der i-D Guide für ein nachhaltigeres Leben

Madeleine Alizadeh ist das Superbrain hinter dem Fair-Fashion-Blog DariaDaria, auf dem sie weit weg vom 08/15-Ökoklischee über faires Leben schreibt. Anlässlich der Fashion Revolution Week haben wir sie gebeten, uns ein paar Tipps zu geben.

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25 April 2017, 9:15am

Als die Redaktion von i-D mich gefragt hat, ob ich diesen Artikel schreiben kann, wurde mir gesagt, dass es gerne etwas humoristisch werden kann. Ich habe zugestimmt, jedoch fällt mir kein witziges Wort ein, das den Tod von über 1100 Textilarbeiter_innen beschreiben könnte. In Ehre der Verstorbenen, die 2013 beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch ums Leben gekommen sind, und um auf die schlechten Produktionsbedienungen in vielen Fabriken hinzuweisen, wird diese Woche die Fashion Revolution Week gefeiert. Was sich nach einem pseudo-politischen Slogan anhört, das man auf T-Shirts druckt, ist ein wichtiger Gedenktag und eine Erinnerung daran, dass wir uns in einer Welt von Portionskaffee in Aluminiumkapseln für 80 Euro pro Kilo und T-Shirts um 4,90 Euro einfach manchmal daran erinnern sollten, kein Arschloch zu sein. Seit vier Jahren versuche ich, Schritt für Schritt meinen Kleiderschrank etwas ethisch korrekter zu gestalten. Wie das geht, erkläre ich dir heute. Ab jetzt wird's auch lustiger. Versprochen.


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Sei einfach mal ehrlich zu dir selbst
Als ich 16 war, habe ich mich ausschließlich für Jungs, die mich eiskalt ignorierten, interessiert. Jahrelang habe ich die Schuld der Tatsache gegeben, dass ich die Zwei-Stunden-Regel beim SMS-Antworten nicht eingehalten habe oder den zwei Kilogramm, die ich glaubte, zu viel zu haben. Irgendwann – mittlerweile unfassbar weise und in meinen Zwanzigern – beschloss ich, ehrlich zu mir selbst zu sein und mir einzugestehen, dass die Schuld eigentlich nur an mir und meinem Faible für selbstbezogene Muttersöhnchen gelegen ist. Was das mit unseren Kleiderschränken zu tun hat? Wir wissen, was da hängt und wie es hergestellt wurde. Weiß doch jedes Kind. Wir sind einfach leider verdammt gut darin, uns nicht damit auseinandersetzen zu wollen. Genau so, wie wir uns aber irgendwann mal ehrlich eingestehen müssen, dass unsere chronisch überzupften Augenbrauen mit 16 unserer Gesichtsform niemals geschmeichelt haben und dein Dorffriseur Rachels Stufenschnitt nie so wie in Friends hinbekommen wird, so müssen wir uns auch ehrlich eingestehen, dass wir was Textilien angeht, bisher nicht sehr reflektiert gehandelt haben und das ändern sollten.

Durchbrich den Bullshit-Zyklus
Das Unwort Millennial verursacht bei mir Augenrollen, ich verwende es jetzt trotzdem. Achtung: Millennials versuchen ständig, ein Loch in sich zu füllen. Der Sinn des Lebens wird durch einen Starbucks-Einwegbecher ersetzt und weil der Kloß im Hals, den wir verspüren, wenn wir das Büro betreten und einen Job machen, den wir eigentlich hassen, auch nicht von selbst weniger wird, rennen wir zum Textilschweden und stopfen die tiefe, schwarze Leere mit einem 7er Pack Socken um 7,99 Euro und der nächsten Kette, die eigentlich so aussieht wie alle anderen, die wir haben. Irgendwann haben wir dann ein First-World-Mini-Burnout, weil unser Kleiderschrank übergeht, schauen ein paar Minimalism-Videos auf YouTube, lesen ein paar japanische Ausmistbücher und sortieren dann 70 Prozent unseres Kleiderkastens aus, weil wir den Großteil davon ohnehin nicht tragen. Plötzlich fühlen wir uns dann total gut, erleichtert und zen. Dann beginnt der Bullshit-Zyklus wieder von vorne und kurz darauf geht die Garderobe erneut vor Belohnungskäufen über, die wir nur getätigt haben, weil wir uns wiedermal beschissen und überfordert gefühlt haben. Breaking News: Fast Fashion lebt von diesen Gefühlen. Fast Fashion ist wie Lord Voldemort oder Ursula – sie ist der Wirt unserer Unsicherheit, empfängt sie mit Polyester-Acryl-Mischungen und dem dritten Paar weißer Sneaker. Die Leere in uns, die wir mit schneller Mode und Käufen versuchen zu füllen, macht uns arm und jemand anderen, in einem blank geputzten Hochhaus, sehr reich.

Informiere dich
Du liest diesen Text, also kannst du lesen. Du liest ihn online, du hast also einen Internetzugang: Du hast alle notwendigen Ressourcen, um dich über das, was in deinem Kleiderschrank hängt, zu informieren. Bevor du also das nächste Mal stundenlang vor Tinder rumhängst oder Tierbabys auf YouTube anschaust, informiere dich über die Textilindustrie. Seiten, wie die der Clean Clothes Campaign, oder Filme, wie The True Cost, sind wahre Orakel und auf Blogs wie Peppermynta Mag oder auch dem meinigen kannst du dich stundenlang durch einschlägige Beiträge durchklicken. Wenn du das getan hast, wirst du wissen, dass man für die Produktion eines einzigen Baumwoll-T-Shirts so viel Wasser braucht, wie man in zweieinhalb Jahren trinkt und dass du in fairer Mode nicht wie deine Tante Gertrud im Filzmantel mit Bernsteinkette um den Hals aussehen musst. Die Ausrede, dein Hund hätte deine Hausaufgaben gefressen, gilt übrigens nicht.

Vier für Eins oder gebraucht
Ich weiß, der Gedanke daran, getragene Winterstiefel zu kaufen, ist ungefähr so angenehm wie der Gedanke an Scheidenpilz im Sommer. Doch wenn man als Maßstab für Second Hand nicht die ausgetragenen, maßlos überteuerten Dr. Martens auf dem Flohmarkt im Mauerpark hernimmt, wird man merken, dass es verdammt viel gebrauchte Kleidung gibt, die kaum getragen wurde. Wenn man gebraucht kauft, spart man Geld, entlastet den Zyklus des Textilmülls und irgendwie fühle ich mich auch wie ein süßes, Aas fressendes Nagetier dabei (eine Babymaus zum Beispiel). Wer sich vom Scheidenpilzgedanken nicht trennen kann und die Art von Person ist, die Handdesinfektionsmittel in jeder Handtasche mitschleppt, aber kein Geld für überteuerte, skandinavische Designerkleidung in blassrosa Papiertüten hat, dem lege ich die 4-für-1-Regel ans Herz. Statt vier Fast-Fashion-Teilen kannst du einfach ein hochwertigeres Kleidungsstück kaufen, das du dafür vier mal so lange tragen kannst.

Sei auch mal ein Arschloch
Obwohl ich eine selbsternannte Instagram-Good-Life-Prophetin bin, die high auf Prana ist und sich ausschließlich von vitalisiertem Wasser mit Edelsteinen ernährt, bin ich ab und an ein echt ignorantes Arschloch. Ich trinke mein Heißgetränk manchmal bei Starbucks, fliege viel zu viel mit dem Flugzeug und das Bio der Bio-Avocados macht sie auch nicht besser. Trotzdem kann ich nach vier Jahren sagen: Ich bin nicht mehr das Arschloch, das ich vor 2013 war. Niemand ist perfekt und jeder Babyschritt zählt. Du darfst also auch mal ein Arschloch sein, aber bitte nicht zu oft.

dariadaria.com

Alle Beiträge zur Fashion Revolution Week findest du hier.