Still aus Girls Who Drink von Lily Rose Thomas über i-D UK

"Für mich ist der Dry January wie eine dieser Diäten mit Jo-Jo-Effekt"

Warum ein Monat ohne Alkohol unser Problem mit dem Trinken nicht lösen wird.

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21 Januar 2019, 12:36pm

Still aus Girls Who Drink von Lily Rose Thomas über i-D UK

Für viele waren die festlichen Tage des letzten Jahres zu viel. Zu viel Glühwein und Unmengen an Weihnachtsfeiern inklusive free Drinks und Hangover, die sich mittlerweile über Tage hinziehen. Kein Wunder, dass wir eine Pause brauchen.

Willkommen im Dry January, die Lösung für all deine Probleme ... oder so ähnlich. Die perfekte Gelegenheit, um der Mensch zu werden, der du schon immer sein wolltest. New year, new you. Den Samstagmorgen verbringst du von nun an lieber im Yoga Studio, anstatt verzweifelt nach einer Aspirin zu suchen. Du kannst dich endlich wieder den kleinen Dingen im Leben widmen, wie zum Beispiel ein Buch zu lesen oder eine tatsächlich bedeutungsvolle Konversation zu führen. Plötzlich merkst du, dass die Leute kaum unterscheiden können, ob du Wasser oder Wodka Soda trinkst. Der Morgen danach ist nicht mehr schambehaftet, sondern eine wahre Erleichterung – schließlich hast du keinen Kater und auch keine unangenehmen Instagram-Stories aus deinem Uber, die du panisch versuchst, zu löschen, nachdem sie schon 76 Leute gesehen haben. Du sparst Geld und schläfst besser. Die verlorenen Stunden, die du dir zurückholst. Die Peinlichkeiten, die auf einmal wie ausradiert sind. Gedanken, die sich klarer denn je anfühlen.

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Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK gaben zwölf Prozent der Befragten an, 2019 weniger Alkohol trinken zu wollen. Für mich hat das noch nie funktioniert. Entweder hat es mich von Anfang an nicht interessiert, bin schon am zweiten Tag schwach geworden oder habe es ein bisschen länger ausgehalten, nur um dann bitterlich herausfinden zu müssen, dass ich danach noch mehr getrunken habe. Meine Erfahrung ist leider ernüchternd (lol): Auch wenn ich phasenweise nicht trinke, ändert sich mein Verhältnis zum Alkohol nicht. Als ich nach fast zwei Jahren wieder angefangen habe zu trinken, war der Plan, mir nur Cocktails zu bestimmten Anlässen zu genehmigen. Doch ein paar Wochen später war ich wieder im gleichen Sog, den ich eigentlich umgehen wollte. Für mich ist der Dry January keine gesunde Neuerfindung meiner Selbst, sondern eine dieser Diäten mit Jo-Jo-Effekt. Am Ende schaden sie mehr, als dass sie nutzen. Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da.

Angela, 21, die Alkohol lieber umgeht, weil er in ihrer Familie oft missbraucht wurde, findet den Dry January kontraproduktiv. "Nicht jeden Freitag und Samstag zu trinken, macht mehr Sinn als die Herausforderung eines Dry January", erzählt sie i-D. "Zwar verbringen wir den Januar nüchtern, aber auch depressiv und trinken deswegen im Februar noch mehr. Es ist ein Teufelskreis." Und genau darin liegt das Problem. Trinken ist so in unsere Kultur verwoben, dass uns sogar beim Friseur ein Glas Prosecco angeboten wird und das Wort Gin Teil jeder Beschreibung auf Dating-Apps zu sein scheint. Deutschland ist ein Hochkonsumland, was Alkohol betrifft. 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Familien mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil auf. 202 Menschen sterben Schätzungen zufolge in Deutschland jeden Tag an den Folgen ihres riskanten Alkoholkonsums.

Ja, es gibt viele Stereotype rund um Alkohol und viele Menschen glauben, dass sie auf der sicheren Seite seien, wenn sie nicht rund um die Uhr Alkohol konsumieren. Doch dem ist nicht so. Laut der Charity Drinkaware erhöhen ein oder zwei starke Binge-Tage pro Woche die Chancen, an Krebs zu erkranken. Für viele von uns ist der Alkohol-Absturz so normal wie eine Tasse Tee. Judith, eine 20-jährige Studentin stimmt dem zu. "In einer sozialen Situation fällt es einfach, davon überzeugt zu werden. Und wenn ich einmal betrunken bin, kenne ich mein Limit nicht mehr", sagt sie weiter. "Das macht mir echt Angst und trotzdem höre ich nicht damit auf."

Woman with a glass of white wine
Still aus 'Girls Who Drink' von Lily Rose Thomas.

Der Dry January kann wirklich schwierig für Menschen sein, die ein Problem mit Alkohol haben. Heather Hayes, Beraterin mit Fachkenntnis im Bereich Abhängigkeitserkrankungen trifft es auf den Punkt: "Wenn du nicht abhängig bist, ist der Dry January eine großartige Idee, aber wenn du es bist, macht es keinen Unterschied, ob es der Dry January, Dry March oder Dry June ist." Auch Dr. Richard Piper, CEO von Alcohol Change hat eine hoffnungsvolle Botschaft. "Das Großartige am Dry January ist, dass es nicht wirklich um den Januar geht", erklärt er i-D. "31 Tage lang keinen Alkohol zu konsumieren, zeigt uns, dass wir keinen Alkohol brauchen, um Spaß zu haben, uns zu entspannen oder sozial zu sein."

"Ich hoffe immer, dass der Dry January mein Verhältnis zu Alkohol für den Rest des Jahres verändern wird. Aber so funktioniert das nicht und ich fühle mich jedes Mal, als ob ich die Rückkehr zu meinen schlechten Gewohnheiten einfach nur aufschiebe."

Auch mit den besten Absichten, ist es leichter gesagt als getan. Mike, 29, sagt: "Ich hoffe immer, dass der Dry January mein Verhältnis zu Alkohol für den Rest des Jahres verändern wird, weil ich mir selbst beigebracht habe, dass ich an einem Freitag ins Kino oder in eine Bar gehen und eine Cola trinken kann. Warum also Alkohol nicht für besondere Anlässe aufsparen, einmal im Monat oder nur ein paar Drinks an einem Abend konsumieren? Aber so funktioniert das nicht und ich fühle mich jedes Mal, als ob ich die Rückkehr zu meinen schlechten Gewohnheiten einfach nur aufschiebe."

Natürlich kann der Dry January ein Start sein, aber es ist schwierig, dass er sich auf das ganze Jahr auswirkt. Trotzdem ist es ein gutes Zeichen, dass unsere Binge-Drinking-Kultur in die richtige, gesündere Richtung gelenkt wird. Es ist mehr als offensichtlich, dass sich unsere kollektive, häufig verharmlosende Haltung zum Trinken ändern sollte und die Öffentlichkeit öfter darüber sprechen sollte als im Januar des neuen Jahres.

Wenn du selbst – oder einer deiner Angehörigen – ein Suchtproblem haben sollte und Hilfe braucht: Es gibt Hilfsangebote wie die bundesweite Sucht- und Drogen-Hotline 01805 - 31 30 31. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der deutschen Drogenberatung.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.