warum wir anfangen müssen, von monströsen körpern zu träumen

Körper sind alles andere als perfekt, schön und glatt. Sie sind komisch, verformt und machen manchmal kuriose Dinge—und das ist auch gut so. Gala, Mitglied der queer-feministischen Gruppe AK Feminismus aus Berlin, erklärt uns, warum wir das endlich...

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Sep. 5 2016, 9:40am

Dicke, haarige, nicht weiße, nicht binär-geschlechtliche oder nicht gesunde Körper werden in Pop- und Subkulturen immer sichtbarer. Aktivistinnen, die nicht dünn, weiß, gesund oder cis-geschlechtlich sind, machen es in den sozialen Medien vor und langsam holen auch die Kommerz- und Mainstream-Kulturen auf und verabschieden sich vom klassischen Bild, wie Körper auszusehen haben. Wer gleichzeitig selbst mit dem eigenen Körper und dessen Wahrnehmung in der Gesellschaft zu kämpfen hat, weil er vielleicht nicht den gängigen Kriterien entspricht oder weil er einfach in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der vor allem weiblich gelesene Körper als immer verbesserungswürdig verkauft werden, findet also mehr und mehr Körperrepräsentationen, die eine ermächtigende Wirkung haben können. Fragen wie, was es bedeutet, dick im deutschen Sommer zu sein; eine behaarte Frau of Color zu sein oder die mediale Aufmerksamkeit, die sogenannten Plus-size-Models zukommt, finden Eingang in Diskussionen um Feminismus—auch in den bekannteren Formaten der hippen Mittelschicht. Es scheint also, als sei etwas im Umbruch. 

Trotzdem ist die Sache mit den Körpern irgendwie nicht so einfach. Seitdem ich denken kann, wurde mein weißer, cis-weiblicher Körper von anderen besprochen und entsprechend einsortiert. Meine früheste Erinnerung geht zurück in das Zimmer meines Kinderarztes: Er stellte fest, dass mein BMI zu hoch sei, also durfte ich fortan keinen Apfelsaft mehr trinken. Das wurde zu Hause durchgesetzt und erschien mir bald gar nicht mehr so abwegig, weil eigentlich alle weiblichen Personen meiner Familie ständig negativ über ihre Körper gesprochen haben—ganz gleich, ob diese nun dünn, sportlich, dick, jung, alt oder krank waren.
Schon von klein an wird uns klar gemacht, dass wir so wie wir sind nicht sein sollen. Jetzt, wo wir es eigentlich besser wissen könnten, ertappen wir uns immer aber noch, wie wir diese Normen auf uns selbst anwenden.

Um diese Ambivalenz besser verstehen zu können, kann man mit der Figur des Monsters arbeiten. Das Wort Monster beschreibt laut Duden ein „furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt" und wird „meist emotional" gebraucht, um etwas Großes, Abnormales zu beschreiben. Monster können also sinnbildlich die Ausschließung von Unnormalem darstellen. Sie sind hässlich, furchterregend, fantastisch oder riesig. In der Bedeutung des Wortes liegt dabei ihre eigentliche Macht: Allein dadurch, dass sie existieren, sind sie ein Mahnzeichen der Gesellschaft. Ihr Dasein erinnert uns daran, was in der Gesellschaft als abnorm, eklig, furchterregend oder fantastisch angesehen wird.

Viele Menschen, die nicht den gängigen Gesellschaftsnormen entsprechen, werden von Geburt an zu Monstern gemacht und ausgeschlossen oder nehmen Teile ihres Körpers als monströs wahr. Körperfett, Hautbeschaffenheit und nicht dem Mainstream entsprechende Brüste waren in meinen Teenie-Jahren schnell als Monstrositäten ausgemacht. In Räumen mit vielen dünnen und zierlichen Menschen fühlte ich mich schnell sehr unwohl und ich empfinde mich selbst als eine Person, die zu viel Platz einnimmt. Das Gefühl ohne BH herumzulaufen, konnte ich lange Zeit nicht anders als mit Ekel beschreiben. Ekel davor, keine Kontrolle über diese Teile meines Körpers zu haben und zusätzlich dazu Ekel über die Reaktionen, die sie auf der Straße oder im Supermarkt (oder in der Uni oder im Club oder ... ) hervorrufen: Blicke, Kommentare, Berührungen. Selbst beim Schreiben dieser Worte fühle ich mich irgendwie eklig, dabei spreche ich nur aus, was für viele Frauen ziemlich alltäglich ist.

Kürzlich schrieb eine Freundin von mir in einer Facebook-Unterhaltung: „Trotzdem fühle ich mich am wohlsten, wenn ich am dünnsten bin." Ein paar Tage später, im Gespräch darüber, haben wir festgestellt, dass sich das wie ein Verrat an unseren feministischen Prinzipien anfühlt. Auch wenn wir also um die Konstruktion von Körpernormen Bescheid wissen, wir diese Mechanismen aufzeigen und kritisieren können und Body-Positive-Aktivistinnen bewundern, fühlen wir uns doch am wohlsten, wenn wir in unserer dünnsten oder fittesten Form sind—oder können das Gefühl zumindest nachvollziehen. Es gilt deshalb diese Ambivalenzen anzuerkennen und sich mit ihnen anzufreunden. Dabei helfen Solidarität und Austausch, denn wir sind nicht alleine mit diesen Gefühlen und sollten lernen, über unsere Verletzlichkeiten zu sprechen. Sie sind nicht unsere Fehler, sondern gehören zum System, in dem auch Rassismus, Sexismus, Kapitalismus, Transphobie und andere Unterdrückungsmechanismen herrschen—und können deshalb auch nur kollektiv bekämpft werden. Dabei ist es besonders wichtig, sich der eigenen Privilegien bewusst zu sein, was nicht immer einfach ist, wenn es um den eigenen Körper geht. 

Fat-Aktivist thunder.khat weist zum Beispiel auf darauf hin, dass dünne Menschen sich nicht einfach in einem körperpositiven Kontext fat oder dick nennen sollten, da diese Begriffe für einen anderen Kampf angeeignet und genutzt werden. Wir können trotzdem wütend sein, uns selbst hinterfragen und unsere Stimmen gegen Normierungen einsetzen—vor allem wenn sie lauter gehört werden als die von anderen. Dabei sollten wir auch nicht vergessen, uns um uns selbst zu kümmern, damit wir genug Kraft haben, um uns für monströse Körperpolitiken einzusetzen. Gemeinsam sollten wir lernen, unsere Monstrositäten und Widersprüche zu feiern. So wie Princess Nokia es in einem kürzlich erschienenen Interview auf den Punkt gebracht hat: „Ich mag solche Sachen, also wenn ich über Konzepte für mich selbst nachdenke, oder wie ich das in einen Zusammenhang mit meiner Kunst und Musik stelle, es ist als ob man gleichzeitig die coolste und ekligste Person ist. Ich mag die Dualität davon, etwas schön zu machen, was eigentlich nicht dafür vorgesehen ist, schön zu sein."

Credits


Text: Gala Rexer