mit nackten brüsten gegen die sexualisierung von frauenkörpern

Die Fotografin Annique Delphine setzt mit ihrem „Boobhead“ ein Zeichen gegen die Objektivierung des weiblichen Körpers. Wie es zu dieser Idee kam und was es für sie bedeutet heutzutage eine Frau zu sein, verrät sie uns im Interview.

von i-D Staff
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01 Februar 2017, 9:40am

Mit Hilfe ihrer Kamera hat es Annique Delphine geschafft, ein völlig neues Licht auf ihr eigenes Selbstbild zu werfen und sich nicht mehr von ihren Mitmenschen verunsichern zu lassen. Diese Erfahrungen teilt das Ex-Model durch bedeutungsvolle Fotografien mit uns. Über das Modeln und die Schauspielerei kam die Künstlerin letztlich durch einen Job als Fotoassistentin zu ihrer großen Leidenschaft, die sie zum Teil mit einzigartigen Installationen verbindet. Ihre einzelnen Frauenbrüste finden sich mittlerweile auf der ganzen Welt wieder, wobei jede einzelne von ihnen ein Zeichen gegen die Sexualisierung von Frauenkörpern setzen soll. Warum Weiblichkeit für die Fotografin mit Stärke verbunden ist und was es mit ihrem Boobhead-Projekt tatsächlich auf sich hat, erzählt uns die Wahlberlinerin im Interview. 

In vielen deiner Arbeiten verwendest du die Brust als Symbol. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich habe sie vor Jahren in einem Geschäft gesehen. Sie werden entweder als Stressball, Witzgeschenk oder sogar als Sexspielzeug vermarktet. Das fand ich so absurd, dass ich ein paar Kisten voll gekauft habe und anfing, Fotos damit zu machen. Zu dieser Zeit habe ich mich fast obsessiv mit meinen eigenen Brüsten beschäftigt, weil sie sich nach meiner Schwangerschaft so verändert hatten. Ich wollte zum Ausdruck bringen, was es mit Frauen macht, wenn unsere Körper, wie ein Objekt behandelt werden, und uns immer und immer wieder vermittelt wird, wie wir auszusehen haben, um ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. Am Anfang steckte viel Traurigkeit und Wut dahinter, irgendwann war ich aber auch amüsiert darüber, wie viel Gewichtigkeit ich meinem Aussehen schon wieder gegeben hatte und wie viel Macht der Gesellschaft, die ich damit zu kritisieren beabsichtige. Ich wollte auf humorvolle Art und Weise ausdrücken, dass ich mich oft auf meinen Körper reduziert fühle. Es ist als Symbol für die Vergegenständlichung weiblicher Körper gedacht. 

Warum ist Weiblichkeit für dich mit Stärke verbunden?
Weil Weiblichkeit immer noch als Schwäche angesehen wird, deshalb muss jede Person, die Weiblichkeit auf irgendeine Weise ausdrückt, dafür kämpfen: Für Gleichberechtigung und Anerkennung und in vielen anderen Ländern immer noch um Freiheit oder sogar um das Recht zu leben. Alleine deshalb sind Frauen viel stärker, als es ihnen immer zugestanden wird.

Inwiefern hat dich dein Werdegang in deiner künstlerischen Arbeit beeinflusst?
Ich habe mit 14 Jahren mit dem Modeln angefangen und es dauerte sehr lange bis ich begriffen habe, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss, was Leute in der Modeindustrie mit einem machen. Das verarbeite ich jetzt alles in meinen Bildern, wie zum Beispiel in meiner Arbeit Objectification, die sich mit der Vergegenständlichung des weiblichen Körpers und die Sexualisierung junger Mädchen auseinandersetzt. Solche Dinge passieren leider tagtäglich, aber nicht nur in der Modeindustrie, sondern auch im alltäglichen Leben.

Was bedeutet es für dich, heutzutage eine Frau zu sein?
Freiheit. Ich habe das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Ich darf studieren, wählen, arbeiten, alleine ein Bankkonto eröffnen oder alleine reisen. Das ist nicht überall so. Ich sehe es als meine Pflicht ein, dafür einzustehen, dass irgendwann alle Frauen auf der Welt diese Rechte und Freiheiten haben dürfen. 

Deine Arbeit Girl Disruptive ist eines deiner Langzeitprojekte, in dem du den öffentlichen Raum als Leinwand nutzt. Warum hast du dich dafür entschieden, deine Kunst auf diese Weise in die Öffentlichkeit und damit auch in den Alltag zu tragen?
Das Projekt hat letztes Jahr in England beim Wandern angefangen. Ich fand es toll, wie wild die Pflanzen um mich herum wuchsen. Ich finde, dass Weiblichkeit den Pflanzen sehr ähnlich ist: Sie bahnt sich immer wieder einen Weg und schafft sich damit Raum. Das wollte ich umsetzen und habe mich am nächsten Tag mit einem Eimer voll mit Blumen und Brüsten (ich habe tatsächlich immer welche dabei) auf den Weg gemacht, um sie an verschiedenen Orten zu kleinen Skulpturen aufzubauen. Irgendwann dann auch in London in Telefonzellen. In Frankreich in Regenrohren und in Los Angeles in Schlaglöchern. Es geht mir darum, dass Menschen in ihrem Alltag mit etwas Schönem stutzig gemacht werden sollen und Weiblichkeit mit etwas Positivem assoziieren und nicht einfach nur daran vorbeigehen — sie sollen sich damit befassen. Deswegen findet man an diesen Orten auch immer den Hashtag #girldisruptive, damit die Leute nachlesen können, worum es hierbei überhaupt geht. 

In deinen Anfängen als Fotografin musstest du erst wieder an deine eigene Schönheit glauben. Was siehst du heute, wenn du in den Spiegel schaust?
Heute sehe ich eine Frau mit einem völlig neuen Selbstbewusstsein. Das heißt nicht, dass ich frei von Unsicherheiten bin, sondern dass ich diese jetzt erkenne und weiß, woher sie kommen. Ich mag mich jetzt so, wie ich bin, und am schönsten finde ich mich, wenn ich glücklich bin.

Was können wir in Zukunft von dir erwarten?
Ich würde gerne selbst eine Gruppenausstellung kuratieren. Das habe ich mir für das nächste Jahr vorgenommen. Außerdem arbeite ich gerade an einem Konzept für einen Dokumentarfilm. 

Falls du schon immer deinen eigenen Boobhead basteln wolltest, hast du am 11. & 12. Februar im Rahmen eines Workshops der coGalleries die Möglichkeit dazu. Für weniger künstlerisch Begabte legen wir die Ausstellung Reclaim the Feminine am 9. Februar in der Fata Morgana ans Herz. 

@anniquedelphine

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Annique Delphine 

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