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wie gia coppola es schafft, banales besonders aussehen zu lassen

Wir haben uns mit der talentierten Fotografin, Filmemacherin und Schauspielerin über ihre Inspirationen und Ideen unterhalten.

von Colin Crummy
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24 Januar 2017, 10:40am

Wer schon mal in Los Angeles war, weiß, wie anstrengend Autofahren dort sein kann: dichter Verkehr, der Smog und die Autofahrer selbst. Eine angenehme Autofahrt ist etwas anderes, aber mit Gia Coppola am Steuer wird aus daraus ein Instagram fähiges Erlebnis. „Ich liebe die Weite, die Natur und die Möglichkeit, einfach rausfahren zu können", erklärt sie, während sie in ihre Einfahrt einbiegt. „Mir macht das Autofahren nichts aus."

Das Alltägliche schön aussehen zu lassen, ist eine besondere Fähigkeit der Fotografin, Filmemacherin und Schauspielerin Gia Coppola. Ihr Debütfilm Palo Alto, die Verfilmung einer Kurzgeschichte von James Franco, überzeugte mit seiner Vision des ziellosen, getriebenen Jugendlichen. Im Film passiert nicht viel, aber was passiert, das sieht wunderschön aus. Franco hat darauf bestanden, dass Gia Regie bei dem Film führt. Beide lernten sich auf einer Party kennen, ihre Mutter Jacqui de la Fontaine hatte sie einander vorgestellt.

Zu dem Zeitpunkt genoss sie unter Designern bereits ein guten guten Ruf. Opening Ceremony verpflichtete sie, nachdem sie für Freunde einen Kurzfilm gedreht hatte. Für das New Yorker Label arbeitete sie an Filmen mit Kristen Dunst, Jason Schwartzman und Zac Posen. Ihre Nostalgie angehauchte, verträumte Ästhetik hat zu weiteren Jobs bei Diane von Furstenberg und Rodarte geführt.

Wenn man an ihren berühmten Nachnamen denkt, dann scheint das alles vorherbestimmt zu sein, schließlich ist sie die Enkelin von Francis Ford Coppola. Ihre Kindheit verbrachte sie in L.A. und dem Weingut der Coppola-Familie im Napa Valley. Durch ihre Tante Sofia Coppola ist sie an ein Praktikum im Filmbusiness gekommen, sie hing auf den Sets ihrer berühmten Tante ab und hat für deren Film Somewhere in der Kostümabteilung gearbeitet. Ihren Vater, der infolge eines Bootunfalls ums Leben gekommen war, während ihre Mutter mit ihr schwanger war, hat sie nie persönlich kennengelernt und trotzdem hat Gian-Carlo Coppola ihre kreative Arbeit auf eine gewisse Art und Weise beeinflusst. „Als ich jünger war, hat mir mein Onkel die Kamera meines Vaters gegeben. Er hat Fotografie geliebt", sagt sie. „Ich glaube, mein Onkel dachte, dass ich schüchtern bin, mich künstlerisch ausprobieren möchte und die Schule einfach nicht das richtige für mich war. Ich konnte nicht zeichnen. Fotografie war für mich ein Weg, um mich meinem Vater verbunden zu fühlen. Das hat sich wie ein Zeichen von meinem Vater angefühlt." Sie verließ die Schule und fand ihr Glück schließlich im Fotografiestudium in New York, das sie schließlich zum Film brachte. Gerade arbeitet sie an ihrem zweiten Spielfilm, die Literaturverfilmung des Romans The Secret Life of the Lonely Doll - Ein tragisches Biopic über die Kinderautorin Dare Wright. Doch neben ihren Filmprojekten ist sie immer noch in der Mode und Fotografie tätig, hat für Gucci erst kürzlich gedreht und für unsere The Big Issue jung Schauspieltalente in Szene gesetzt. Nachdem sie ihren Motor ausgemacht hat, haben wir uns mit ihr darüber unterhalten, was sie inspiriert, wie sie arbeitet und was sie antreibt.

Warum interessierst du dich so sehr für Fotografie?
Für mich hat sich das einfach gut angefühlt, hinter der Kamera zu sein. Ich war schon immer mehr die Beobachterin.

Was war das für eine Kamera von deinem Dad, die dir dein Onkel gegeben hat?
Eine alte Analogkamera von Nikon. Die ging aber nicht richtig [Lacht]. Aber es war schön, sie zu haben, und ich habe mich danach für Polaroids interessiert und Fotos mit meinen Freundinnen gemacht. Das waren ziemlich girly Sachen.

Wie war es, in Los Angeles aufzuwachsen?
Meine Familie kommt ja aus dem Norden Kaliforniens, also habe ich das Gefühl, dass ich aus L.A. und der ganzen Hollywood-Blase herauskomme. Ich hatte eine normale Kindheit. Wir haben in Palo Alto abgehangen und ich bin mit Freunden im Auto rumgefahren.

Wolltest du deshalb James Francos Buch verfilmen?
Ja, total. Wenn man in Los Angeles und in Vorstädten aufwächst, hast du den meisten Spaß, wenn du auf Parkplätzen abhängst und umherfährst. Das ist einfach aufregend. In dem Alter bedeutet Freiheit, ein Auto zu haben.

Was war dein erstes Auto?
Mein erstes Auto war das alte Auto meiner Mutter, ein Mercedes E320, Baujahr Anfang der 90er. Das war ein schönes Auto in Violett Blau. Es war zwar ein Mercedes, aber ich schwöre, es hatte nichts Glamouröses. Es war ein älteres Modell. Ich konnte es kaum abwarten, meinen Führerschein zu bekommen.

Warum? Ging es dir dabei um Freiheit?
Ja, genau. Die Situation von jungen Leuten in L.A. ist heute anders. Es gibt Uber und L.A. ist sicherer geworden. Damals, als ich jünger war, bedeutete ein eigenes Auto mehr Privatsphäre, weil man nicht ständig darauf angewiesen war, dass einen die Eltern irgendwo hinfahren müssen. So wissen sie einfach nicht die ganze Zeit, wo man ist.

Was hast du auf den Autofahrten gehört?
Ich war ein großer Fan von den Strokes, die haben mein Leben verändert. Wenn man ein Teenager ist, möchte man die obskursten Bands wie Suicide, Television, die Ramones hören oder und man interessiert für sich alte Punkbands. Früher gab es die Boxsets von Rhino [Musiklabel]. Die haben jedes Genre bedient von British New Wave bis Girlgroups. Aber heute hat keiner mehr einen CD-Player.

Rowan Blanchard, Foto: Gia Coppola 

Haben wir diese Neugier verloren?
Mich interessiert die Jugend, weil man in diesem Alter eine gewisse Neugier hat. Wenn man älter wird, wird man bequemer und fauler. Man schaltet das Radio ein und hört eben die Top 40, anstatt nach neuen coolen Sachen zu suchen.

Was motiviert dich heutzutage?
Ich versuche, kreativ zu sein und Dinge zu entdecken, die sich für mich gut anfühlen, die mich glücklich machen und mit denen ich mich besser fühle.

Ist das schwierig?
Ich habe das Gefühl, ständig gegen meine Unsicherheiten anzukämpfen. Mich inspirieren Filme und Fotos, das erfüllt mich sehr. Wenn man älter wird, lernt man eine Balance in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden und sich selbst zu schützen und sich darauf zu konzentrieren, ein guter Mensch zu sein.

Tun das genug Menschen?
Ich gehe auf Instagram und sehe alles, was mit der US-Wahl zusammenhängt. Die Popkultur finde ich faszinierend, aber sie ist auf vielen Ebenen auch so giftig. Ich besinne mich vielleicht in letzter Zeit auch wieder mehr auf mich. Ich gebe Leuten erstmal einen Vertrauensvorschuss und denke, dass jeder gut ist. Es gibt Gründe, warum Menschen so reagieren, wie sie reagieren. Doch dafür muss man tiefer gehen.

Was denkst du von sozialen Netzwerken?
Das ist definitiv eine Hassliebe. Es gibt vieles, das mich inspiriert, aber ich kann mich auch darin verlieren. Viele fühlen so und können dadurch unsicher werden. Sie können auch ablenken, sind einerseits faszinierend und interessant. Ich habe dadurch coole Leute kennengelernt und tolle Kunstdeals eingefädelt. Viele Fotografien inspirieren mich. Aber andererseits wirkt sich dieses Unmittelbare auf meine Aufmerksamkeitsspanne aus. Manchmal lese ich dann doch lieber ein Buch.

Gibt es ein Buch, das du empfehlen kannst?
Ich liebe Girls on Fire von Robin Wasserman, das ich gerade durchgelesen habe. Es geht um Teenage-Girls und die Freunde, die man hat, wenn man jung ist, und wie viel die einen beeinflussen und steuern können. Das ist im Prinzip eine Version von Palo Alto aus weiblicher Sicht. Mich interessiert das Thema weibliche Energie und wie stark Freundschaften zwischen jungen Frauen sein können.

Zoe Levin, Foto: Gia Coppola

Wie waren die Dreharbeiten mit James Franco?
Ich bewundere ihn für seine Haltungen und dafür, wie sehr er Frauen unterstützt und ihnen Möglichkeiten einräumt. Rückblickend muss man sagen, dass die Erfahrung mit Palo Alto im Vergleich zu anderen Dingen einzigartig war. Ich hatte viel Freiheit das umzusetzen, was ich wollte. Man muss artikulieren können, warum man etwas tun, oder man muss es sich selbst beweisen, damit einem jemand vertraut und man die Gelegenheit bekommt. Es ist eine tolle Gelegenheit, für sich selbst zu werben, aber gleichzeitig ist es auch schwer, diesen Glauben an sich selbst zu haben. Das hilft mir in bestimmten Aspekten, aber es ist auch ein Hindernis, um meine Persönlichkeit und meine Vision zu definieren. Ich arbeite hart, weil ich mich herausfordern, als Person wachsen und Geschichten erzählen möchte. Ich möchte mich nicht selbst um diese Erfahrungen bringen. Ich bin dankbar dafür, dass ich mich an Leute wenden kann, die solche Erfahrungen schon mal gemacht haben und die ich um Rat bitten kann. Den Leuten geht es darum, das zu tun, was ihnen wichtig ist.

Hat dir deine Tante Sofia Coppola jemals einen Rat gegeben, den du nicht vergessen konntest?
Ich habe schon immer zu ihr aufgeschaut. Sie ist eine Person, die sehr genau weiß, wer sie ist. Mein Opa ist eine sehr laute Regie-Persönlichkeit, sie ist aber sehr leise. Ich glaube nicht, dass ich als Frau überhaupt an eine Karriere im Film oder in der Fotografie gedacht hätte, wenn sie es nicht gegeben hätte. Sie ist sich treu geblieben. Deshalb habe ich gedacht, dass ich es auch so, wie sie, auf eine Art und Weise machen kann, bei der ich mir treu bleiben kann und nicht so tun muss, als ob ich ein großer, starker Regisseur bin.

Bist du dir deines Geschlechts im Kino bewusst?
Nein, aber trotzdem kann ich mich darüber aufregen, wenn es extra betont wird, dass ich eine Frau bin. Ich bin einfach Regisseurin. Warum muss man noch betonen, dass ich eine Frau bin? Das spielt doch keine Rolle, was für ein Geschlecht ich habe.

Wie bist du am Set?
Mein Auftreten ist sehr leise, schüchtern und ich bin leicht merkwürdig. Sobald ich Leute besser kennengelernt habe, kann ich auch lustig sein und herumalbern. Mit Schauspielern zusammenzuarbeiten, die ich kenne, ist für mich das Schwierigste, und gleichzeitig auch das Wichtigste. Ich versuche, so offen und so ehrlich wie möglich zu ihnen zu sein. Ich möchte als Regisseurin auch nicht die Schauspieler zu sehr in eine Richtung lenken. Ich schaue zu und beobachte.

Erzähle uns mehr über dein nächstes Filmprojekt.
Es handelt sich um die Verfilmung eines wundervollen Buches, mit dem ich mich identifizieren kann. Es geht um eine Frau, die ihre Fotografie benutzt, um ihr Leben auszudrücken. Sie hat ein kompliziertes Leben, aber es hat etwas so Schönes, auch wenn es dabei sehr tragisch ist. Alles hängt doch davon ab, wie wir aufwachsen. Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter großgeworden und hatte keinen Vater, ich konnte mich deswegen auf dieser Ebene identifizieren. Aber ich empfinde mein Leben nicht so tragisch.

Billie Loud, Foto: Gia Coppola

Warum fotografierst du weiter?
Das macht einfach Spaß, auf diese Art und Weise kreativ zu sein. Mit dem Medium Film ist ein langer Prozess verbunden und man muss sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzen und tief in die Materie eintauchen. Das ist toll und ich liebe das auch. Aber wenn ich etwas Einfaches haben möchte, das mich künstlerisch schneller befriedigt, dann erreiche ist das mit der Fotografie. Und man trifft so Leute. Besonders mit dem i-D Shoot: Ich habe diese ganzen Schauspielerinnen getroffen. Statt sich für einen Kaffee zu treffen, macht es doch viel mehr Spaß, neue Kleidung zu präsentieren und zu fotografieren.

Beyoncés Lemonade war eine Inspiration für deinen Gucci-Film. Wie kam es dazu?
Das Album ist ehrlich, innovativ, emotional und stark - Eigenschaften, die mich immer faszinieren. 

Was findest du so toll daran, in der Modewelt zu arbeiten?
Als ich jünger war, war es schwieriger für mich, mich modisch zu fühlen. Ich bin mittlerweile mit einigen Designern befreundet und ich konnte ihnen bei ihrem Designprozess zuschauen, das ist so interessant. Mode und Style sind Mittel, um nach außen zu zeigen, wie man sich fühlt. Das macht Spaß, ist lustig und ist ein anderer Weg, kreativ zu sein.

Wenn ich für ein Wochenende nach L.A. kommen würde. Was würden wir machen?
Ich mag es, Leute zu Gast zu haben, die noch nie in Los Angeles waren oder die eine gute Zeit hier hatten. Ich würde sie anderen Leuten vorstellen, die ich interessant finde, uns Abendessen kochen, schräge Abenteuer erleben und einfach entspannen.

Würden wir Auto fahren?
Na klar, einfach durch die City cruisen.

Alles aus unserer The Big Issue findest du hier.

Credits


Text: Colin Crummy 
Fotos: Gia Coppola
Styling: Heathermary Jackson

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