Foto: Michael Buchinger

Warum wir keine Coming-outs mehr brauchen

Nein, Michael Buchinger muss sich nicht immer und immer wieder outen. Und er findet, das sollte auch niemand anderes müssen.

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Juli 24 2017, 8:25am

Foto: Michael Buchinger

Nachdem am Wochenende in Berlin der Christopher Street Day gefeiert wurde und bei i-D die letzte Woche im Zeichen der Pride Week stand, bildet dieser Artikel den Abschluss unserer Pride Week.

Ich habe einen Hetero-Freund namens Jan, der ein nie enden wollendes Interesse an meiner Homosexualität hat. Er stellt Fragen über das Thema, als wäre es die spannendste Sache der Welt. "Wie war es denn damals für dich, als du dich geoutet hast?", will er etwa nach seinem dritten Glas Wein mit zittriger Stimme und mitleidigem Blick wissen, so als stelle er heikle Fragen über meine Zeit im Gefängnis.

Auch, wenn ich ihm vergewissere, dass mein Coming-out in etwa so spektakulär war wie ein Waldspaziergang gibt er nicht auf: "Aber ist es denn nicht schwierig, dich immer und immer wieder outen zu müssen?", möchte er dann wissen. Und zu diesem Zeitpunkt schließe ich nicht aus, dass er gerade eine Diplomarbeit zum Thema "Homosexuelle Männer: Wie man ihnen am besten auf die Nerven geht" schreibt.


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In Wahrheit ist es so, erkläre ich ihm abermals, dass ich mich in meinem Leben nur ein Mal so richtig geoutet habe, nämlich gegenüber meiner Mutter. Das war auch notwendig, denn ich komme aus einer ländlichen Region, in der die Leute maximal mit Homosexualität konfrontiert werden, wenn sie beim Durchzappen im TV zufällig auf Shopping Queen hängen bleiben und sehen, wie Guido Maria Kretschmer wieder irgendetwas Gemeines sagt.

Im Jahr 2008, als ich gerade einmal 15 Jahre alt war, fasste ich also all meinen Mut zusammen: "Mama, ich bin schwul!", sagte ich bei einer gemeinsamen Autofahrt; eine Aussage, die meine Mutter rückblickend betrachtet so kalt ließ, als hätte ich eben "Hmm, irgendwie habe ich gerade voll Lust auf eine Apfelschorle!" gesagt.

Als Teil einer großen Familie, in der sich Neuigkeiten schneller verbreiten als auf Twitter, hatten sich weitere Outings schnell erübrigt. Ich kann mir meine Mutter direkt vorstellen, wie sie im Wohnzimmer gestanden haben muss. "Extrablatt, Extrablatt!", hat sie mit Sicherheit geschrien, "Michael ist homosexuell!".

Das war es mit mir und den Coming-outs: Meine Freunde und Schulkollegen vermuteten schon lange, dass ich schwul war und rückblickend betrachtet sehe ich mein Referat über die Spice Girls, welches ich in der 5. Klasse gehalten habe, am ehesten als mein Coming-out ihnen gegenüber an. Kurz nach meinem Schulabschluss zog ich in eine Stadt, in der ohnehin gefühlt ein Drittel der Bevölkerung homosexuell ist und kann getrost behaupten, dass ich — seit ich 15 war — mit niemandem das Gespräch führen musste.

Das bringt mich zu meiner These, dass das klassische Coming-out dieser Tage gar nicht mehr notwendig sind. Natürlich können wir das alle handhaben, wie wir wollen: Ist es jemandem sehr wichtig, all seine Mitmenschen ganz genau über die eigene sexuelle Orientierung aufzuklären, sehe ich kein Problem darin, jede neue Bekanntschaft zu einem Gespräch ins Séparée zu bitten oder ein 23-minütiges YouTube-Video zu diesem Thema zu filmen.

Mir persönlich ist das ein bisschen zu dramatisch.

In dem Moment, als ich damals mit 15 auf dieser Autobahn die Worte "Mama, ich bin schwul!" gesagt habe, fiel mir so ein Stein vom Herzen, dass ich das Gefühl hatte, dass meine Arbeit getan sei. Während ich anfangs noch wie mein Kumpel Jan dachte, dass ich mich von nun an immer wieder outen müsse, machte sich eine befriedigende Gleichgültigkeit breit.

Subtilität ist in dieser Hinsicht meine Stärke. "Und das wäre ein tolles Schlafzimmer!", sage ich etwa, wenn ich gemeinsam mit meinem Freund eine Wohnung besichtige, um der Maklerin weis zu machen, dass wir gewiss keine Brüder sind. "Was schenke ich meinem Freund bloß zum Jahrestag?", frage ich beiläufig beim Kaffeeklatsch mit Nachbarn in meinem Heimatdorf und erspare mir die dramatische "Also über mich solltet ihr wissen, dass ich schwul bin!"-Einleitung. Durch diese Nonchalance erhoffe ich mir, dass auch meine Mitmenschen anfangen, Homosexualität nicht als ein bisschen crazy, sondern völlig alltäglich anzusehen.

Natürlich möge man argumentieren, dass ich ein frecher Lügner bin und das, was ich da mache, ebenfalls als Coming-out zählt, aber ich bin ganz anderer Meinung: Ein Coming-out ist für mich ein nervenaufreibendes Happening, bei dem ich plane, gezielt meine Homosexualität anzusprechen und vermittle, dass diese ein superwichtiger Aspekt meiner Persönlichkeit ist.

Erzähle ich stattdessen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von meinem Liebesleben, und in dem gleichen Tonfall, den ich mir sonst nur für eine Erzählung über meinen platten Reifen aufhebe, sage ich meinen Mitmenschen: "Ach ja, ich bin schwul, aber das ist jetzt nicht unbedingt ein definierendes Merkmal an mir."

Die Annahme, dass ich mich "immer wieder outen muss" und dieser Umstand ach-so-anstrengend für mich ist, ist also falsch. Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, das auch meinem Kumpel Jan beizubringen.