„sie haben uns schlichtweg nicht verstanden, weil wir keinem klischee entsprachen“

​Gudrun Gut – eine wahre Legende der deutschen Musikgeschichte! Mit ihrer Band Malaria! revolutionierte sie das Frauenbild in den Achtzigern. Wir haben mit der heutigen Labelchefin von Monika Enterprise vor ihrem Auftritt beim Loop Summit von Abelton...

von Selina Bauer
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14 Oktober 2016, 9:55am

Mania D, Foto: Jutta Henglein

Gudrun Gut ist eine Lichtfigur der Berliner Musikszene. In den 80ern hat sie mit ihren Bands Mania D und Malaria! die Musikszene ordentlich durchgerüttelt und verwirrt. Der Einfluss der beiden Bands ist noch bis heute spürbar. Gut hat mittlerweile ihr eigenes Label Monika Enterprise gegründet und gerade erst ihr neues Album Vogelmixe für Heimatlieder aus Deutschland auf den Markt gebracht. Wir haben mit ihr vor ihrem Auftritt beim Loop Summit von Abelton Anfang November über die von Männern dominierte Musikbranche, Feminismus und ihre Jugend in Berlin gesprochen.

Malaria

1979 haben Sie mit Mania D und später Malaria! die ersten Frauenbands gegründet. Jung, rebellisch und revolutionär. Wie wurden Sie damals als weibliche Künstlerin wahrgenommen?
Ich war Bandmitglied bei DIN A Testbild und später bei den Einstürzenden Neubauten, Mania D hat sich als reine Frauenband einfach so ergeben, das war keine bewusste Konstellation. Das Frauenbild war auch in den Achtzigern keines Falls mehr das des „Heimchens am Herd". Allerdings waren die meisten Feministinnen plump gesagt strickende Hippies. Wir waren radikal und laut, was viele in Angst und Schrecken versetzte. Auf einem Festival von Frauen für Frauen wurden wir während unseres Gigs als „Nazibräute" beschimpft. Sie haben uns schlichtweg nicht verstanden, weil wir keinem Klischee entsprachen.

Sie machen sich schon seit Jahrzehnten für Frauen in der Musikbranche stark, ein Business in dem noch heute Männer dominieren. Was hat sich für Sie seit den Achtzigerjahren verändert?
Nicht viel! Ein Glück gibt es female:pressure, die machen richtig Dampf! Female:pressure ist eine internationale Datenbank für weibliche Musikerinnen, Komponistinnen und Produzentinnen und ist in erster Linie ein Werkzeug, um die Existenz und das Schaffen der Künstlerinnen in dieser scheinbar männerdominierten Szene zu veranschaulichen.

Malaria

Welche weiblichen Künstlerinnen schätzen Sie besonders und warum?
Barbara Morgenstern hat mich, als ich sie das erste Mal live erlebt habe, komplett umgehauen. Mich hat schwer beeindruckt, mit was für einer Selbstverständlichkeit sie performte. Das hat mich auch dazu motiviert, mich auch selbst solo auszuprobieren. Anika, die Polin Yula Kasp, Lucrecia Dalt und natürlich alle Monika Artists schätze ich sehr. Diese Frauen und deren Musik sind fantastisch!

Matador

1990 haben Sie ihr Label Moabit Musik und 1997 schließlich Monika Enterprise gegründet. Wie kam es dazu und welche jungen Musiker haben Sie mit ihrem Label begleitet und hervorgebracht?
Mit meinem Label Moabit habe ich in erster Linie viele eigene Produktionen für Malaria! umgesetzt. Aber auch Myra Davies und Danielle de Picciotto. Dann kam Monika Enterprise und die Berliner Wohnzimmerszene. Inzwischen haben wir fast 90 Releases hervorgebracht. Barbara Morgenstern und Cobra Killer sind hier wohl die bekanntesten Namen.

Wie erinnern Sie sich an die Musik, die ihre Jugend geprägt hat, und was davon hören Sie noch heute?
Manchmal höre ich gerne alte Platten, auch aus den Siebzigern. Ich erinnere mich besonders gerne an Künstler wie die Krautrocker Neu!, Cluster, No New York, Birthday Party und Arthur Russel. Vieles davon höre ich natürlich auch heute noch.

Wie hat das damalige Berlin den Sound von Mania D und Malaria! geprägt?
Die Frage ist: Was prägt Musik? Ist es die Stadt oder der Künstler oder doch die Zeit. Das ist schwierig zu definieren. Mania D war sehr frei, teilweise waren es nur Texte, losgelöste Stücke und viele atmosphärische Backingtracks. Malaria! war auch keinesfalls konzeptionell, die Songs waren aber strukturierter. Was den Sound geprägt hat, kann man nicht wirklich in Worte fassen.

10 Schlagwörter, die Sie mit ihrer Jugend in Berlin verbinden?
Außenklo, Punk, Ausgehen, Freunde, Revolution, Musik, schlaflose Nächte, Kunst, Straßenkampf, Kommunen.

Zu Hause bei Mania D

Was war das unmoralischste Angebot, dass Sie in ihrer Karriere bekommen haben?
Ein Produzententeam sprach uns damals in England an, weil wir so gut aussahen. Sie wollten eine Retortenband so wie die Bananarama aus uns machen. Nein danke!

In einem Interview sagten Sie vor Jahren, dass Sie nach den Konzerten meistens so ausgehungert seien, dass Sie die Gage meist komplett in Essen investierten. Für was geht die Gage heute drauf?
Heute finanziere ich mein Leben und mein Label von den Gagen. In Essen investiere ich noch immer!

Wie würden Sie ihre Rolle in der heutigen Berliner Musikszene beschreiben?
Heute bin natürlich ein alter Hase. Die Musikszene in Berlin ist heutzutage sehr international. Ich mische hier und da mit, aber gehe nicht mehr so viel aus wie früher. Meist nur zu Konzerten von Freunden und Bekannten. Clubgänger bin ich längst nicht mehr! Auch international bin ich viel auf Konzerten unterwegs. An meiner Musik arbeite ich aber im Studio auf dem Lande, weg von der Metropole.

Welche jungen deutschen Bands schätzen Sie aktuell und warum?
Oh, jung müssen die gar nicht unbedingt sein. Das Duo von Andreas Gerth und Florian Zimmer „Driftmachine" gefällt mir sehr. Masha Qrella, Ofrin, Pilocka Krach sind toll und nicht zuletzt Schnipo Schranke aus Hamburg.

Welcher ist für Sie der beste deutschsprachige Song, der je geschrieben wurde?
Kaltes klares Wasser.

Malaria

Sie sind Anfang November beim Loop Summit zu sehen. Der Titel der beiden Präsentationen verspricht einiges. Was können wir uns erwarten? 
Es handelt sich um eine „Kleine Monika Werkstatt", in der Barbara Morgenstern und ich uns unterhalten werden. Wir machen diese Werkstätten seit 2015. Bei den anderen Monika-Werkstatt-Abenden haben wir immer vier bis fünf Solokünstler zu einem Gespräch und Konzert eingeladen. Danach gab es meistens eine gemeinsame Improvisation. Das Konzept der Werkstatt ist recht offen, bei dem die eigentliche Arbeit der Künstler und Künstlerinnen im Fokus steht. Es soll kein normales Konzert sein, kein Konsumieren pur, sondern auch Neues ausprobiert und das Publikum mit eingebunden werden. Bei den Werkstatt-Abenden haben alle Beteiligten überraschend viel gelernt: Wie die anderen arbeiten, welche Probleme es gibt etc. Bei einem offiziellen Gespräch spricht man über andere Sachen als beim Smalltalk. Auch die Situation der Frau in der Musikszene wird beleuchtet.  Für Loop haben wir uns ein besonderes Thema vorgenommen: Auftragsproduktionen. Ich dachte, dass das viele Künstler interessieren wird, weil es ja auch ums Geldverdienen geht. Das ist ein großes Thema, weil viele an der Armutsgrenze leben. Mit Plattenverkäufen ist keine Einnahme mehr zu erzielen, das weiß ich als Labelbesitzerin sehr gut. Wir werden also unsere letzten Auftragsarbeiten vorstellen und Musik spielen. Barbara die Arbeit an der Theatermusik Brain Projects für Rimini Protokoll und ich die Vogelmixe für Heimatlieder aus Deutschland, mein neues Album, das gerade erst erschienen ist. Beides sind sehr künstlerische Arbeiten und haben kaum etwas mit dem schlechten Ruf von Auftragsarbeit zu tun. 

Was hat Sie an dieser Präsentation gereizt? 
Ehrlich gesagt, bin ich selbst gespannt, wie Barbara an der Theatermusik gearbeitet hat. Und ich hoffe, dass es auch den einen oder anderen Zuschauer interessieren wird. Wir hoffen, dass es auch Fragen vom Publikum gibt und sind offen für alles. Man lernt nie aus!

„Loop - A Summit for Music Makers" findet vom 04. bis 06. November im Funkhaus in Berlin statt. Mehr Informationen findest du hier

gudrungut.com
loop.ableton.com

Credits


Text: Selina Bauer
Fotos: Mit der Genehmigung von Gudrun Gut

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