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diese fotos zeigen dir ein ganz anderes las vegas

Daniel Rettig und Hendrik Schneider haben das Leben jenseits des berühmten Strips dokumentiert und die spannendsten Geschichten in ihrem Buch festgehalten.

von Lisa Leinen
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21 April 2016, 8:05am

Las Vegas: Mekka für Junggesellen, Partymeile, Glücksspiel-Hochburg. Entweder man verliert sich im Casino, im Club, oder eben in der Kapelle, in der man sich nachts übermütig trauen lässt und es morgens eventuell bereut. Hier treffen sich alle, die das Leben in vollen Zügen genießen—und jene, die den Glauben daran schon aufgegeben haben. Denn wo das Glück weilt, ist das Elend nicht weit. Hier stranden sie, die Spielsüchtigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Zwei junge Fotografen aus Mainz wollten mit ihren Kameras festhalten, dass Las Vegas viel mehr ist als das. Dass die Stadt mehr Geschichten zu erzählen hat als die, die auf dem Strip geschrieben werden. Bereits 2012 reisten sie für mehrere Wochen in die künstliche Stadt, jetzt ist ihr Buch Views on Vegas erschienen. Genau dazu haben wir ihnen ein paar Fragen gestellt. 

Erzählt mal, wie habt ihr euch kennengelernt? Und wie kam das gemeinsame Fotografieren zustande? 
Daniel Rettig: Wir haben uns im Studium hier in Mainz getroffen. Ich bin gelernter Fotograf und Hendrik ist Mediengestalter. Während unseres Kommunikationsdesign-Studiums haben wir dann viele Projekte gemeinsam realisiert. So ging das alles los.
Hendrik Schneider: Ein Projekt, was uns während unseres Studiums besonders gut gefallen hat, war ein Magazin zum Thema Rebellion, das wir gemeinsam erarbeitet haben. Dabei haben wir zum ersten Mal an der Schnittstelle zwischen Fotografie, Grafikdesign und Journalismus gearbeitet. Dafür waren wir in ganz Deutschland unterwegs und haben spannende Leute getroffen, wie Rainer Langhans, Jonathan Meese oder Eike König. Dieses Magazin war die Initialzündung für das Las-Vegas-Projekt. Wir wollten reisen, spannende Leute kennenlernen und ihre Geschichten erfahren.

Warum fiel eure Wahl dann auf Las Vegas?
Daniel Rettig: Das Rebellion-Magazin beschäftigt sich ja schon im Ansatz mit Extremen—extreme Erfahrungen, extreme Berufe, extreme Persönlichkeiten. Das fanden wir spannend. Las Vegas erschien uns wie ein Magnet für all das zu sein und somit der ideale Ort, um weiter danach zu suchen.

Auf der einen Seite die unbeschwerte Glitzerwelt, auf der anderen Seite das Auffangbecken vieler gescheiterter Existenzen. Warum habt ihr euch dazu entschieden, Las Vegas so darzustellen, wie ihr es in eurem Buch macht?
Hendrik Schneider: Wir haben recht schnell nach unserer Ankunft gemerkt, dass wir es letztendlich viel interessanter fanden, das Normale hinter dem Extremen zu zeigen. Uns erschien es zu einfach, nur das Extreme zu dokumentieren.
Daniel Rettig: Wir haben uns aus dieser Glitzerwelt, also dem Strip, und dem, was jeder Tourist erst mal sieht, rausgehalten. Wir wollten schauen: Was passiert abseits der Casino- und Partymeile? Wer hält eigentlich diese Stadt zusammen? Und welche Geschichten haben diese Menschen zu erzählen?

Habt ihr diese Leute vorher ausgesucht und kontaktiert?
Daniel Rettig: Mal so, mal so. Auf das Schwertschlucker-Paar Andrew und Kelly zum Beispiel sind wir schon im Vorfeld bei unserer Recherche aufmerksam geworden. Die Polizei von Las Vegas haben wir auch vorher angeschrieben. Und ansonsten sind wir auch einfach in der Stadt herumgelaufen und haben an Türen geklopft. Und je mehr Leute wir kennengelernt haben, desto mehr haben uns dann wieder von ihren Freunden und Bekannten erzählt. Irgendwann hat sich das sogar herumgesprochen, dass wir da sind und an diesem Projekt arbeiten und so haben sich am Ende sogar Leute bei uns gemeldet.
Hendrik SchneiderInsgesamt waren wir sieben Wochen dort, dann mussten wir leider schon zurück, um die Fotos und Interviews noch rechtzeitig für unsere Bachelorarbeit als Buchform aufzubereiten.

Was war die schönste Begegnung?
Hendrik Schneider: Da gab es so einige. Was uns aber allgemein besonders beeindruckt hat, war die Stehauf-Mentalität der Leute. Wir waren 2012 vor Ort, da hat man noch ganz deutlich die Nachwehen der Wirtschaftskrise gespürt. Viele haben ihren Job oder ihr Haus verloren. Und trotzdem waren das alles irgendwie Macher, die sich nicht so leicht unterkriegen lassen—jedenfalls die, die wir kennenlernen durften.

Und die traurigste?
Hendrik Schneider: Wir haben auch Menschen kennengelernt, die auf der Straße leben oder sogar drogensüchtig waren und sind. Das war schon sehr bedrückend, von deren Schicksalsschläge zu erfahren.
Daniel Rettig: Mary zum Beispiel. Anfang 20 und heroinsüchtig. Sie kam eigentlich zum Methadon-Entzug nach Las Vegas und ist dann dort hängen geblieben. Von ihrer Tante wurde sie aus der Wohnung geworfen, nun lebt sie auf der Straße und versucht, sich so durchzuschlagen. So jung und gleichzeitig schon in so einer furchtbaren und scheinbar aussichtslosen Situation zu sein—was für ein hartes Leben.

Was ist denn jeweils euer Lieblingsporträt oder eure Lieblingsgeschichte im Buch? Und warum?
Daniel Rettig: Das wechselt irgendwie immer mal wieder. Aber eine schöne Geschichte ist die von dem Barbier Mack Smith Junior, auch „Candyman" genannt. Ein Pastor hatte uns von ihm erzählt. Mack organisiert regelmäßig Feste und Aktionen für Kinder und Bedürftige in einem der ärmeren Viertel von Vegas. Ein interessanter Mensch, der viel Gutes tut, und das in einer Stadt, in der Nehmen oft seeliger zu sein scheint als Geben.
Hendrik Schneider: Für uns als Gestalter war es auch besonders interessant, Betty Willis zu treffen. Sie ist die Designerin des berühmten „Welcome to Fabulous Las Vegas"-Schilds und noch vielen anderen. Sie hat quasi halb Vegas mit Neonlichtern versehen. Normalerweise gibt sie gar keine Interviews, aber wir saßen plötzlich bei ihr im Wohnzimmer, das war wirklich eine tolle Begegnung. Leider ist sie im letzten Jahr verstorben. Wir sind sehr dankbar, dass wir sie noch kennenlernen durften. 

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Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Daniel Rettig & Hendrik Schneider (Stick Up Studio