Mit viel nackter Haut gegen das Gefühl von Einsamkeit

Die in Berlin lebende Künstlerin Rita Lino versucht mit ihren Selbstporträts ihren eigenen Emotionen genauer auf den Grund zu gehen.

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Aug. 11 2017, 3:05pm

Scrollt man durch den Instagram-Account der Portugiesin, fällt einem vor allem eines auf: viel nackte Haut. Doch Rita Linos Fotografien entsprechen nicht den üblichen Erwartungen, die einem bei diesem Reizwort in den Kopf schießen. Es ist die Ehrlichkeit ihrer Darstellung, die sich wie ein roter Faden durch Ritas Arbeiten zieht. Besonders die Selbstporträts der Fotografin, mit denen sie uns fast täglich in eine Mischung aus Faszination und Neugierde versetzt, sind das Herzstück ihrer Kunst.

Mal sitzt Rita auf einem Baum, mal tanzt sie in einem Feld oder zeigt uns ihr akrobatisches Können in alltäglichen Situationen — die meiste Zeit kaum bis gar nicht bekleidet. "Ich lasse mich von jedem noch so kleinen Detail in meiner Umgebung inspirieren", verrät uns die Foto- und Videografin und macht uns nur noch neugieriger auf die Beweggründe hinter ihren emotional aufgeladenen Selbstporträts. Uns hat Rita erklärt, wie sie zu ihrem eigenen Körper steht und warum sie mit ihren Fotografien eine Art hypothetische Einsamkeit bekämpft.


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Du bist in deinen Selbstporträts oft halb oder ganz nackt. Sind Intimität und Nacktheit für dich miteinander verbunden?
Wann ist Nacktheit nicht nackt? Wahrscheinlich dann, wenn der Körper als Maske dient. Eine, die nicht abgelegt werden will, aber langsam ihre Form verändert. Einen nackten Körper oder einen Teil davon zu enthüllen, ist für mich mehr als nur reine Provokation oder thematische Nacktheit — es ist eine Form von Ehrlichkeit und zeigt, wie unterschiedlich wir ohne unserer großartigen Maskerade an Kleidungsstücken doch alle sind.

Was bedeutet Intimität für dich?
Intim heißt echt. Wenn sich Menschen, die du davor noch nie getroffen hast, mit dem, was du machst und versuchst auszudrücken, verbunden fühlen.

Wie stehst du zu dir und deinem Körper?
Nachdem ich nun schon zwölf Jahre lang Fotos von mir selbst schieße, sehe ich mich in Würde altern. Trotzdem ist mein Körper für mich immer noch mehr ein Instrument als etwas Schönes oder Hässliches, das ich zeigen oder verstecken möchte. Er ist einfach da, immer um mich herum.

Warum hast du angefangen, Fotos von dir selbst zu schießen?
Ich sehe mich als Künstlerin, die sich vor allem mit dem Thema Selbst beschäftigt, in meinem Fall sind das Selbstporträts. In den letzten Jahren habe ich an meiner Ästhetik gearbeitet und sehe sie als einen permanenten Prozess. Es ist immer die Frage nach dem Wie — Wie mache ich es das nächste Mal besser oder interessanter? Aber am Ende mag ich das Raue und Unvollkommene. Dieser Naturzustand ist einfach schön und auch essentiell für meine Arbeiten. Ich versuche auch immer, nicht mit dem Strom zu schwimmen, indem ich mir und meiner Ästhetik treu bleibe. Also vermische ich diese beiden Welten: meine und die kommerzielle, indem ich es ehrlich halte, aber auch nicht den Spaß dabei verliere.

Du beschreibst deine Arbeiten als emotional aufgeladen. Welche Art von Gefühlen versuchst du damit zu erkunden?
Meine Arbeiten verweisen oft auf ein körperliches und inszeniertes "Wer ist Wer?"-Spiel — ein intimes, öffentliches und visuelles Tagebuch, das auf obsessive Weise einen fiktiven oder non-fiktiven Lebensweg enthüllt. Zu viel zu erklären, macht es aber wahrscheinlich uninteressant, deswegen betrachte ich meine Arbeiten auf die gleiche Art, wie ich sie verwirkliche — natürlich und instinktiv.

Man sieht dich auf deinen Fotos oft weinen. Warum hast du dich gerade für diese Emotion entschieden?
Meine Oma sagt immer: "Es reinigt die Seele, also weine einfach". Meine eigene Intimität zu teilen ist eine Art Besessenheit, schon fast eine Sucht für mich. Ich muss mich selbst sehen, beobachten und studieren — und Leuten die Möglichkeit geben, das auch zu tun. Ich glaube, das ist ein ungewöhnlicher Weg, um hypothetische Einsamkeit zu bekämpfen. Ich kann meine Arbeiten nicht von meinem Leben trennen. Und auch wenn das fatalistisch klingen mag, ist es die reine Wahrheit. Am Ende des Tages geben diese Fotografien meinem Leben eine Art Sinn und Zweck.

Und was möchtest du dem Betrachter zeigen?
Das kann sehr unterschiedlich sein. Manchmal möchte ich ihm ein Stück Kunst zeigen, wenn ich eine seltsame Skulptur aus Fleisch und Blut bin. Ich lasse aber auch gerne Interpretationsspielraum, so dass der Betrachter sein kann, wer auch immer er sein mag: Ein Kritiker, ein Freund oder ein Beobachter. Er soll es einfach fühlen.

@ritalino