wie die generation shuffle den jazz zurückbringt

Wenn man Jazz hört denkt man vielleicht an Namen wie Miles Davis, Charlie Parker oder sogar an Bleeding Gums Murphy aus den “Simpsons“. Aber wohl kaum jemandem wird eine coole Londoner Underground-Szene in den Sinn kommen, die langsam aber sicher ihren...

von Matthew Whitehouse
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04 Juli 2017, 2:15pm

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

In Londoner Kellerbars lebt Jazz gerade wieder so richtig auf. Von der avantgardistischen Atmosphäre im Total Refreshment Centre in Dalston über die linken Versammlungen in der St James the Great Church in Clapton kommt eine neue Generation von Künstlern zusammen, um das Genre von ihren berühmten Vorgängern zu übernehmen. Mit einer Mischung aus Afrobeat, Jungle, House und Grime erschaffen sie einen Sound, der weit über seine traditionellen Grenzen hinausgeht. Jazz ist nicht mehr nur auf Konzerthallen beschränkt, sondern plötzlich überall. Auf NTS, im Boiler Room und auch beim Glastonbury Festival, wo Kano vergangenes Wochenende den Tuba-Spieler Theon Cross zu sich auf die Bühne geholt hat. Es ist unbearbeitete Musik, sie ist selbstgemacht und nicht wirklich der Sound der Clubs. Warum also hören alle Jazz?

Für Adam Moses von Jazz re:freshed hat diese Aufmerksamkeit aber lange auf sich warten lassen: "Aus unserer Perspektive ist das merkwürdig, denn wir machen das ja schon sehr lange."

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Jazz re:freshed ist in der Jazz-Szene Großbritanniens schon seit 14 Jahren bekannt und von einer kleinen Gruppe Freunde mit einem Background in der Soundsystem-Kultur zu einem Plattenlabel, einem jährlichen Festival und nun auch zu einer legendären Partyreihe gewachsen. "Wir sind seit 14 Jahren jede Woche aufgetreten und haben so einige Künstler aufsteigen und auch wieder fallen gesehen", sagt Adam. "Aber unser Publikum ist gerade eindeutig jünger als je zuvor."

Adam erklärt sich das plötzliche Interesse teilweise mit der Welt des Online-Streamens von Musik, bei dem teilweise ganz zufällig Musik vorgeschlagen wird. "Früher hat man Jazz gehört, wenn man sich schon vorher für Jazz interessiert hat. Man hat die Musik gehört, die Platten gesammelt, das war das einzig wichtige Genre", erklärt er. "Heute aber ist es dank der Generation Shuffle, wie ich sie nenne, ganz normal, auf seiner Playlist zwischen einem HipHop- und Pop-Song ein Jazz-Stück zu haben. Unser Ziel ist es immer gewesen, den Leuten Jazz näher zu bringen, und heute sind wir diesem Ziel näher als je zuvor."

Die Streaming-Zahlen bekräftigen diese Theorie. Im Juni 2017 wurde Jazz auf Spotify UK im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 56 Prozent häufiger gespielt. Künstler wie Binker & Moses, Shabaka Hutchings und Yussef Kamaal haben Fans gewinnen können, weil ihre Tracks in Playlisten wie Sweet Soul Sunday und Chillmatic sowie in die Genre-spezifischere Liste State of Jazz aufgenommen wurden. Jazz wird immer mehr ein Teil der Musiklandschaft der Leute — ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht.

"Die Leute suchen in allen möglichen Musikszenen nach etwas Neuem, etwas Anderem", sagt Crispin Parry von British Underground, einer Initiative, die sich auf internationalen Events um die Förderung und Unterstützung britischer Musiker kümmert. "Jazz ist nicht nur eine der interessantesten Musikrichtungen, es gibt auch eine große Vielfalt von Jazz; wenn man also lieber härtere Musik hört, gibt es auch härteren Jazz. Wenn man auf melodischere Klänge steht, findet man auch das. Und die Leute, die normalerweise eher Clubmusik hören, wissen vielleicht nicht mal, dass es Jazz ist, aber sie stehen drauf."

Vor anderthalb Jahren hat Crispin dabei geholfen, SBTVs ersten Auftritt bei South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, zu organisieren; die Grime-Rapper Stormzy, Section Boyz und Frisco von BBK haben dadurch an einem Schauplatz ihre Premiere in den USA gefeiert, der sonst eigentlich eher für Rock-Musik und Filme bekannt ist. "Ich saß da und dachte mir, OK, was machen wir als nächstes?", erzählt er. "Ich hatte schon öfters über Jazz gesprochen, aber irgendwie war es nie so richtig meins. Dann aber habe ich Moses Boyd kennen gelernt, der so darüber gesprochen hat, als gäbe es eine riesige Jazz-Szene, von der ich nichts weiß."

Im März hat sich Crispin mit Jazz re:freshed für ein Event zusammengetan, bei dem Moses zusammen mit dem Saxophonisten Shabaka Hutchings und dem Schlagzeuger Sarathy Korwar vor ausverkauftem Haus aufgetreten ist, und das nur wenige Straßen von Drakes Hauptbühne entfernt. "Niemand hätte das erwartet. Es gab bei SXSW ein paar große Künstler, die es nicht geschafft haben, ein so großes Publikum anzuziehen, aber das Jazz-Event war ausverkauft.

"Es ist fast, als wenn man den Sound von den alten Legenden übernommen hätte", fährt er fort. "Er sieht anders aus, er fühlt sich anders an, und je mehr man sich darin vertieft, desto mehr findet man, wonach man insgeheim gesucht hat. Es ist eine unabhängige Bewegung. Hier geht es niemandem darum, ob man von der Kulturstiftung Geld bekommt oder im Barbican auftreten könnte. Hier spielt viel DIY-Geist eine Rolle, ganz nach dem Motto 'lasst uns einfach loslegen und spielen, dann werden die Leute auch kommen und mit uns zusammen feiern'."  

Binker & Moses sind bei dieser Philosophie ganz vorne mit dabei. Das Duo, das aus Moses Boyd aus Catford am Schlagzeug und Binker Golding aus Tottenham am Saxophon besteht, lässt sich von den unterschiedlichsten Künstlern wie Fela Kuti und Jimi Hendrix, P-Funk und Guns & Roses inspirieren, und lässt daraus einen Sound entstehen, der wie zuvor schon Brit Funk oder Lovers Rock nirgendwo anders als in Londons multikulturellem Schmelztiegel hätte entstehen können. "Als ich angefangen habe, mich für Jazz zu interessieren, habe ich zuerst House- und Elektro Jazz für mich entdeckt ", sagt Moses. "Jazz ist wieder Teil der Debatte. Er war wie ein Außenseiter — und das meine nicht nur musikalisch, sondern auch die Jazz-Szene, die Clubs, die Festivals. Er hat sein eigenes Ding gemacht und ist jetzt sichtbarer."

Für Moses als auch für Binker liegt der Grund dafür, dass Jazz heute ein jüngeres Mainstream-Publikum erreicht vor allem darin, dass es Musiker gab, die die Musik an ganz unterschiedlichen Orten gezeigt haben. "Auf dem Jazz College bringen sie dir bei, dass es immer um Ronnie Scott's geht", beschreibt Binker. "Das ist ein sehr guter Ort und die Leuten machen einen hervorragenden Job. Aber wenn man sich dann mal außerhalb umschaut, dann begreift man, dass es da draußen eine ganze Welt voller Möglichkeiten gibt. Ich glaube, gerade junge Leute sehen das ähnlich und sie haben sich gedacht, wo können wir noch spielen? Warum können wir daraus keine Freitagnacht machen? Wenn es lebendig genug ist, reagieren Leute meistens darauf, auch wenn es normalerweise nicht das Genre ist, das sie hören."

Das Schwierige scheint darin zu liegen, dass die Leute nicht gleich abschalten, wenn sie das Genre Jazz hören. Für Binker und Moses verfehlt der Begriff Jazz das, was sie tun. In der Welt von Onlinestreaming, in der die Grenzen zwischen den traditionellen Genres immer mehr verschwimmen, und immer mehr Musiker bereit sind, genrefremde Sounds einzubinden, ist die Antwort auf die Frage 'Warum hört heute jeder Jazz?' einfach: Das tun sie gar nicht. Sie hören einfach nur richtig gute Musik.

"Ich spiele für jeden, der zuhören möchte", stimmt Binker zu. "Mich interessiert nicht, wie groß das musikalische Vorwissen ist. Es spielt keine Rolle, ob sie jahrelang nur House und noch nie eine Aufnahme von Coltrane in ihrem Leben gehört haben. Ich bin einfach nur froh, dass sie uns jetzt hören."

Journey to the Mountain of Forever von Binker & Moses ist überall erhältlich. 

Credits


Text: Matthew Whitehouse
Fotos: Elliott Morgan

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