@haramwithsugar macht futuristische Schätze aus Fast-Fashion-Müll

"Mittlerweile verurteile ich mein damaliges Konsumverhalten. Es hat mir die Augen dafür geöffnet, in was für einer Wegwerfgesellschaft wir leben."

von Imke Rabiega
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01 November 2019, 2:20pm

Foto: Imke RabiegaMarcus Vinicius de Queiroz 

Eigentlich sollte All Bauingenieurin werden. Auf Instagram tauft sie sich Haramwithsugar. Haram bedeutet im Arabischen so viel wie etwas Verbotenes, Verpöntes. Die 23-Jährige macht dabei nichts Illegales, sondern einfach das, worauf sie Lust hat – frei von der Meinung anderer. "Ich werde häufig als die kleine, süße Maus abgestempelt, bin aber immer laut und bringe etwas in Gang. Haramwithsugar ist eine Selbstbeschreibung."

All nimmt ihre Karriere selbst in die Hand, befreit sich aus der von ihrem früheren Umfeld für sie vorgesehenen Welt auf der Baustelle und beginnt, Modedesign in Reutlingen zu studieren. Gehalten hat es sie dort nicht, vor drei Wochen zog sie nach Berlin, um ihre Ausbildung aus der Ferne zu beenden. Als Zeugnis früherer Konsumlust kreiert die Kurdin heute aus alten Sneakern auffällige Corsagen, Halskrausen und Accessoires. Zwischen Upcycling und Futurismus begeistern die bunten Unikate immer mehr Fans auf Instagram.

Im Gespräch mit i-D erzählt die angehende Modedesignerin, warum sie unserer Gesellschaft mit Protest begegnet.

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Wie kamst du darauf, Turnschuhe zu dekonstruieren?
Schuhe waren mir immer heilig. Früher habe ich Ballett getanzt und Spitzenschuhe getragen. Weil ich total klein bin, fand ich es toll, plötzlich größer zu sein. Dann kam eine Phase, in der ich ständig High Heels getragen habe. Als ich dann anfing, bei Footlocker zu arbeiten, kam meine Liebe für Sneaker dazu. Ich wurde sozusagen ein Vollzeit-Sneakerhead. Und hatte irgendwann so viele Schuhe zu Hause, dass mir klar wurde: Ich kann sie niemals alle tragen. Also habe ich sie einfach auseinandergeschnitten und was Neues daraus gemacht.

Grob geschätzt: Wie groß war deine Sammlung?
Ich hatte ein ganzes Zimmer voller Schuhe. Mittlerweile verurteile ich mein damaliges Konsumverhalten. Es hat mir die Augen dafür geöffnet, in was für einer Wegwerfgesellschaft wir eigentlich leben. Ich bin früher jeden Tag in die Stadt gerannt, immer auf der Suche nach einem neuen Teil. Seit drei Jahren kaufe ich nur noch Second Hand.

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Du fragst in deiner Community nach alten Schuhen zum Wiederverwenden. Funktioniert das?
Total! Seit ich in Berlin wohne, wollen mir einige Pakete schicken und sogar den Versand übernehmen. Außerdem habe ich einen Second Hand-Laden in Nürnberg, meiner alten Heimat, gefunden, der nur Schuhe verkauft. Ich habe dem Inhaber meine Sachen gezeigt, jetzt schickt er mir alles, was er nicht mehr gebrauchen kann – ich habe schon zwei volle Kisten von ihm bekommen. Die Schuhe muss ich dann gründlich waschen, aber unter der schmutzigen Oberfläche verstecken sich wahre Schätze.

Wie sehen deine Designs aus?
Sehr verspielt und nicht darauf bedacht, in Größen oder Geschlechter zu unterteilen. Ich selbst liebe es, in der Herrenabteilung zu stöbern. Ich mag Männer in Abendkleidern und Frauen in übergroßen Hemden. Es interessiert mich nicht, was die Gesellschaft darüber denkt. Gerade trage ich zum Beispiel einen FC Bayern Brustbeutel und werde ständig gefragt, ob ich Fan sei. Dabei gefallen mir einfach nur die Farben.

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Für wen machst du deine Kreationen?
Für Leute, die meine Ansichten teilen. Ich sehe das in meiner Followerschaft bei Instagram ganz gut: fast alle sind Menschen, die machen, auf was sie Lust haben, ohne sich der Gesellschaft anzupassen. Freigeister. Auch Leute, die ohne viel Geld aufgewachsen sind. Ich komme selbst aus einfachen Verhältnissen, das passt.

Findest du, dass sich die Modebranche im Hinblick auf die Klimadebatte gerade wirklich verändert?
Viele Menschen in meinem Umfeld konsumieren immer noch unbeschwert Fast Fashion. Große Unternehmen wollen natürlich alle sagen können, dass sie nachhaltig sind. Sie schmücken sich mit Conscious-Kollektionen, produzieren an anderer Stelle aber trotzdem in Bangladesch. Nur ein kleiner Teil der Altkleidung wird für Upcycling genutzt, die große Masse wird zu Waschlappen und Handtüchern zerschnitten oder direkt verbrannt. Ehrlich gesagt, sehe ich noch keinen wirklichen Wandel und bin eher desillusioniert. Ich finde es gut, was Extinction Rebellion macht [Anm. d. Red. globale Organisation, die mit teils radikalen Aktionen gegen den Klimawandel demonstriert], sie haben ihren Sitz in Berlin und legen regelmäßig als Protest den Verkehr lahm. Die machen richtig Guerilla, während die Politik schweigt.

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Nachhaltigkeit ist also wichtig für dich – nur in der Mode oder auch in anderen Bereichen deines Lebens?
Es hat angefangen mit meiner Vorliebe für Second Hand, das war vor gut drei Jahren. Seit ich versuche vegan zu essen, ist es noch präsenter in meinem Alltag. Ich schaffe es leider nicht immer, ab und zu brauche ich einfach einen Halloumi. Vegan leben könnte ich nicht, denn dann dürfte ich meine Lederschuhe nicht mehr tragen. Und die bekommen durch mich wenigstens noch eine dritte, vielleicht vierte Verwendung.

Dein Motto lautet: "Sometimes you gotta mashallah yourself". Das bedeutet soviel wie: Freu dich über dich selbst, sei stolz auf dich.
Weil Selbstliebe der Schlüssel zu allem ist. Früher habe ich es gehasst, allein zu sein. Es hat mich gegruselt, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Doch nach einer Weile konnte ich es genießen und mich selbst wertschätzen. Es ist ein langer aber wichtiger Prozess. Wenn ich heute meine Arbeiten sehe, bin ich unglaublich stolz auf mich. Zum ersten Mal in meinem Leben liebe ich aus vollem Herzen, was ich mache.

@haramwithsugar

Credits


Fotografie: Imke Rabiega, Marcus Vinicius de Queiroz
Styling: All Amin

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