Fotos: Sam Gregg aus der Serie See Naples and Die

So wundervoll verrückt sind die Bewohner Neapels

Der britische Fotograf Sam Gregg hat ein Jahr in Italien verbracht, um Persönlichkeiten wie den "Forcella Playboy" zu fotografieren.

|
22 Januar 2019, 11:43am

Fotos: Sam Gregg aus der Serie See Naples and Die

"Ich habe so viel Zeit in anderen Ländern verbracht, dass ich fast vergessen habe, was es heißt, ein Brite zu sein", schreibt der Fotograf Sam Gregg auf seiner Website. Geboren 1990 in London, reist er unaufhörlich um die Welt – immer auf der Suche nach einem neuen, spannenden Thema. So haben ihn seine Trips bereits nach Bangkok geführt, wo er die Bewohner des berüchtigten Slums Klong Toey fotografierte oder nach Phuket, um das legendäre Festival of the Nine Emperors zu dokumentieren.

Nun kam er nach Neapel und hielt die Stadt mit ihren einmaligen Bewohnern für die Ewigkeit fest. i-D hat sich mit ihm getroffen, um über sein Projekt See Naples and Die zu sprechen.


Auch auf i-D: Der Modenachwuchs aus Italien kann sich sehen lassen


Warum hast du dich überhaupt für Neapel entschieden?
Vor ein paar Jahren habe ich die Stadt besucht und mich direkt verliebt. Ich erinnere mich noch, dass ich zu mir selbst gesagt habe: "Bevor ich sterbe, möchte ich ein Jahr in Neapel gelebt haben." Mit 26 dachte ich dann "jetzt oder nie" und habe den Sprung gewagt. Ich habe meinen Job in London gekündigt, ein Zimmer im Stadtzentrum ergattert und angefangen, Englisch zu unterrichten. Wenn ich wirklich die Stadt dokumentieren wollte, war das die einzige Möglichkeit zu überleben. Jeden Morgen und Abend habe ich unterrichtet, dazwischen habe ich Fotos gemacht.

Ritratti Napoli Sam Gregg

Was macht die Stadt und ihre Einwohner so besonders?
Die Neapolitaner – besonders die, die in den zentralen Vierteln Quartieri Spagnoli, Sanità und Forcella leben – glauben fest daran, dass sie aus einem anderen Stoff gemacht sind als der Rest der Welt. Die Art, wie sie sprechen und sich kleiden. Ihr ganzes Dasein ist anders. Sie sind unglaublich leidenschaftlich, farbenfroh, auffällig, wild, einladend, clever, laut, stolz, melodramatisch und missverstanden. Die Liste der Adjektive könnte unendlich weitergehen. Neapel ist der Inbegriff von Leben. Warum das so ist, liegt wahrscheinlich in der Geschichte verwurzelt. Neapel wurde in den letzten zwei Jahrtausenden von so vielen verschiedenen Herrschern regiert, was zu einer Fusion verschiedenster Merkmale und Gepflogenheiten geführt hat, die komplett einmalig sind.

Wie bist du auf die Menschen zugegangen?
Die meisten Leute haben sich sehr darüber gefreut, dass ich ein Foto von ihnen machen wollte. Neapolitaner sind von Natur aus theatralisch und sehr stolz auf ihren unkonventionellen Modestil – sie sind ganz bestimmt nicht kamerascheu. Ich glaube, ich als Engländer war auch eine Neuheit für sie. Es gab nicht viele Touristen in den Vierteln, in denen ich mich rumtrieb.

Intervista Sam Gregg Ritratti Napoli

Warum hast du dich für den Namen See Naples and Die entschieden?
Das ist ein Zitat aus Goethes Italienische Reise. Neapel war eine der reichsten Städte der Welt, so glamourös, dass es für die meisten absolut keinen Grund gab, sie je zu verlassen. Wenn man Neapel gesehen hat, ist man bereit zu sterben, da keine andere Stadt an ihre Schönheit herankäme. In einem modernen Kontext ist dieser Satz eine ironische Referenz an das Phänomen der Ganggewalt, die in der Stadt kursiert.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe für einige Jahre in der Filmindustrie gearbeitet, aber hatte eher dumme Jobs, deswegen wurde die Fotografie zu einer Art Kompensation, ein kreatives Ventil. Ein Ausgleich zu meiner Arbeit am Computer, den ganzen Tag, jeden Tag. Ich möchte jetzt nicht zu prätentiös klingen, aber ich fühlte mich ein bisschen wie Tantalos – der Typ, der versuchte Nektar und Ambrosia von den griechischen Göttern zu klauen. Ich war so nah dran an der Kreativität, das ich sie förmlich riechen konnte, sie aber nie erreichte. Fotografie war mein Weg, die Kontrolle zu erlangen und dieses Verlangen zu stillen.

Intervista Sam Gregg Ritratti Napoli

Welche Reaktionen wünschst du dir von den Leuten, wenn sie deine Neapel-Fotos sehen?
Ich hoffe, dass sie erkennen, dass sie anders sind – eine Abwechslung zu den gewöhnlichen, immer gleichen Schwarz-Weiß-Fotos von der Camorra. Als ein Außenstehender war es mir möglich, die zärtlichen Momente des Alltags festzuhalten, die die Einheimischen mittlerweile nicht mehr sehen. In meiner Arbeit geht es darum, Schönheit im Alltäglichen zu finden und das Besondere im Gewöhnlichen herauszustellen. Meine Bilder sind nicht von der Politik geleitet, sondern eine Dokumentation der lebendigen Persönlichkeiten, die in den vergessenen Vierteln herumschwirren.

Gibt es ein Bild in der Serie, das dich besonders berührt?
Ja, das eine von dem Mann mit dem Nadelstreifen-Anzug. Sein Name ist Luigi, aber jeder in der Nachbarschaft kennt ihn als den "Forcella Playboy".

@samalexandergregg

1547637828176-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista2


Sam Gregg ritratti Napoli
Sam Gregg Ritratti Napoli
Louigi, aka der "Forcella Playboy"
Sam Gregg Ritratti Napoli
Sam Gregg Ritratti Napoli
1547638929016-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista4
1547638946153-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista8
1547638962451-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista10
1547638977820-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista9
1547639013393-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista19
1547639038894-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista14
1547639071117-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista13
1547639085269-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista12
1547639096966-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista11
1547638888524-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista16
1547639197876-sam_gregg_ritratti_napoli_progetto_see_naples_and_die_intervista5

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der italienischen Redaktion.