„ich mache es lieber selbst”

Im Gespräch mit Musikerin Angel Olsen über zukünftige amerikanische Politik und alte Klischees.

von Aida Baghernejad
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08 November 2016, 9:58am

Lange Zeit galt Angel Olsen als Postergirl für traurige Folk-Musik und war nicht gerade als politische Künstlerin bekannt. Vielleicht hat gerade deswegen ihr aktuelles Album, My Woman, für so viel Furore gesorgt: Ist das nun ein feministisches Manifest? Und warum muss Weiblichkeit eigentlich politisiert werden? Wir haben mit ihr über die kommenden Wahlen und alte Klischees gesprochen.

Wie fühlt es sich zur Zeit an, Amerikanerin zu sein?
Ich glaube, zur Zeit fühlt es sich überall auf der Welt seltsam an. Die [U.S.]-Wahl wird alle beeinflussen, alle haben Angst, dass Trump Präsident werden könnte. Es wird nicht nur uns beeinflussen. Es ist irgendwie gruselig.

Geht es dir nahe oder kannst du dich davon distanzieren?
Es gefällt mir nicht in Angst zu leben. Ich bin viel auf Tour und in der ganzen Welt unterwegs, dabei lerne ich verschiedene Kulturen kennen. Aber die Nachrichten machen manchmal alles nur schlimmer. Wir reisen auch zu gefährlichen Orten—wir waren zum Beispiel im September in Istanbul. Und kurze Zeit später hörten man von all diesen Dingen, die dort passiert sind. Aber ich bereue es nicht, dort gewesen zu sein. Es war eine wunderschöne Erfahrung. Meinen Eltern allerdings habe ich es nicht erzählt, sie hätten versucht, mich davon abzuhalten. Ich möchte nicht in Angst leben, ich möchte weiter reisen. Aber ich möchte auch aufmerksam sein.

Du hast in zuvor in Interviews gesagt, dass du früher nicht sehr politisch warst, aber das gerne ändern würdest …
Es ist eine sehr politische Zeit. Aber nur weil ich ein Album mache, das in einem politisch sehr aufgeladenem Zeitraum erscheint, fühle ich mich nicht sonderlich politisch bezüglich meiner Platte. An einem gewissen Punkt wäre es schön, eher eine Aktivistis zu sein, aber ich weiß nicht, ob ich jetzt schon so weit bin. Ich bin insofern politisch, als dass ich in jedem Interview sage, dass es dumm ist, wenn die Leute nicht wählen gehen und dass es lächerlich ist, dass Trump Präsident werden könnte. Und ich schätze, es gibt feministische Themen über die ich in allen meinen Arbeiten spreche, aber Feminismus ist nicht der Kern meiner Arbeit. In gewisser Weise rede ich schon mehr über Politik als zuvor, aber ich bin noch nicht bereit, mich zum Anführer einer Kampagne zu machen. Ein Persönlichkeit wie Miley Cyrus hat eine größere Anhängerschaft, die sie überzeugen kann. Aber ich würde zu Leuten sprechen, die sowieso schon so denken wie ich.

Dein Wohnort Asheville ist ja wie eine kleine Kommunen-Stadt in einem erzkonservativen Staat.
Ja, es ist sehr anders dort als im Rest von North Carolina. Viele Leute, die Asheville nicht kennen hören nur „North Carolina" und sagen gleich, „Oh, da gibt es Schießereien und ein großes Rassismusproblem". Ja, es gibt dort viele Dinge, die nicht aufgearbeitet wurden. Aber in Asheville ist es sehr anders. Es ist wirklich entspannt. In den Neunzigern kamen viele Hippies und kauften dort Häuser, weil es billig ist dort zu leben. Ich habe dort „Burning Fire" [ihr erstes Album, Anm. d. Redaktion] aufgenommen und mich in den Ort verliebt. Wenn man in einer kleinen Stadt lebt, kann man nicht so viel lästern, und man muss in einer kleinen Gemeinschaft sehr respektvoll sein, oder wenigstens Grenzen respektieren. In einer großen Stadt kann man ein böser Mensch sein und es dauert eine Weile, bis es die Leute kapieren. Aber in einer kleinen Community muss man gewisse Standards einhalten.

Die Reaktionen auf dein neues Album sind ja ziemlich unterschiedlich ausgefallen, manche scheinen regelrecht schockiert zu sein, dass du es My Woman genannt hast und jetzt einen etwas anderen Sound verfolgst.
Ich dachte einfach nur, es wäre ein cooler Titel. Ich habe mir überhaupt keine Gedanken darum gemacht um ehrlich zu sein, und überhaupt nicht an die Konsequenzen gedacht. Am Telefon haben Journalisten mich dann gefragt, ob ich nicht Angst hätte meine männlichen Fans zu verprellen! Und ich dachte, woah, verrückt, darüber habe ich noch nicht einmal nachgedacht. Sogar in der Musikindustrie heißt es, dass man vorsichtig sein sollte wenn man über Feminismus spricht. Als wäre es ein schmutziges Wort. Das ärgert mich. Auf jedem meiner Alben gibt es immer irgendetwas, das sich damit auseinandersetzt, wie es ist, eine Frau zu sein. Diesmal habe ich es nur sehr direkt ausgesprochen.

Du bist schließlich auch eine Frau …
Yeah! Und es so zu nennen, war, als hätte ich ein schmutziges Wort ausgesprochen. Dabei habe ich nie etwas anderes gesagt. Ich singe über ähnliche Dinge wie früher, nur ein wenig anders und in einem anderen Stil. Ich habe nicht mein Album gemacht, um Teil eines kontroversen Themas zu werden, dass schon breit diskutiert wird. Es geht vielmehr um meine Einstellung zu mir selbst und die Haltung, die ich einnehmen wollte. Bis zu diesem Album habe ich andere Leute für ich Entscheidungen treffen lassen, die mich verbittert haben. Keine schlechten Entscheidungen, sondern einfach Entscheidungen, die ich selbst hätte treffen sollen.

Welche Entscheidungen waren das?
Ach, zum Beispiel meine eigenen Videos drehen. Ich habe in Videos geschauspielert, die andere Leute dann anschließend geschnitten und bearbeitet haben. Irgendwann habe ich mich gefragt: „Warum mache ich ein Album, wenn ich dann mein Bild einem anderen Künstler gebe, der sein eigenes Statement mit meinem Song macht, wenn es meine eigene Aussage sein sollte?" Auch wenn mein Statement irrelevant ist oder ich nur eine Figur in meinem Video darstelle. Aber ich mache es lieber selbst, als dass es jemand anderes für mich macht.

Ich habe mich beim Video zu „Shut Up and Kiss Me" kaputtgelacht.
Weil meine Texte der Kern sind und ich einiges sehr ernst nehme, denken Leute, dass ich nur dieses traurige Mädchen mit traurigen, bedeutungsschwangeren Songs bin. Als ich die Glitzerperücke [für das Video zu „Shut Up and Kiss Me" und „Intern", Anm. d. Redaktion] aufgesetzt habe, waren einige überfordert: „Was hat es zu bedeuten, dass du jetzt Spaß hast?" 

@angelolsen

Credits


Text: Aida Baghernejad 
Foto: Amadna Marsalis

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