Was bedeutet 'Gaslighting'?

Betroffene erklären, woran du erkennst, ob du ein Arschloch datest oder bereits emotionale Manipulation erlebst.

von James Greig
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14 August 2019, 8:09am

Foto via i-D UK

Nie zuvor gab es eine so breit geführte Diskussion über emotionale Belastungen wie heute. Musiker_innen sprechen offen über Depressionen und Angstzustände, Serien wie Tote Mädchen Lügen Nicht brechen mit Tabus, Anlässe wie der Mental Health Day schaffen Bewusstsein für die Betroffenen. Doch ein Schlagwort, das – zumindest im deutschsprachigen Kontext – erst langsam an Aufmerksamkeit gewinnt, ist Gaslighting. Der ungewöhnliche Name dieses destruktiven Phänomens geht zurück auf das Schauspiel Gas Light von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938: Ein Mann treibt seine Frau willentlich in den Wahnsinn. Gaslighting bedeutet nämlich, dass eine Person so lange psychisch manipuliert wird, bis diese an ihrer eigenen Erinnerung und Wahrnehmung zweifelt, häufig mit katastrophalen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden.

Gaslighting ist emotionaler Missbrauch, psychische Manipulation, die nicht nur in romantischen, familiären und freundschaftlichen, sondern genauso auch in beruflichen Beziehungen vorkommt. Die Teen Vogue proklamierte 2016 beispielsweise, Donald Trump würde Amerika gaslighten, Amelie Kahl vom amazed mag beleuchtete in diesem Jahr das Ganze von einer persönlichen Perspektive, im Podcast Zündfunk Generator diskutierten Expert_innen den Ursprung und die Auswirkungen dieser verheerenden Manipulation.

Das Bekanntwerden dieses Schlagworts ist erschütternd, bringt jedoch auch Positives mit sich: Menschen finden einen Rahmen, um abzuschätzen, ob ihre Beziehung missbräuchlich ist. Dieser Prozess ist langwierig, verwirrend, belastend. Denn: Emotionaler Missbrauch ist weniger offensichtlich als der physische und somit für den_die Täter_in leichter abzustreiten.

"Die Täter_innen kreieren ein Drama-Dreieck. Das bedeutet, dass sie mal als Retter_in, Opfer oder Verfolger_in auftreten und dich in die jeweils andere Rolle zwingen."

Nicht jedes verletzende Verhalten ist automatisch als Misshandlung zu verstehen. "Manchmal werden schlimme und toxische Verhaltensweisen – die wir alle zeigen – als missbräuchlich einsortiert, wenn sie tatsächlich unreif oder boshaft sind", erzählt eine unserer Gesprächspartnerinnen, die 23-jährige Sarah aus eigener Erfahrung.

Aber was ist eigentlich der fundamentale Unterschied zwischen einem misshandelnden Partner und einem ... Arschloch? "Wenn jemand ein Arschloch ist, verstehst du, dass die Person ein Arschloch ist und deine Umgebung stimmt dir darin höchstwahrscheinlich zu. Verhält sich die Person in einer verletzenden Weise, hast du zumindest das Gefühl, du könntest mit ihr darüber streiten", erklärt Gemma, 29. Sie hat ebenfalls eine missbräuchliche Beziehung erlebt und arbeitet heute als Beraterin für Betroffene von häuslicher und sexueller Gewalt. "Wenn dich jemand emotional misshandelt, dann passiert das viel heimtückischer. Du merkst, dass etwas nicht richtig ist, doch in neun von zehn Fällen denkst du, dass du das Problem bist – denn diese Person hat dich konditioniert, genau das zu glauben. Deine Freund_innen sagen dir, dass du dir zu viele Gedanken machst, da diese Person ihnen gegenüber super charmant ist. Vielleicht hat diese Person aber auch alle deine Freund_innen bewusst dazu gebracht, sie zu hassen, während sie nur dir ihre gute Seite zeigt, sodass du dich von deinem Freundeskreis distanzierst."

Es gibt weitere Signale, bei denen laut Gemma deine Alarmglocken laut tönen sollten: "Bei meiner Arbeit höre ich täglich vom Kreislauf der Misshandlung und es ist jedes verdammte Mal das Gleiche. Die Täter_innen kreieren ein sogenanntes Drama-Dreieck. Das bedeutet, dass sie mal als Retter_in, Opfer oder Verfolger_in auftreten und dich in die jeweils andere Rolle zwingen. So erobern sie beispielsweise das Herz einer verletzlichen Person (Retter_in), nur um deren Verletzlichkeit danach als Schwäche zu kritisieren (Verfolger_in) und schließlich zu behaupten, dass sie selbst depressiv und verängstigt sind – und dass du diese Trigger in ihnen auslöst (Opfer). Dieses Muster ist nicht automatisch gleichgestellt mit Missbrauch, doch sehr häufig ist das die manipulative Verhaltensweise von Missbrauchstäter_innen."

Genau dieses so konträre Verhalten der Täter_innen bringt die Betroffenen vom Gaslighting dazu, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Auch die 23-jährige Natalie hatte Schwierigkeiten, das Ausmaß des emotionalen Missbrauchs ihres Partners zu begreifen. "Im Gegensatz zu mir hat mein Partner keinen Alkohol getrunken. Damals, mit 21, habe ich mich gern mit meinen Freund_innen auf ein paar Drinks getroffen. Während unserer Beziehung gab es einige Nächte, in denen ich etwas zu viel getrunken hatte und mich am nächsten Tag nur noch an wenig erinnern konnte. Rückblickend betrachtet, war das wohl ein Zeichen, dass ich nicht besonders glücklich war. Jedes Mal, wenn das passierte, wurde mein Partner wütend und erzählte mir, wie beleidigend und respektlos ich mich ihm und meinen Freund_innen gegenüber verhalten hätte. Das war für mich der größte Horror, ich schämte mich unglaublich – und ich hatte absolut keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Aber mit der Zeit hörte ich immer mehr widersprüchliche Geschichten aus meinem Freundeskreis. Diese passten sehr viel besser zu dem Bild, das ich selbst von mir hatte, wenn ich betrunken bin: ein bisschen gesprächiger und wackeliger auf den Beinen, klar, doch niemals auch nur ansatzweise unfreundlich oder beleidigend."

Im Gegensatz zu Gemma und Sarah, die sich absolut sicher sind, emotionalen Missbrauch durch ihre Partner erlebt zu haben, kann Natalie das Ganze nicht so klar einsortieren. "Ich habe viel darüber nachgedacht, doch weiß ich nicht genau, wo die Trennlinie zwischen einer missbräuchlichen und einer nicht-missbräuchlichen Beziehung verläuft. Ich weiß, dass sich mein Ex falsch verhalten hat, denke aber, dass er eigentlich eine gute Intention hatte." Doch nur weil jemandes Verhalten vielleicht aus gutem Willen passiert – oder es zumindest so wahrgenommen wird –, ist es nicht weniger schädlich.

"Wenn dein_e Partner_in dir regelmäßig das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein, und dann weitere Signale hinzukommen wie beispielsweise die Kontrolle über dein Sozialleben, deine Finanzen oder Kleidung, dann ist das eine Missbrauchssituation."

Für die 24-jährige Sophia liegt der größte Unterschied zwischen Arschloch und Gaslighting in der Berechenbarkeit. "Wenn jemand nur am Aufreißen interessiert ist, kann man die nächsten Schritte gut vorhersehen – sie schreibt dir nicht zurück, flirtet mit deiner besten Freundin oder Mutter. Sie fühlt sich dazu berechtigt", sagt Sophia. "Missbrauch hat hingegen mehr damit zu tun, dass die Täter_innen dich für ihr Verhalten verantwortlich machen: 'Ich habe das und das gemacht, weil du so und so bist, du hast mich dazu gebracht.' Natürlich denkst du in dieser Situation, dass alles deine Schuld ist. Wenn du dich nur genug anstrengst und alles richtig machst, dann wird irgendwann alles besser, doch das kannst du nicht. Und es wird immer extremer: Ihre Liebe für dich ist davon abhängig, was du für sie leistest, an Respekt für dich mangelt es dagegen völlig. Wenn dein_e Partner_in dir regelmäßig das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein, und dann weitere Signale hinzukommen wie beispielsweise die Kontrolle über dein Sozialleben, deine Finanzen oder Kleidung, dann ist das in meinen Augen eine Missbrauchssituation."

Sandra Horley, Chief Executive der britischen Stiftung für häusliche Gewalt, Refuge, definiert emotionale Misshandlung so: "Alle, die dazu gezwungen werden, ihr Verhalten zu ändern, da sie Angst haben vor der Reaktion des Partners, erfahren Missbrauch." Darin liegt der Kern des Problems. Egal wie häufig du in einer Beziehung streitest, solange du keine Angst hast oder dich kontrolliert fühlst, dann ist es wahrscheinlich kein Missbrauch. Gemma stimmt zu: "In einer emotional missbräuchlichen Beziehung gibt es automatisch ein Machtgefälle, das so auch beim Gaslighting vorkommt. Wenn du davon überzeugt wirst, dass deine Wahrnehmung der Realität falsch ist, dann fühlst du dich hilflos wie ein Kind."

Gaslighting ist eine perfide, hinterlistige und schleichende Form der emotionalen Manipulation. Steckst du in solch einer Beziehung, kann es unglaublich schwierig sein, zu realisieren, was mit dir geschieht. Manchmal benötigt es Zeit und eine gewisse Distanz, bis du die berechnende Taktik durchschauen kannst und merkst, dass definitiv nicht du das Problem bist. "Missbrauch in einer Beziehung ist ein langer und meist vorsätzlicher, wohl überlegter Prozess, der dazu ausgerichtet ist, dich selbst in Frage zu stellen", erklärt Sarah weiter. "Ein Prozess, der dich dazu bringt, in eine emotionale Abhängigkeit zu geraten und dich komplett zu isolieren. Die Täter_innen zerstören den Kern deiner Persönlichkeit, gefährden deine Subjektivität und machen dir ein schlechtes Gewissen, wenn du dich nicht gut fühlst."

Wenn dein Instinkt dir Warnsignale sendet, dann höre bitte darauf. Zweifle nicht an deiner eigenen Wahrnehmung, denn du bist wichtig und wertvoll. Du selbst kennst dich am besten. Und solltest du besorgt sein, dich selbst in solch einer Situation zu befinden, dann hol dir Unterstützung: Re-Empowerment!, Telefonseelsorge, Weisser Ring, Gewaltlos.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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