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Musikinterviews

der junge mann und das klavier

Nils Frahm ist der Experimentalmusiker, über den momentan wohl am meisten gesprochen wird. Wir haben den Musiker getroffen und uns mit ihm über die Liebe zum Klavier, die endlose Begeisterung für Neues, Konventionsbrüche in der Musik und über seine...

Moritz Gaudlitz

Es gibt derzeit wohl kaum einen deutschen Experimentalmusiker, der so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie der 32-jährige Berliner Pianist und Komponist Nils Frahm. Ende März veröffentlichte er sein Pianoalbum solo, das in einer intensiven Session mit dem Riesenklavier Klavins 370 entstand. Es ist ruhig, fast schon intim und man spürt die intensive Hingabe des talentierten Musikers, wenn man die besonderen Klänge des einzigartigen Instruments hört. Zeitgleich mit dem Release verkündete Frahm am 29. März den „Piano Day". Das Album gibt es als Gratis-Download auf seiner Website und Spenden kommen dem neuen Projekt des Klavierbauers David Klavins zugute, der mit dem Klavins 450 plant, das weltweit größte Klavier zu bauen.

Gerade pausiert Frahm von seiner aufwendigen, aber atemberaubenden Tour. Flügel, diverse Synthesizer, Effektgeräte, selbstgebaute Orgeln - fast jeden Tag in einer anderen Stadt in Europa. Ein verrücktes Vorhaben, das wunderbar aufging. „Nils has lost his mind" nennt Frahm die Tour selbst. Wir konnten uns in einem ruhigen Moment mit dem visionären Musiker über die Liebe zum Klavier, die endlose Begeisterung für Neues, Konventionsbrüche in der Musik - und über seine erste Filmmusik für Victoria unterhalten.

Du hast den Piano Day ins Leben berufen. Wie kam es dazu?
Jedes Album braucht irgendwie eine Geschichte, gerade weil man nicht singt und nicht direkt eine Geschichte erzählt. Da finde ich es schön, wenn die Werke unterscheidbar bleiben. Wenn die Leute noch eine Idee haben: ‚Ach war das nicht das Teil, wo er sich den Finger gebrochen hat? Nene, das war das, das er Live aufgenommen hat' und so weiter. Ich fand, dass Solo auch eine größere Geschichte bekommen sollte. Die Geschichte habe ich dann gemeinsam mit dem Klavierbauer David Klavins geschrieben. Da kam ich dann auf den Tag des Klaviers.

Erzähle mir die Geschichte.
Wir sind nach Tübingen gefahren, wo das Klavier steht. Ich habe drei Tage lang gespielt. Das Material habe ich dann ein paar Monate liegen lassen, das war Anfang 2014. Das ist typisch für mich, dass ich Sachen erst mal lange liegen lasse, um sie zu entkorken und einen anderen Zugang dazu zubekommen. Über anderthalb Jahre habe ich das nebenbei gemacht. Es ist lustig, wie die Albumarbeit in meiner Freizeit entsteht. Das eigentliche Leben besteht aus Interviewterminen, aus Tourneen und aus diversen anderen Sachen. Ab und zu habe ich dann Zeit, im Studio zu sein und am Klavier zu üben. solo war ein bisschen wie Urlaub.

Ist für dich dann ein Album nur der Auslöser für alles Andere, wie etwa eine Tour oder Klavierbauprojekte und weniger eine Einkommensquelle?
Das Arbeiten im Studio sollte entlohnt werden. Aber es gibt Alben, bei denen man sich trauen kann, sie einfach mal wegzugeben. Weil man selber das Gefühl hat, irgendwo wurde mir das auch geschenkt. Spaces war beispielsweise harte Arbeit - da war nicht die Frage, ob man es verschenkt. Bei den Solo-Piano-Werken ist es anders, die biete ich gerne zum Gratis-Download an. Aber warum müssen Spam und Piratenserver immer so hässlich sein? Hier poppen Titten auf, da andere Fenster. Wenn die Leute auf leisen Sohlen dort irgendwelche Platten herunterladen, dann sollen sie es doch gleich bei mir machen, wo keine Werbung läuft und wo sie das Zeug genau in dem Format saugen, wie ich das möchte. Für mich als Künstler ist die Qualität des Produkts immer noch wichtiger, als damit Kohle zu verdienen. Ich bin entspannt mit meiner Musik, denn die Platten sind draußen und sie werden ihren Weg gehen und irgendwann kommen sie zurück und erzählen mir, wen sie getroffen und überzeugt haben. Denn wenn du den Leuten vertraust, dann kommt auch etwas zurück.

Also mit Ästhetik, Liebe und gutem Karma gegen die Internetpiraterie und für die Beständigkeit der Musik?
Genau so ist es, das hast du schön zusammengefasst.

Gab es einen besonderen Grund für dein Vorhaben mit dem Klavierbauer David Klavins?
Das lag nur an unserer langen Freundschaft. Die Konzeption dieses Großklaviers kann man auf der Solo-Platte hören. Es klingt einfach anders, als ein normales Klavier. Es wäre schade, wenn man jetzt sagt, das man das nicht braucht, weil wir schon genug tolle Klaviere haben. Menschen haben immer schon alles probiert und versucht, alles besser zu machen.

Für mich ist es kein Größenwahn, ich glaube, dass ich als Mäzen den Künstler David Klavins fördern kann. Wenn er das Klavins 450 nicht bauen kann, dann wäre sein Leben nicht komplett. Niemand war verrückt genug, ihn dabei zu unterstützen - bis er mich getroffen hat. Es gibt nichts Schöneres, als von einem Klang zu träumen, das es noch nicht gibt. Solche Ideen bauen mich auf.

Ist das auch deine Herangehensweise bei deiner Musik?
Ja, das ist auch meine Mission. Ich bringe den ganzen Wahnsinn auf die Bühne, arbeite mit echten Instrumenten, versuche aber auch ein jüngeres Publikum anzusprechen und für ein gutes altes Handwerk zu begeistern. „Nils Frahm has lost his mind" war ein Aufschrei nach draußen, damit die Leute wieder anfangen, etwas zu riskieren. Ich will es nicht mehr sehen, dass Leute nur zwei CD-Decks und USB-Sticks haben und alle raven. Ich möchte, dass sich Musiker über die Klippe beugen, runter schauen und durch das Adrenalin, das sie spüren, etwas entwickeln. Erst wenn Menschen an ihre Grenzen stoßen, passiert was. Wir brauchen in unserer Generation wieder eine gute Schar von Leuten, die Sachen probieren wollen, die nicht so solide funktionieren wie ein Macbook mit Backup.

Es klingt so, als ob du auch darunter leidest, dass die Menschen nicht mehr so experimentierfreudig sind?
Nein. Ich möchte nur den Menschen mit dem, was ich mag, zeigen, dass es irgendwie anders geht. Ich beziehe meine Kraft daraus, dass ich nicht zulassen möchte, dass wir in einer Generation stecken, in der wir uns großartige Dinge nicht mehr zutrauen.

Deine Begeisterung, Neues auszuprobieren und sich musikalisch zu öffnen, ist ziemlich bemerkenswert. Wie hat das begonnen?
Ich glaube, weil ich mich einfach nicht spezialisiert habe. Ich habe viel Klavier gespielt, war aber nie auf dem Konservatorium. Ich hätte nie eine Aufnahmeprüfung bestanden, weil die Konkurrenz besser ist. Ich wusste, dass ich etwas zu bieten hatte und einen eigenen Stil habe. Ich habe Vorspiele gehabt, wurde aber abgelehnt. Ich habe mich entschieden, trotzdem die Musik zu machen, die mich interessiert. Das war immer ein Mix aus ernster, klassischer und elektronischer, experimenteller Musik, auf der anderen Seite Pop. Mich interessiert jede Art von Musik und Klang.

Ich wollte von Anfang an frei sein. Ich habe früh verstanden, dass es darum geht, das beizubehalten. Und deswegen habe ich vielleicht mal einen Synthesizer gespielt, als alle Leute dachten, ich bin klassischer Pianist.

Und genau diese Spannung und Überraschungen in deiner Musik schaffst du auch bei deinen Konzerten.
Ja, ich habe auch begriffen, wie man einen Raum ruhig bekommt. Ich möchte, egal wo ich spiele, diesen Moment erzeugen, indem alle so ruhig sind, dass man eine Stecknadel fallen lassen und sie hören kann. Was passiert da genau? Wie kann man damit arbeiten? Das ist für mich interessant. Wie kann ich das mit Musik und Tönen steuern, dass auch die Leute das Gefühl haben, auf sich selber stolz zu sein. Denn die Leute sind so glücklich, wenn sie es als Kollektiv schaffen, dieser sehr leisen Musik plötzlich den Raum zu geben.

Das Publikum übernimmt also eine sehr wichtige Rolle bei deinen Konzerten?
Die Leute sind immer dankbar und das ist eine enorme Quelle von Kraft, die mir gegeben wird. Aber je größer es wird, desto größer ist die Karma-Energiemaschine, die jeden Tag, an dem ich auf der Bühne stehe, wieder angeschmissen werden muss und ihre Energie freisetzt. Die kleinen Klavierstücke blieben klein, wenn ich sie nicht mit so vielen Menschen teilen würde. Manchmal sind die Dimensionen von dem, was du machst entscheidend. Mein Publikum ist für meine Arbeit und Musik entscheidend! Dann schließt sich auch der Kreis, warum ich ein Album verschenke. Am Ende existiere ich nur durch dich!

Dein Verhältnis zum Klavier ist aber ein anderes. Bei manchen Stücken auf solo, wie etwa bei „Merry" behandelst du das Klavier gut, du streichelst es. Bei „Wall" wiederum scheint es, als würdest du ihm und auch dir Schmerz zufügen wollen.
Ich möchte es jetzt nicht Selbstkasteiung nennen, aber wenn du Selbstschmerz spürst, den ich durchaus empfinde, dann ist Musik ein toller Kanal, um das rauszulassen. Und manchmal ist es auch schön, wenn es ein bisschen zieht im Körper und wenn ein Schmerz, der vom Herzen ausgeht, sich in einem physischen Schmerz manifestiert. Das ist sicherlich eine Art pubertärer Weltschmerz, der sich da ausdrückt. Doch manchmal frage ich die Töne und den Kosmos durch das Instrument. Ich suche die Lösung und finde mein Heil in der Musik.

Ich versuche, auf der Bühne die Balance zwischen den ernsten, schweren, schmerzhaften Momenten und den Pausen zu halten, in denen ich die Luft rausnehme, vielleicht einen kleinen Scherz mache und die Leute anlächle und sage: „Vertraut mir, es ist alles gut, es sind alles Experimente, alles nur Möglichkeiten des Ausdrucks". Und um dieses gute Gefühl zu erreichen, muss ich das Klavier manchmal schlagen und manchmal streicheln.

Du öffnest dich also völlig und machst dich emotional angreifbar, wenn du auf der Bühne bist. Das kann gefährlich werden.
Ja, aber es ist das Schöne, dass das mein Beruf ist, meine absolute Innerlichkeit auf der Bühne vermitteln zu können. Die Fallhöhe wird dadurch zwar ziemlich hoch, da ich kein Alter Ego erschaffen habe und mich nicht verstecke, aber alles, was ich auf der Bühne lebe, bin ich. In die Richtung möchte ich weitergehen. Ich sage, was ich sage, ich spiele, was ich gerne spiele. Und hoffe, dass es weiter Leute interessiert.

Mit deiner Musik schaffst du Bilder. Wie war es nun für dich, auf bestehende Bilder des Films Victoria Musik zu komponieren?
Victoria war toll. Ich hatte vollstes Vertrauen vom Regisseur Sebastian Schipper. Ich wollte nichts vorbereiten, bin ins Studio gegangen und nahm zum Film Stücke auf. Als ich leergespielt war, habe ich Freunde eingeladen, vor den Fernseher und das Klavier gesetzt und sie haben einfach mal gespielt. Dann hab ich das Material Sebastian Schipper gegeben und gesagt: Hör es dir an, ich muss mal auf Tour. Das waren so 6-7 Stunden. Ich glaube, dass die Musik dem Film jetzt gerecht wird.

Und Sebastian Schipper hat dann die finale Auswahl gemacht?
Wir gemeinsam. Wir haben uns immer wieder unterhalten und viel ausprobiert. Den Film immer wieder angesehen, um zu sehen, ob denn wirklich alles passt und ob man es auch spürt. Das war spannend und ich habe viel gelernt. Wir haben alles nur mit echten Instrumenten eingespielt, ganz old fashioned. Ich freue mich riesig, bei diesem tollen Projekt dabei gewesen zu sein und finde es toll, dass es die Filmpreis-Nominierung gibt. Ich habe noch nie irgendeinen Preis für irgendwas gewonnen. (lacht)

@NilsFrahm

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Credits


Text und Interview: Moritz Gaudlitz 
Foto: Michael O'Neal