der junge produzent lcaw verbindet klassik mit elektro, wie du es selten gehört hast

Leon hat eine klassische Musikausbildung und tourt unter dem Namen LCAW mit elektronischer Musik um die Welt. Sein Sound ist eine clevere Kombination beider Welten.

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Juli 31 2017, 2:40pm

​Foto: Markus Burke

Leon wuchs in einer klassischen Musikerfamilie auf. Mozart, Bach und vor allem Chopin begleiteten seine Kindheit. Er spielte im Bundesjugendorchester, gewann "Jugend musiziert" und war entschlossen, Cello zu studieren. Kurz vor dem Abitur versuchte er sich an Audiosoftware und begann, Elektro-Tracks zu komponieren. Sein erster Remix auf Soundcloud "ist dann ziemlich abgegangen" und die Studienpläne mussten erst mal ruhen, denn rasch wurden internationale Künstler wie La Roux und Lenny Kravitz auf den jungen Produzenten aufmerksam.

Mittlerweile ist der 22-jährige Münchner unter dem Namen LCAW schon durch die Welt getourt und überlegt - während er an seiner ersten Single mit Live-Band arbeitet - vielleicht doch irgendwann noch eine Uni zu besuchen. Was er dann studieren möchte und welche Verbindungen zwischen elektronischer und klassischer Musik bestehen, hat er uns im Interview erzählt.

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Du hast eine klassische Cello- und Klavierausbildung. Wann hast du gemerkt, dass du eine andere Richtung einschlagen wirst?
Das hat sich eigentlich ganz unerwartet ergeben, als ich ausprobierte, ob ich produzieren kann. Ich hatte die Software erst seit ein paar Tagen, habe einen Remix von der Band Daughter erstellt und ihn auf Soundcloud gepostet. Der ist dann ziemlich abgegangen. So habe ich begonnen, immer mehr Musik zu produzieren und selbst zu schreiben.

Du hattest also eigentlich nicht vor, völlig das Genre zu wechseln?
Ursprünglich war geplant, auf jeden Fall die klassische Musik weiterzuverfolgen. Ich habe im Bundesjugendorchester gespielt und als nächsten Schritt wollte ich studieren. Kurz vor dem Abi habe ich mit dem Auflegen angefangen. Nach etwa drei Monaten habe ich gemerkt, dass die Möglichkeit besteht, damit Erfolg zu haben. Ich hatte ein Management, eine Bookingagentur und habe Gigs gespielt. Schließlich habe ich das Studium erst mal auf Eis gelegt.

Spielst du mittlerweile wieder mit dem Gedanken an ein Studium?
Cello werde ich wahrscheinlich erst mal nicht studieren. Ich überlege aber, mich mit klassischer Komposition auseinanderzusetzen. Klassische und elektronische Musik zu verbinden, finde ich sehr spannend. Immer mehr DJs und elektronische Künstler starten Projekte mit Orchestern. Die meisten, die ich kenne, finde ich aber nicht griffig genug. Es müsste mal aus einer Hand kommen. Von jemandem, der langjährige Erfahrungen auf beiden Seiten hat. 

Wie viel Klassik steckt in Elektro?
Extrem viel. Alles, was mir einfällt, wenn ich Songs schreibe, kommt aus der klassischen Musik. Die gesamte Musiktheorie meiner Tracks basiert auf klassischer Komposition. Ich will damit nicht behaupten, dass meine Elektro- und Popstücke so kompliziert sind, dass sie mit einer klassischen Komposition vergleichbar sind. Grundsätzlich steckt aber — von Melodien über Akkorde bis Dynamik — die gleiche Theorie dahinter.

Hast du während deiner klassischen Ausbildung etwas gelernt, das du heute noch verwendest?
Die Orchestererfahrung ist auf jeden Fall praktisch. Wenn ich im Orchestergraben sitze, bin ich eins von zehn Celli. Teilweise habe ich mit bis zu 120 Leuten auf der Bühne gespielt. Man lernt, wie jedes Element seinen Platz hat oder haben kann und wie viel Farbe ein Stück bekommt, wenn man auch an die kleinsten Komponente denkt. 

Was können klassische Musiker von elektronischen lernen?
Klassische Musiker können natürlich wenig von elektronischen lernen, wenn es darum geht, Instrumente zu bedienen. Aber sie könnten sich ein bisschen dem Neuen hin öffnen. Elektronische Musik ist deswegen so genial, weil es sogar in Zukunft endlose Möglichkeiten gibt. Sie kann und wird sich immer verändern. Bei klassischem Repertoire steht größtenteils festgeschrieben, was aufgeführt wird. Die Bereitschaft an Experimenten müsste größer sein. Mittlerweile ist fast jeder Konzertsaal ein Silbermeer — die meisten haben graue Haare. Klassische Musik ist wunderschön und ich gehe immer wieder gerne ins Konzert. Trotzdem kann ich verstehen, dass junge Leute, die damit nicht aufgewachsen sind und keinen Bezug haben, davon nicht gecatcht werden.

Wie könnte man mehr junge Leute für klassische Musik begeistern?
Es gibt immer wieder spannende Projekte für junge Leute. Vor allem, wenn Orchester mit DJs zusammenauftreten, ist das für viele ein Grund ins Konzert zu gehen und kann dazu anleiten, sich auch für andere klassische Musik zu interessieren. Das geht aber nur, wenn sich die klassische Musik öffnet und Leute, die beides kombinieren wollen, ernst nimmt und auch fördert. Ich möchte etwas auf die Beine stellen, das auf eine gewissen Art und Weise neu ist. Auch wenn es eventuell ein Wagnis ist. Neulich war ich im Konzert, in der ersten Mahler-Sinfonie: Da stand im Begleittext, dass das Werk dem Komponisten um die Ohren geflogen ist, weil die Leute zwiegespalten waren und nicht genau wussten, wie sie darauf reagieren sollten. Heutzutage ist er einer der größten und gefeiertsten Komponisten —  gerade für seine Sinfonien.

Und was dürfen sich die Elektro-Produzenten von klassischen Musikern abschauen?
Elektronische Musiker können auf jeden Fall lernen, dass die einfachste Lösung manchmal nicht die beste ist. Klassische Musik spielen zu können, braucht Jahre und tägliches Üben. Manchmal ist es wirklich hart. Wie viel Aufwand, Liebe und Schweiß da reingesteckt wird, ist teilweise nicht vergleichbar mit elektronischer Musik. Mittlerweile kann jeder mit einem Laptop und ein paar Loops Musik machen. Ich will nicht sagen, dass es notwendig ist, Instrumente zu spielen. Aber auch elektronische Musiker sollten einen höheren Anspruch haben.

Neben Chopin, habe ich gelesen, gehören auch Schumann und Schubert zu deinen Lieblingen. Wie klingt die Romantik im Jahr 2017?
Romantik war schon immer die Epoche, die mich am meisten eingefangen hat. Sei es in der klassischen Musik oder der Lyrik. Nur was Filme angeht, ist es nicht unbedingt mein Genre. Für mich sind das heutzutage diese Tracks, bei denen du dir vorstellst in einer Blumenwiese zu liegen. Du blickst in den Himmel und träumst vom Fliegen. Es ist immer noch dieses melancholische Lebensgefühl, das man auch Indie-Bands anmerkt. Deswegen habe ich angefangen, Daughter und London Grammar zu remixen. Mein Ziel mit den Remixes war damals, diese melancholischen Vorlagen musikalisch euphorisch zu machen. Ich könnte auch sagen, dass im Jahr 2017 die Romantik eine melancholische Euphorie ist.

Was interessiert dich an Remixen — was ist das Reizvolle an völlig eigenen Kompositionen?
Ich arbeite tatsächlich sehr gerne an Remixes und werde auch bald wieder welche machen. Ich finde es interessant, durch Verfremdung von Elementen aus dem Original, neue Stücke zu machen. Trotzdem ist man limitiert. Als ich angefangen habe, eigene Sachen zu komponieren und zu produzieren, war das natürlich spannender, weil man mehr Möglichkeiten hat und besser lenken kann, wo der Track hingeht. Ich fange mittlerweile lieber von Null an. Wenn man eine Idee hat, kann man daraus zehn verschiedene Songs machen. Beim Remixen sind einem durch die vielen Vorgaben dann doch schneller Grenzen gesetzt.

"Nobody Else But You" ist im Juni erschienen. 

Credits


Text: Joely Ketterer
Foto: Markus Burke