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das ist die neue underground-designer-generation der ukraine

Der talentierte Anton Belinskiy, Star am ukrainischen Modehimmel, hat während der Paris Fashion Week jungen Designern aus seinem Heimatland eine Plattform im Rahmen des One Day Project gegeben.

von Anastasiia Fedorova
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15 März 2017, 10:30am

Anton Belinskiy. Photography Masha Demianova.

Im Palais de Tokyo sitzen zwei Dutzend junge Menschen herum, warten und unterhalten sich. Einige tragen flammend rote und blaue Satin-Overalls, einige haben sich in ihren voluminösen Mänteln aus Schafwolle und Oversized-Bomberjacken bequem gemacht. Das kalte Pariser Licht scheint durch die Glasfenster auf die Decke.

Man kann diesen Ort leicht mit einer Galerie verwechseln, aber irgendetwas erinnert dann doch eher an einen Fashion-Rave, bei dem jeder Besucher sich hübsch gemacht hat, jung und schön ist und mit seinem Leben hadert. Es könnte auch als Party oder Performance-Piece durchgehen. Tatsächlich ist es aber die Präsentation des ukrainischen Designers Anton Belinskiy, der seine Herbst-/Winterkollektion 2017 vorstellt.

Anton Belinskiy. Foto: Masha Demianova.

Dieser ist schon länger auf dem Radar der Modepresse und Einkäufer. Belinskiy war 2015 für den LVMH Preis nominiert und hat in New York in Kooperation mit VFiles seine Kollektion gezeigt. 2016, inmitten der Welle an ukrainischer Jugendkultur, kam er auf die Idee zu One Day Project. Damit will er den besten Modetalenten aus seiner Heimat eine Plattform geben. Diese Saison war er damit in Paris. Belinskiy wurde schon immer von den jungen Menschen in seiner Heimatstadt inspiriert. Die Kollektion wurde von einem globalen Mix aus Jugendlichen aus der Ukraine, Russland, den USA, Japan und aus Paris selbst präsentiert. Die Fashionshow soll eine Warteschlange nachstellen, aber die Leute sind gelangweilt, unterhalten sich, springen umher, spielen mit ihren Handys oder tanzen spontan. Bald ist das Publikum mittendrin im Geschehen.

Anton Belinskiy. Foto: Masha Demianova.

Die Kollektion selbst ist ein bunter Mix. Es gibt Trenchcoats, Hemden in Military-Style, Anzüge, einen Pullover mit eingesticktem Weed-Blatt und einen roten Trainingsanzug. „Wir haben uns ukrainische Trachten angeschaut", erklärt Anton die Idee dahinter. „Besonders traditionelle, voluminöse Satin-Hosen in Rot oder Blau. Satin ist nicht wirklich typisch für die Marke, aber unsere Entwürfe sollten authentisch aussehen. Das ist natürlich eine sehr klischeebeladene Vorstellung von ukrainischer Kleidung, aber deshalb ist es interessant, sie neu zu interpretieren. Wir haben uns die Formen von traditionellen ukrainischen T-Shirts und Blusen genommen und sie in dickere Baumwolle umgearbeitet."

„Die Kollektion heißt Exchange. Der Alltag in Kyjiw hat uns zu der Idee inspiriert", so der Designer. „Die Wechselkurse des Dollars und Euros spielen für die Ukrainer einen große Rolle. Wo man auch im Land unterwegs ist, gibt es Wechselstuben mit den tagesaktuellen Wechselkursen. Damit sind auch Themen wie globaler Handel und die Marktwirtschaft verbunden. Einige der Prints auf den T-Shirts und Pullover zeigen die ersten Hrywnja, das alte Zahlungsmittel in der Ukraine, die als Halskette getragen wurden."

Anton Belinskiy. Foto: Masha Demianova.

Für die jungen Kyjiwer stehen die blinkenden Wechselkurse aber auch für Frust. Zwar brachte die Revolution von 2014 Hoffnung, Veränderungen und Optimismus, doch infolge des Bürgerkriegs und der russischen Intervention in die inneren Angelegenheiten der Ukraine brach die Währung zusammen. Die darauffolgende Wirtschaftskrise traf die Kreativindustrie besonders schwer. Exchange bedeutet aber noch mehr als die Wechselkurse. Ob beabsichtigt oder nicht, Belinskiy spricht damit auch die größere Krise des globalen Kapitalismus an, die jeden betrifft, von den Amerikanern bis zu den Griechen. Der Wert von Kultur und auch von Menschenleben wird heute nach monetären Gesichtspunkten beurteilt. Belinskiy zeigt uns, dass der Wert von Kreativität grenzenlos ist.

Das war aber nicht das erste Mal, dass die aufstrebende ukrainische Modeszene in Paris sichtbar war: Paskal ist im offiziellen Schauenplan der Paris Fashion Week vertreten und über 50 Händler auf der Welt verkaufen die Kollektion des Labels. In den Pariser Showrooms kann man sich auch vom innovativen Minimalismus von Bevza, von den Statement-Coats von Litkovskaya und der edgy Romantik einer Anna October überzeugen. Das One Day Project hat aber eine besondere Energie. Es geht dabei nicht darum, Teil des bestehenden Modesystems zu werden, sondern um eine Veränderung davon. Das Projekt steht für die Möglichkeiten einer kreativen Jugend, die sich nicht beim Modeestablishment andienen möchte.

Masha Reva. Foto: Stas Kalashnikov.

Diese Saison hat Belinskiy vier Labels für das One Day Project ausgesucht. Drag&Drop, die emanzipierte sexuelle Womenswear entwerfen, die Central-Saint Martins-Absolventin Masha Reva, die in ihren Kollektionen Kunst und Mode vereint, Frolov mit dem betörenden Glamour und Shura Gang mit sexuell vieldeutiger Menswear. Für eine Woche haben sich Designer mit ihren Partnern und Freunden im Ukrainischen Kulturzentrum in Paris ausgebreitet, die blau-gelbe Flagge hat über dem Eingang geweht.

Masha Reva stellt in ihren Kollektionen mit türkisfarbenen Elementen das Schlüsselbein in den Vordergrund. 2015 hat sie am Central Saint Martins ihren Master in Womenswear absolviert. Doch danach wollte sie nicht unter dem Druck arbeiten, unter den das Modesystem Jungdesigner steckt, und fand flexiblere kreative Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst. Ihre Zeichnungen von Körpern ukrainischer Jugendlicher wurden letztes Jahr bei der Premiere des One Day Projects gezeigt. Dieses Jahr hat sie ihre Kunst auf die Mode übertragen. Trenchcoats, Bomberjacken und Overalls hat sie mit ihren charakteristischen breiten Pinselstrichen versehen. „Ich nehme lieber an solchen Projekten teil, als eine konventionelle Modedesignerin zu sein", erklärt uns die Designerin. „So bin ich nicht verpflichtet, jede Saison eine neue Kollektion auf den Markt zu werfen. Ich glaube, dass man seinen Regeln folgen muss."

Masha Reva. Foto: Stas Kalashnikov.

Hinter dem Label Drag&Drop stehen die Schwestern Yulia und Anna Grazhdan, die aus ihrem eigenen Space ein Unternehmensbüro gemacht haben, mit Whiteboards und Druckern. Drag&Drop bietet emanzipierte, sexy und lustige Neuinterpretationen von bürotauglicher Kleidung. Außerdem nehmen sie die Klischees über angeblich geschmacklose Osteuropäerinnen auseinander: mit Fake-Schlangenhaut, Overknee-Stiefeln und Spitze zeigen sie, dass diese Materialien unglaublich cool sein können. „Wir haben diese angeblich geschmacklosen Materialien verwendet, weil wir sie mögen, und auch Teil der Klischeevorstellungen von ukrainischen Frauen sind. Wir wollten aber etwas Entspanntes und Sportliches aus diesen Materialien machen", sagt Yulia. „Auf Pieces, die alles andere als sexy sind, haben wir den Print „sexy" angebracht, wie auf den Oversized-Pullovern, die lockeren Leggins und die Velour-Sportoutfits."

Drag&Drop. Foto: Stas Kalashnikov.

Das Modesystem verändert sich zwar im Moment, aber dieser Generation ukrainischer Designer geht es dabei nicht nur um die Mode, sondern um mehr. Die Ukraine befindet sich gerade selbst in einer schwierigen Übergangszeit, im Osten des Landes toben immer noch bewaffnete Auseinandersetzungen. Die Ukrainer träumen und hoffen immer noch auf Visafreiheit nach Europa und irgendwann Teil der EU zu werden. In den Medien werden Osteuropäer oft als die armen Menschen darstellt, die die Jobs der Westeuropäer stehlen wollen (von Karl Lagerfeld bis Theresa May kommen solche Bemerkungen). Die jungen Ukrainer wollen aber zeigen, dass sie mehr sind als die armen, aber coolen Kids aus dem untergegangenen Sowjetreich. Sie haben sich vom Elitedenken verabschiedet, sie stehen für weltweite Verbundenheit, Gleichheit und Teamgeist.

„Ich habe das Gefühl, dass das Modesystem vor fundamentalen Veränderungen steht. Für Newcomer-Labels sind die Ideen und die Teams am wichtigsten. Ein Designer kann das nicht alleine umsetzen, das ist eine Illusion", erklärt uns Belinskiy zum Schluss. In der Ukraine wächst gerade eine neue Generation Designer heran, die zusammen Macht haben. „Ohne das One Day Project wäre es schwer für uns", stimmt Yulia zu. „Natürlich hat jedes Label seine Eigenheiten, um es in der Modeindustrie zu schaffen, aber wenigstens sind wir alle zusammen."

Drag&Drop. Foto: Stas Kalashnikov.

Credits


Text: Anastasiia Fedorova