Dieses female/non-binary DJ-Kollektiv will mehr Diversität in Berliner Clubs

"No Shade" krempelt das Nachtleben der deutschen Hauptstadt um. Rave für Rave.

|
08 November 2018, 1:48pm

Denkt man an Berlin, schießt einem unweigerlich das Wort "Techno" in den Kopf – dicht gefolgt von Namen weißer, männlicher DJs. Das soll sich jetzt ändern! Dafür bedanken, kannst du dich bei DJ-Kollektiv, Workshop und Clubnacht No Shade. Sie hauchen dem Berliner Nachtleben die längst überfällige Dosis Diversity, Dynamik und Queerness ein, für die die deutsche Hauptstadt eigentlich bereits stehen sollte. Die Mission von No Shade ist einfach erklärt: Es geht nicht nur darum, Normen zu widersprechen, sondern auch neue Talente mit Equipment und Know-how zu versorgen, damit diese erfolgreich in der Industrie arbeiten können. Neben ihrer Aufgabe als Kollektiv bietet No Shade nämlich einen monatlichen Workshop an, bei dem den Teilnehmenden ein intensives Training geboten wird. Im Anschluss schmeißen sie eine Party mit ihren Neuentdeckungen im Line-up.


Auch auf i-D: Wir haben Linnéa, Mitbegründerin von No Shade, bereits getroffen


"Wir wollen uns auf weibliche, trans und non-binary DJ-Anfänger für das Mentoring-Programm konzentrieren, als lokaler Versuch gegen das derzeitige Gender-Ungleichgewicht in der Branche anzugehen”, sagt Mitbegründerin Linnea Palmestål. "Eine weitere große Motivation war die Frustration über die Einschränkungen in meinen Anfängen als DJ – ich hatte keinen Zugang zu neuem Equipment, um regelmäßig zu üben und auch keinen wirklichen Mentor."

Berlin ist eine der Städte mit der weltweit größten musikalischen Konkurrenz. Umso wichtiger erscheint die Mission von No Shade, den Erfolg unterrepräsentierter Gruppen zu unterstützen. i-D hat das Kollektiv getroffen, um mehr über die Zukunft der Berliner Tanzflächen zu erfahren.

Linnea No Shade

LINNÉA, 27

Was machst du? Ich bin DJ und Produzentin, Mentorin und Mitbegründerin von No Shade. Woher kommst du? Göteborg, Schweden. Was ist das Besondere an No Shade? Dein Wissen zu teilen und zu der Entwicklung anderer beizutragen. Jemandem das nötige Werkzeug zu geben, um ihnen Monate – wenn nicht sogar Jahre – voller Verwirrung und unnötig komplizierter Prozesse zu ersparen. Was wünscht du dir für die Zukunft eures Kollektivs? Ich hoffe wirklich, dass wir unsere intimen und freundschaftlichen Vibes behalten, auch wenn wir als Kollektiv wachsen. Und ich wünsche mir, dass unsere neuen Talente, selbst unterrichten wollen. Es wäre toll, wenn sich eigenständige Untergruppen innerhalb des Kollektivs entwickeln würden. Und natürlich auch, dass No Shade in anderen Städten und Ländern wachsen würde. Welchen Rat möchtest du aufstrebenden femme/non-binary/trans DJs mit auf den Weg geben? Sich stark und unabhängig zu fühlen, indem sie Dinge selbst schaffen. Wenn es sich zu überwältigend anfühlt und du denkst, du schaffst das alles nicht mehr alleine, schrecke nicht davor zurück, nach Hilfe zu fragen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, schließlich gibt es so viele Dinge, die ohne fremde Hilfe niemals funktioniert hätten.

@linnea

Bad Juju No Shade

Bad Juju, 27

Was machst du? Ich bin VJ und Digital Designer. Woher kommst du? Stettin, Polen. Wie würdest du deine Ästhetik beschreiben? Ernst und albern zugleich. Ich bewege mich zwischen hyperrealen, glänzenden Dingen und solchen, die schrecklich billig aussehen – wie Höhlengemälde aus dem Digitalen Zeitalter. Welche Inspiration steckt dahinter? Gerade stehe ich total auf alte Cartoons und bin besessen von den Mumins. Ich stelle gerne europäische Texte japanischen Animationen und Sound Design gegenüber – das verleiht dem Ganzen etwas Unheimliches. Um es kurz zu machen: Future Tech Stuff, alte Alien-Dokus, Höhlenmalerei, Clickbait-Game-Ads, Instagram-Feeds von Hunden und schlechtes Graffiti gehören definitiv dazu. Was wünscht du dir für die Berliner Clubkultur in den nächsten fünf Jahren? Ich hoffe wirklich, dass sie noch diverser, inklusiver und verrückter wird. Das typische Club-Party-Format soll neue Dimensionen annehmen und sich zu einem Fest für alle Sinne entwickeln. Was passiert gerade in Berlin, von dem wir wissen sollten? Gerade gibt es eine super Ausstellung, Pallettes von RuoHan Wang und Zebu, in der Weserhalle. Und weil der Winter naht, bleibt dir eigentlich sonst nicht viel anderes übrig, als dir eine SAD Lampe zu holen.

@itsbadjuju

Panasiangirl No Shade

Panasiagirl, 25

Was machst du? Ich bin DJ und Künstlerin. Woher kommst du? Singapur. Wie klingt dein Sound? Dark, nostalgisch, sexy – Rave-Musik, die dich gleichzeitig tanzen und weinen lässt. Wer sind deine musikalischen Einflüsse? Ich bin mit einer sehr strengen asiatischen Mutter aufgewachsen, deswegen war westliche Musik oft tabu für mich. Ich erinnere mich noch, wie ich mir das berühmt-berüchtigte Album von t.a.T.u gekauft und nach Hause geschmuggelt habe. Gerade fühle ich mich sehr von meinen asiatischen Wurzeln inspiriert und habe mir eine Platte von einer Künstlerin aus Malaysia geholt namens Junainah, die zufälligerweise damals eine der Lieblingssängerinnen meiner Mutter war. Was macht No Shade so besonders? Die Stärke und der Support einer Crew voller badass femme und non-binary DJs, die gerade dabei sind, die Klubkultur zu verändern. Was erhoffst du dir von der Berliner Clubkultur in den nächsten fünf Jahren? Dass sie ein sicherer Ort voller positiver Energie ist, wo jedes Gender, jede Hautfarbe und jede sexuelle Orientierung zusammen tanzt.

@panasiagirl

Sara Fumaca No Shade

Sara Fumaça, 28

Was machst du? Ich bin Visual Artist und DJ. Woher kommst du? Porto, Portugal. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Ich spiele die meiste Zeit Sachen aus meinem Heimatland und mische sie mit viel Bass. Ich bringe gerne Ärsche zum Tanzen und Körper näher zusammen. Meine DJ-Sets sind frei und laut. Was macht No Shade so besonders? Wir unterstützen einander dabei, einen Schritt weiter zu gehen – ohne Erwartungen oder Verurteilung. Jede hilft dabei, einen Safe Space zu kreieren, wo wir uns alle erforschen und herausfordern können, diskutieren und auf neue Ideen kommen, kreativ sind und neue Fähigkeiten lernen, Grenzen erforschen und Spaß haben! Was wünscht du dir für die Berliner Clubkultur in den nächsten fünf Jahren? Ich hoffe, sie wird freundlicher und inklusiver. Was passiert gerade in Berlin, von dem wir wissen sollten? Gesetze werden strenger und Bestrafungen härter.

@sarafumaca

Kikelomo

Kikelomo, 24

Was machst du? Ich bin DJ und Moderatorin. Woher kommst du? London. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Eklektisch. Ich spiele alles – von Trap bis Bass, Grime, HipHop und Techno. Ich mag es, die Leute zum Tanzen zu bewegen. Wer sind deine musikalischen Einflüsse? Ich kann mich nicht nur auf einen festlegen. Ich fühle mich jeden Tag inspiriert. Sogar, wenn ich einfach nur anderen DJs beim Auflegen zusehe und mir anschaue, wie sie mit dem Publikum interagieren, ihr Equipment benutzen und ihre Track-Auswahl treffen. Deswegen zählt B2B zu spielen auch zu eine meiner Lieblingsbeschäftigungen als DJ. Was wünscht du dir für die Berliner Clubkultur in den nächsten fünf Jahren? Ich hoffe, dass die Diversität, die sich gerade in einigen wenigen Underground-Partys entfaltet, seinen Weg in den Mainstream findet. Damit meine ich Gender, Ethnizität, Body Type und Sexualität – ein Reichtum an Menschen mit verschiedenen Backgrounds bringt die Kultur zum Blühen.

@kelomo

Perifa No Shade

PERÍFA, 29

Was machst du? Ich bin DJ und Produzentin. Woher kommst du? Porto Alegre, Brasilien. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Er ist ein Mix aus allem – so wie ich. Eine Kombination aus konventionell und unkonventionell. Ich vermische gerne internationale Sounds mit lateinamerikanischen und brasilianischen Elementen. Wer sind deine musikalischen Einflüsse? Brasilien ist reich an Musik und Rhythmus und hat allgemein eine sehr musikalische Kultur. Zu meinen Basics gehören definitiv HipHop, Rap, R’n’B und brasilianischer Funk. Was macht No Shade so besonders? No Shade entzieht sich in seiner Definition und Praxis dem Status Quo der Szene. Ein Kollektiv, das nur aus sich als female/non-binary identifizierenden Menschen besteht in einer Szene, die progressiv, aber immer noch von Männern dominiert wird. Techno ist weit vertreten in der Berliner Club-Szene, aber es gibt weitaus mehr als nur das. Wir sind sehr Genre offen. Was passiert gerade in Berlin, von dem wir wissen sollten? Gentrifizierung und kollektive Bemühungen dagegen.

@perifaxx

Ace of Diamonds No Shade

Ace of Diamonds, 27

Was machst du? Ich bin DJ. Woher kommst du? Berlin. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Ich konzentriere mich aufs Tanzen und mische alles, damit du so richtig abgehen kannst. Ich spiele ausschließlich Clubmusik. Was macht No Shade so besonders? Dass es eine Clubkultur entwickelt, die über Techno hinausgeht. Dass wir Künstler unterstützen, denen es in bestehenden Strukturen schwer fällt, sich einen eigenen Namen zu machen. Und, indem wir ein diverses Publikum ansprechen. Was muss sich im Berliner Nachtleben verändern? Ich hoffe, dass es bald Clubnächte und Events gibt, die mehr Raum für unterrepräsentierte Identitäten bieten.

@ace_of_diamond_s

Grinder Teeth

Grinder Teeth, 29

Was machst du? Ich bin Live-Artist und Projektmanagerin. Woher kommst du? Grinder, Norwegen. Wie bist du mit No Shade in Kontakt gekommen? Ich kam erst etwas später dazu. Linnea hat mich in das Projekt geholt, aber ich war immer schon Teil von feministischen Projekten, um Räume zu erschaffen, die mir selbst gefehlt haben, als ich aufgewachsen bin. Was ist das Schönste an deinem Beruf? Dass ich zu diesem Kollektiv gehöre, mit so vielen unglaublich kreativen Menschen abhänge und zusammenarbeite und dass unser Projekt erfolgreich ist. Welchen Ratschlag würdest du jedem angehenden DJ ans Herz legen? Sei fokussiert. Es ist okay, zwischendurch eine Bitch zu sein, deinen Wert zu kennen und Konfrontationen und Ängste herauszufordern. Konzentriere dich darauf, was du möchtest und investiere die nötige Arbeit.

@grinderteeth

Auco

AUCO, 22

Was machst du? Ich bin DJ. Woher kommst du? London. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Dunkel, verspielt, unvorhersehbar. Wer sind deine musikalischen Vorbilder? Momentan mag ich Slikback ziemlich gerne. Aber diesen Monat habe ich auch viel Fatima Al Qadiri, Dean Blunt und "It's On" von Juicy J gehört. Was macht No Shade so besonders? Es ist wie eine echte Familie, hier habe ich einige Freunde fürs Leben gefunden. Was sollte sich in den nächsten fünf Jahren im Berliner Nachtleben verändern? Ich hoffe, es wird bunter.

@auco_co

Hunni'd Jaws

Hunni’d Jaws, 28

Was machst du? Ich bin Produzentin, Provokateurin und DJ. Woher kommst du? New York City. Was hat dich zu No Shade inspiriert? Ich wollte mich enger mit meinen lokalen, talentierten Freunden verbinden und mehr Leuten eine Möglichkeit eröffnen. Es war sehr organisch. Welcher Teil deiner Arbeit gibt dir am meisten? Menschen etwas beizubringen – zum Beispiel das Zählen im Takt beim Auflegen. Gleichzeitig ist es aber auch der schwierigste Teil. Wie soll sich No Shade in den nächsten Jahren entwickeln? Ich möchte mit mehr Künstlern kooperieren, Events mit einer Vielfalt musikalischer Genre organisieren und entweder ein Festival kuratieren oder direkt unser eigenes auf die Beine stellen. Welchen Ratschlag würdest du jungen femme/non-binary/trans DJs geben? Gib' alles während deines Sets.

@lele_hunnid

Foresta DJ

FORESTA, 25

Was machst du? Ich bin DJ und Junior Label Manager bei Beatport. Woher kommst du? Izmir, Türkei. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Bass-lastig, rastlos und vielfältig. Wer sind deine musikalischen Einflüsse? Für mich ist es leichter zu sagen, wo statt wer. Ich hatte nie Idole oder "Top Drei". Es gibt so viele großartige Künstler da draußen! Die Sounds von Bristol und London waren immer meine Lieblinge. Was macht No Shade so besonders? Dass wir ein Trainingsprogramm anbieten – und ein Kollektiv sind. Außerdem mag ich, wie divers unsere Herkünfte sind und es unsere Gemeinsamkeiten sind, die uns zusammenbringen. Es ist wirklich bunt hier! Was sollte sich im Berliner Nachtleben ändern? Mehr Gunfinger! Was sollte jeder über Berlin wissen? Es gibt so viele junge Kollektive und Partys, die neue Club-Sounds und jede Menge Bass nach Berlin bringen. Der Underground wächst!

@foresta___

Polymaze

Poly Maze, 23

Was machst du? Ich bin DJ. Woher kommst du? Hamburg. Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Euphorisch und sentimental. Wer sind deine musikalischen Einflüsse? Blümchen, Chief Keef, Daniel Johnston, Future, Hot Sugar, Scott Brown und Young Thug. Was macht No Shade besonders? Unser Programm ist zugänglich für jeden. Es gibt keine Gebühr, es geht nicht darum, wen du kennst, du kannst an den CDJs üben oder sogar bei einem Event spielen. Was passiert gerade in Berlin wovon wir wissen sollten? Ich habe mich sehr auf das Dice Festival und Konferenz gefreut. Abgesehen davon, möchte ich einen großen Shoutout geben an Strip Down, New World Dysorder und Foryoukatrina.

@1polymaze

1541535584610-ceekayin2u-carmel

Ceekayin2u, 30

Was machst du? Ich bin Mitbegründerin von No Shade, DJ und Mutter. Woher kommst du? Tallinn, Estland. Was ist die größte Schwierigkeit in deinem Job? Unsere Integrität und unseren persönlichen Touch trotz unseres Wachstums nicht zu verlieren. Wie hoffst du, dass sich No Shade in den kommenden Jahren entwickeln wird? Ich hoffe, dass wir uns als DJs und Produzentinnen neuen Herausforderungen stellen werden und der lokalen Szene weiterhin etwas Neues und Frisches liefern können. Dass wir relevant bleiben. Dass wir uns ausweiten, neue Kontakte und weltweite Partnerschaften kreieren, mit denen wir zusammenarbeiten können. Welchen Ratschlag würdest du jungen femme/non-binary/trans DJs geben? All die Klassiker: Stelle dich selbst nie in Frage, lasse dir nicht die Schau stehlen, sei du selbst, übe, verbessere dich, experimentiere und gehe deinen eigenen Weg. Aus einer professionellen Sicht: Habe eine positive Attitüde, beantworte deine Mails, werde niemals faul, denn es steht schon der Nächste in den Startlöchern, der deinen Gig spielen wird. No Shade.

@ceekayin2u