wie kam es dazu? 
Damit meine ich, dass ich mich danach zum ersten Mal vollständig selbst sehen konnte und meine Gefühle verstanden habe. Ich glaube, dass das Geschlecht lediglich eine Energie in uns allen ist. Genderfluide, queere Menschen und Transgender müssen diesen Kanal besonders offen halten. Denn Gender geht viele mysteriöse Wege.

In meinem Gehirn finden auch chemische Änderungen statt. Ich habe in der Tonlage Bariton Opern gesungen. Ich musste das Singen neu lernen und ein neues Körperbewusstsein entwickeln. Ich habe viel Zeit damit verbracht, meine femininen Aspekte in den Performances einzubinden und das Korsett der Maskulinität, das mir aufgezwungen wurde, abzustreifen. Aber ich muss oft daran denken, dass diese Bühne so gar nicht mehr existiert, weil wir heutzutage ständig eine Performance von unserer selbst abgeben. Man muss sich doch nur anschauen, wie wir in den sozialen Netzwerken kommunizieren. Für mich ist das alles ein großer Prozess, meine Performances sind nur übertriebene Darstellungen meiner tatsächlich erlebten Erfahrungen.

Was inspiriert dich für deine Musik?
Als Kind war ich sensibel. Unsere Mutter hat meine Brüder und mich ermutigt, dass wir unsere Kreativität ausleben und Probleme kreativ lösen sollten. Songwriting, Theaterspielen und Singen waren schon immer wichtig für mich, um meine Persönlichkeit auszudrücken, meine Identität zu erforschen und darüber nachzudenken, was es bedeutet, Mensch zu sein. Diese Dinge spielen nach wie vor eine große Rolle in meinem Leben.

Je älter ich werde und je mehr ich zu der Person wurde, die ich bin, desto wichtiger finde ich es, sichtbar zu sein und zeigen, dass es noch andere Lebensweisen gibt, als uns der Mainstream zeigen will. Es ist OK, anders, schräg und schön zu sein. Mein Leben und meine Kreativität verdanke ich den Femme-Personen und queeren Vorbildern, die mir einen Ausweg aus der Traurigkeit als Kind gezeigt haben. Ich hoffe, dass ich für einige Kids auch so etwas sein kann. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es mehr Mitgefühl, Empathie und Verständnis auf der Welt gibt.

In unserer Videoserie BEYOND CLUBBING zeigen wir die unterschiedlichsten Teile des Underground-Nachtlebens von Berlin. Was macht die Szene deiner Meinung nach hier so besonders?
Berlin ist schon sehr lange eine queere und politische Stadt. Die Stadt wurde durch Ideologie geteilt und von Ignoranz zerstört. Hier herrscht der Punk. Es ist diese schräge, flache Stadt, in der die Menschen sexy und düster zugleich sein können. Hier konfrontieren sie ihre inneren Sehnsüchte. Berlin bringt einen dazu, sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen, neue Überlebensmöglichkeiten zu finden und den Status quo zu hinterfragen. Es hört sich kitschig an, aber ihr findet man Freiheit.

Bietet Berlin mehr Schutzräume als andere Städte?
Ich denke schon. Das verändert sich, weil das Geld in die Stadt kommt und sich das Nachtleben verändert. Aber Berlin hat nach wie vor viele solcher Orte. Orte, die in denen man wild sein kann, aber auch ruhig und sich verändern kann. So war die Stadt schon immer, wenn man sich ihre Geschichte anguckt. Es gab schon immer Orte für die Freaks, für Leute, die sich mit dem Status quo nicht abgefunden haben.

Wie definierest du Feminismus für Transfrauen?
Ich kann nicht für alle Transfrauen sprechen, weil wir so unterschiedlich sind und jede andere Erfahrungen und Geschichten hat. Aber ich glaube, dass Feminismus intersektional sein muss. Das bedeutet nichts anderes als die verschiedenen Ebenen — Geschlecht, ethnische Herkunft, soziale Herkunft und eventuelle Behinderungen — zu berücksichtigen. Das ist für jede Frau anders. Schwarze Transfrauen sind dem höchsten Risiko, Opfer von Gewalttaten und Hassverbrechen zu werden, ausgesetzt. Das liegt am Rassismus und an der Transfreundlichkeit unserer Kultur, deswegen müssen schwarze Transfrauen besonders viel geliebt und geschützt werden.

Intersektionaler Feminismus ist auch ein Trans-inklusiver Feminismus. Feminismus muss genauso Raum für nicht-binäre und genderqueere Menschen haben. Die verwenden vielleicht nicht weibliche Pronomen oder identifizieren sich nicht als Frauen, aber sie leiden trotzdem täglich unter Frauenfeindlichkeit und Hassverbrechen.

Ich unterstützte einen Feminismus, der alle Menschen, die unter Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Transphobie und die Auslöschung von Feminität in unserer Kultur leiden, umfasst und dabei die schützt, die besonders leiden. Feminismus muss so umfassend wie nur möglich sein, sonst hat er jeden Wert verloren.

Was muss noch getan werden, damit wir Akzeptanz erreichen?
Mich interessieren Konzepte wie Gleichstellung nicht. Die implizieren nur, dass eine unterdrückte Gruppe auf das gleiche Level wie die privilegierte Gruppe gehoben werden soll. Das ist, meiner Meinung nach, immer noch keine Antwort die Komplexität der Fragen nach Identität und wie die sich bei jeder Person im Laufe der Zeit verändern kann. Ich bin für eine Welt, auf der Menschenrechte universell gelten; wo sich jede Person so identifizieren kann, wie sie möchte, und dafür nicht beurteilt wird. Besonders was die Trans-und genderqueere Community angeht: Wir möchten einfach so wahrgenommen werden, wie wir uns selbst identifizieren. Wir möchten uns in der Öffentlichkeit sicher fühlen können. Das war es schon. Mehr wollen wir gar nicht.

Wenn der Westen überleben will und sogar wachsen will, dann müssen wir lernen, uns gegenseitig zuzuhören und Mitgefühl zu zeigen, und das auf eine Art und Weise, die die meisten von uns gar nicht gelernt haben. Wir müssen aufhören, uns ständig gegenseitig nach irgendwelchen Standards, die uns die Medien und Werbeagenturen vorschreiben, zu beurteilen. Das betrifft Fragen der Privatsphäre, des Eigentums und des Individuums im Spätkapitalismus. Wenn wir nicht aussterben wollen, dann müssen wir uns wirklich auf uns selbst und unsere Communitys besinnen.

Lyra zusammen mit Kris und Martha, die sie bei ihren Performances unterstützen. 

Gibt es noch etwas, das du der Welt sagen möchtest?
Ich glaube einfach daran, dass jeder sich so anziehen sollte, wie er oder sie das will. Dass sie das mit ihrem Körper machen können sollen, was sie wollen und die Person sein, die sein wollen. Kate Bornstein, eine amerikanische Transfrau und queere Aktivistin, hat mir das gesagt, als ich es am dringendsten hören musste. Tu einfach das, was du willst oder tun musst; versuche, mutig zu sein, und am wichtigsten: sei nett zu anderen.

@Lyra

Credits


Text und Fotos: Alexandra Bondi de Antoni