Diese verloren geglaubten Fotografien haben "Kids" als Vorlage gedient

In der Highschool haben die beiden besten Freundinnen Mel Stones und High ihren Freundeskreis aus New Yorker Skatern, Ravern und Punks auf Bild festgehalten — die gleiche Truppe, die auch Larry Clark zu seinem Film "Kids" inspiriert hat.

von Emily Manning
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26 Mai 2017, 8:55am

Die unerbittliche Unbeständigkeit New Yorks bewegt seine Bewohner schon lange dazu, nicht nur ihre Viertel, sondern auch ihre Leben zu dokumentieren. Sie wollen zeigen: das bin ich, das habe ich gemacht, das sind die Leute, die ich geliebt habe, und oft auch die Leute und Orte, die ich hinter mir lassen musste. Ich denke da zum Beispiel an Nan Goldin, deren Liebeserklärung aus den späten 80ern an ihre queeren Freunde extrem persönlich und politisch ist. Oder an Ash Thayer, die in den frühen 90ern acht Jahre lang in der Lower East Side gelebt und ihre Freunde und Bekannten an den Orten fotografiert hat, die dort entstanden sind. Oder Jamel Shabazz, der in den 80ern fröhliche Porträts von selbstbewussten, schwarzen Jugendlichen in seinem Viertel East Flatbush gemacht hat. Und eben Mel Stones und High, die besten Freundinnen, die ihren engen Freundeskreis aus Skatern eingefangen haben. Fast 25 Jahre später werden die Schwarz-Weiß-Fotografien der beiden nun in einem neuen Buch namens That's a Crazy One veröffentlicht.


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Mel ist in den späten 70er Jahren im Stadtviertel Sunset Park geboren und aufgewachsen. "Es war gefährlich, aber ich war meine ganze Kindheit über immer draußen auf den Straßen. Meine Eltern haben mir immer gesagt 'Geh' raus, hab' Spaß, aber komm wieder lebendig zurück'", erinnert sie sich und lacht. Sie hat High, die in der Lower East Side aufgewachsen ist, in den frühen 1990er Jahren während ihres ersten Highschool-Jahres kennengelernt. High ging auf die Stuyvesant, Mel an die Brooklyn Tech und später an die Brighton Beach High School, an der es ausgezeichnete Fotografie-Kurse gab. "Ich hatte einen tollen Lehrer, der mir immer Filme geschenkt hat. Ich sollte nur bis zum nächsten Morgen den ganzen Film verknipst haben." So haben sie und High also begonnen, ihre Kameras überallhin mitzunehmen und fingen Skate-Sessions, Kiffer-Runden und Treffen in Highs Wohnung am St. Mark's Place ein.

That's a Crazy One beinhaltet Fotos aus den 90er Jahren – einem der transformativsten Jahrzehnte in der Geschichte von New York City. In den frühen Fotografien ist eine punkigere Seite des Skatens zu erkennen, bevor dann HipHop die Weltbühne eroberte und auch die Rave-Szene immer beliebter wurde. "Im Washington Square gab es Skater, Punks, Goths, Raver, Nerds. Am ehesten könnte man uns als Leute beschreiben, die anders waren als alles, was als normal galt", sagt Mel. Meistens hing sie mit den Skatern ab, später auch mit einer kleinen Gruppe, die sich immer am Astor Place traf. Jeder kannte jeden, aber nicht auf diese nervige Art und Weise. "Als soziale Gruppe hatten wir eine starke Dynamik; wir alle haben uns einfach super verstanden. Es ging damals nicht so sehr darum, sich mit jedem identifizieren zu müssen, wir waren alle einfach glücklich, dass wir draußen abhängen konnten. Man hat einfach versucht, zu überleben und klarzukommen, und keiner hat so getan, als sei er jemand anderes. Wir waren einfach wir selbst, und genau deswegen wirken die Fotos auch so cool."

Manche der Gesichter auf den Fotos sind uns mittlerweile gut bekannt, größtenteils dank Kids, dem kontroversen Film über ihre Leben und ihre Stadt, den Larry Clark gedreht hat. Harold Hunter, Chloë Sevigny, Gio Estevez, Justin Pierce und Harmony Korine (die High nach Ratschlägen für einige der weiblichen Dialoge gefragt hat, obwohl High und Mel von der Idee einer Verfilmung nicht wirklich begeistert waren) spielen in Kids mit. Aber hier sehen wir sie aus der Sicht ihrer Freunde, und nicht als Schauspieler in Clarks erschütterndem, übertrieben sexualisiertem AIDS-Drama – einem fiktiven Film, der oft als Dokumentarfilm wahrgenommen wird. Mel und High haben in einem Interview über die Unstimmigkeiten in der Darstellung ihrer Freunde und der Leute, die sie wirklich gekannt haben, gesprochen. Dennoch dokumentiert Kids die letzten Tage eines New Yorks, das es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Genau wie That's a Crazy One ist es ein Einblick in eine verlorene Welt.

Und während Mel und High gerade den Launch ihres Buches und einer Ausstellung der Fotos vorbereiten, haben wir uns kurz mit Mel zusammengesetzt und mit ihr über diese besondere, verlorene Welt gesprochen.

Wir leben heutzutage in einer Welt der Überwachung und sofortiger Kommunikation. Wie war es früher, als junger Mensch in New York zu leben?
Ich bin in South Brooklyn aufgewachsen. Dort gab es Gewalt, Drogen, und es war überlebenswichtig, zu wissen, dass es auf den Straßen sehr schnell gefährlich werden konnte. Ich hatte große Angst: ich war die Jüngste von vier Kindern. Aber ich wusste schon sehr früh, wie ich mich zu verhalten hatte. Damals war New York eine arme Stadt. Wenn ich jetzt ab und zu dort bin, merke ich immer sofort, wie gentrifiziert sie geworden ist. Ich habe das Gefühl, dass viele der Leute, die jetzt dort leben, zu viele Filme über New York gesehen und eine bestimmte Vorstellung haben, wie man sich als New Yorker zu geben hat, die aber ganz und gar nicht damit übereinstimmt, wie echte New Yorker früher mal waren. Sie waren keine gefühlskalten Leute, die alle ganz alleine zurechtgekommen sind. Wenn die Leute arm sind, helfen sie einander.

Außerdem gab es damals nicht so viele Polizisten. Also klar, es gab sie schon, aber sie waren mit Mord- und Drogendelikten beschäftigt. Die Mafia war auch noch aktiver. Wenn man also als Jugendlicher draußen auf den Straßen war und nichts großartig Schlimmes verbrochen hat, wurde man auch nicht von der Polizei kontrolliert. Ich meine wir sind oft mit einem Joint in der Hand an den Cops vorbei gelaufen; wir haben am St. Mark's Place gesessen und die ganze Nacht lang Alkohol getrunken. Aber wir waren eine sehr verbundene Gruppe, die immer zusammen abhing, wir haben uns also immer alle gegenseitig beschützt. Wir hatten damals in New York echt viele Freiheiten. Aber als Giuliani Bürgermeister wurde, hat sich plötzlich alles verändert. Er stellte Tausende neuer Polizisten ein und führte die Nulltoleranzstrategie ein. Statt wie früher sorglos durch die Straßen zu schlendern, mussten wir auf einmal immer Angst haben, dass wir von der Polizei kontrolliert und für irgendeinen Schwachsinn bestraft werden. Es war der totale Mindfuck, weil ich damals gerade 17 oder 18 war.

Der 90er-Jahre-Stil ist gerade wieder total im Kommen, aber das Wichtigste daran scheint die Vorstellung davon zu sein, was die Leute damals getragen haben. Eure Porträts fangen aber eine viel interessantere Realität ein. Was habt ihr damals so getragen?
Ich war ein eher jungenhaftes Mädchen. Mir war es wichtiger, bequem gekleidet zu sein, außerdem wollte ich nicht sexualisiert werden. Auf den Straßen konnte man diesem Machismo nicht entkommen; mir wurde schon mit neun Jahren hinterhergepfiffen. Und wegen der Dinge, die uns in der Schule über AIDS erzählt wurden, hatten wir alle auch eine riesige Angst vor Sex. Der Stil der Mädels war damals androgyner – keine von uns wollte wie eine Barbiepuppe aussehen oder viel Makeup und toupierte Haare tragen, wie es in den 80ern in gewesen ist. Mit unserem Stil wollten wir uns ganz klar davon distanzieren.

High trägt auf einem der Bilder ein Supreme-Shirt. Wie war der ursprüngliche Lafayette Shop damals?
Es gab echt wenige Skate-Läden, und als Supreme eröffnet hat, war es das genaue Gegenteil eines Skate-Shops. Gio [Estevez] hatte dort über Highs Mutter einen Job bekommen, weil sie James [Jebbia] kannte, mit dem sie früher mal auf einem Flohmarkt Shirts verkauft hatte. Es war alles sehr experimentell. Es gab damals nur etwa 30 Leute, die geskatet sind, man kannte sich also untereinander. Gio war der Verantwortungsbewussteste von uns allen, also hat er den Job bekommen. Es waren die selben Leute, die selbe Familie. Alles, das Supreme promotet hat und wie es angefangen hat, wurde von unserer Crew bestimmt. Sie haben dem Street-Skating den Weg bereitet. Davor gab es so etwas wie Street-Skating nicht; die Hälfte der Tricks hat noch nie jemand zuvor gemacht. Daraus entwickelte sich ein millionenschweres Geschäft, Streetwear und alles andere, was im Laufe der Jahre dazu kam.

Du und High spendet alle Einnahmen vom Verkauf des Buches an das NYC Public Schools Art & Photography Program. Warum?
Die Lincoln [High] liegt in Brighton Beach; das ist kein reiches Viertel. In der Highschool habe ich oft die Schule geschwänzt. Ich bin immer nur ins Fotolabor gegangen, weil es mir so unglaublich gut gefallen hat, zu fotografieren. Mein Lehrer wusste, dass ich kein Geld hatte und schenkte mir einen Fotofilm. Das hat mich gerettet, denn so habe ich meine Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Ohne den Drang, etwas zu erschaffen, wäre es für mich viel leichter gewesen, abzudriften und mich in meinem Lebensstil und den selbstzerstörerischen Sachen zu verlieren, die ich damals gemacht habe. Die [Fotografie] hat meinem Leben einen Sinn gegeben. Ich war und bin immer noch total verrückt danach. Ich bin immer noch jedes Mal total aufgeregt, wenn ich einen Film entwickle. Wir wollten benachteiligten Leuten auf diese Weise etwas zurückgeben. Ohne [Lincolns] Programm wäre dieses Buch nicht zustande gekommen.

Viele unserer Freunde sind gestorben, und die Fotos haben lange Zeit in einer Schachtel gelegen. Sie wieder hervorzuholen und zusammenzustellen war auf gewisse Weise auch ein Heilungsprozess. Ich glaube aber, dass keine von uns beiden schon wirklich bereit dafür gewesen ist, die Momente erneut zu durchleben. Im Endeffekt wollen wir so viele Erinnerungen wie möglich an unsere Freunde wach halten, und zwar auf positive Weise. Einige sind auf tragische Weise verstorben, aber gleichzeitig waren sie extrem inspirierende, wundervolle, einfühlsame Menschen, die so viele Freunde gehabt haben. Sie waren wie Kleber, der uns alle zusammengehalten hat. Ich glaube, sie würden es toll finden, dass wir jetzt etwas zurückgeben können. Wir haben es getan, um unseren Freunden zu gedenken, und um eine Art Jahrbuch zu erstellen. Um zu sagen "So ist es wirklich gewesen." Es war der Versuch, uns selbst und unsere Freunde zu heilen.

"That's a Crazy One" kann jetzt vorbestellt werden. Alle Einnahmen kommen dem NYC Public Schools Art & Photography Program zugute. Weitere Informationen über die kommende Ausstellung findet ihr auf der Website des Projekts. @thatsacrazyone

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