Still aus Fukk Sleep von A$AP Rocky und FKA Twigs

Wie HipHop die Modeindustrie für immer verändert hat

A$AP Rocky, Young Thug und Nicki Minaj haben experimentelle Mode zu einem integralen Teil der neuen HipHop-Szene gemacht.

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Dez. 18 2018, 2:31pm

Still aus Fukk Sleep von A$AP Rocky und FKA Twigs

Als ich das Video zu Fukk Sleep von A$AP Rocky und FKA Twigs zum ersten Mal gesehen habe, fing ich an, innerlich zu beten: Bitte lass' es kein banaler, sinnentleerter Modefilm werden. Ein Clip, dem alle Narrative und Inhalte entzogen werden, damit einzig und allein die Mode brillieren kann. Viel zu leicht gehen Künstler in einer Flut Aufsehen erregender Klamotten unter ... Das war hier nicht der Fall – im Gegenteil. Das Styling hilft eine Geschichte zu unterstreichen, jeder Look könnte einem Underground-Magazin entsprungen sein.

Da war zum Beispiel ein Feuerwehrmantel von Raf Simons für Calvin Klein, rote Latex-Handschuhe, ein gelbes Balaklava von Raf Simons und Paillettenshorts von Comme Des Garçons. Es gab Schlangenlederhosen und Wanderstiefel von Alyx. Und Rockys mittlerweile legendäre Interpretation eines Kopftuchs. Alles wirkte so, als hätte Vetements- und Balenciaga-Stylistin Lotta Volkova ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Nur war es noch interessanter, rebellischer. Es brach mit binären Bekleidungskonstrukten und wirkte wie ein Mode-Editorial.

Das letzte Video, das so einen Effekt auf mich hatte, war Rihannas Bitch Better Have My Money, das von Mel Ottenberg gestylt wurde – der Mann, der dafür mitverantwortlich ist, dass alles, was sie trägt, umgehend imitiert wird. Bei Fukk Sleep erschufen Matthew Hanson, der Stylist von A$AP Rocky, und Matthew Joseph, der die Looks für Twigs kreiert, eine ganz eigene Modewelt. Doch beide Videos schafften es, die richtige Balance zu halten zwischen Mode und Inhalt, sodass die Gefahr eliminiert wurde, ein vierminütiger Werbefilm zu werden. Genau wie dieses ikonische Couple: Beyoncé und Jay Z, die bei ihrem Dreh zu Apes**t das Louvre in Doppelgänger-Looks einnahmen.

Aber Mode und HipHop waren schon immer ein unschlagbares Doppel. Man denke nur an Busta Rhymes Pass The Courvoisier aus dem Jahr 2001 oder Lil Pumps Gucci Gang. Produktnamen und Brands werden seit jeher in den Lyrics gedroppt, ein bei weitem kein neues Phänomen – seit fast zwei Jahrzehnten ist es ein fester Bestandteil der Szene.

Letztens habe ich mit meinem Neffen telefoniert. Mit großer Leidenschaft verfolgt er die HipHop-Szene. Ich fragte ihn, was er davon halten würde, dass Luxusgüter so selbstverständlich in den Texten erwähnt werden. Er gab zu, dass er darauf gar nicht achten würde, da sie omnipräsent seien. Ein Fisch schenkt dem Wasser schließlich auch keine Beachtung. Und das stimmt, es ist ein Teil des Narrativs, sich durch seine Erfolge, Anstrengungen und Ambitionen zu profilieren. Es gehört dazu, teure Uhren, Luxusmarken und andere Statussymbole zu thematisieren.

Im HipHop treffen Authentizität, Ehrlichkeit und autobiografische Elemente aufeinander. Wenn du Beef hast mit einem anderen Künstler, gibt es einen Diss-Track. Wenn du nicht in der Hood lebst, solltest du darüber besser nicht rappen. Wenn Nicki Minaj über Chanel rappt, ist es wiederum okay, weil sie die Handtaschen aus den Limited Editions geschenkt bekommt. Nostalgischen Gangsta-Rap-Fans gefällt das vielleicht nicht ganz so gut, sie hoffen noch immer auf Lieder über Gewalt in der Hood. Das denunziert nicht nur die Künstler, sondern auch ihre kreative Freiheit.

In dem renommierten Buch Noise: The Political Economy of Music behandelt der Autor Jacques Attali die Bedeutung und Entwicklung Afro-Amerikanischer Musik. In einer Passage über Free Jazz eröffnet er einen Gedankengang, der auch auf die heutige HipHop-Industrie anwendbar scheint: "The black people of America have adopted a more 'reflective' political position ... It's unwise to take needless risks, to make yourself obvious, to mouth off on television. That makes us vulnerable on every level, easily identified by reactionary forces."

Musik dient demnach nicht nur dem Zweck der Unterhaltung oder ein Image aufzubauen, sondern wird auch aus politischen Gründen genutzt, um Haltung zu beziehen. In einer Gesellschaft, die dir ansonsten wenig bis gar keine Plattform bietet – oder dich dafür bestraft, wenn du "zu" offensiv agierst. Musik war schon immer unmittelbar mit der African-American Community verbunden: Afrikanische Sklaven, die nach Amerika gebracht wurden, nutzten Musik, um untereinander geheime Nachrichten weiterzugeben. Ihre ahnungslosen weißen Besitzer verstanden es nicht und sahen es als reine Form des Entertainments an ...

Mit dem Siegeszug von Social Media gewannen Künstler größere Unabhängigkeit und Kontrolle. Sie können frei(er) über ihre Image und ihren Stil entscheiden. Welche Seiten ihres Privatlebens sie auf Instagram zeigen wollen, welche Outfits sie tragen und welche Brands sie unterstützen. Ihre Entscheidungen beeinflussen uns, die Öffentlichkeit, genauso wie die Modeindustrie. Social Media hat einen Wandel der Macht hervorgerufen. Während vorher Modepublikationen dominierten, sind sie durch soziale Medien mehr oder weniger obsolet geworden.

HipHop-Künstler haben sich zu Modeikonen entwickelt, die von der jüngeren Generation bewundert und imitiert werden. Der Einfluss von Streetwear und HipHop auf die Industrie kann nicht negliert werden. Bestes Beispiel: Virgil Ablohs Debüt-Show für Louis Vuitton Men, bei der die Künstler nicht nur für mediale Zwecke in der Front Row saßen, sondern auch in der Show liefen.

HipHop erlaubt den Menschen, ihre Fantasien von Exzess, Hedonismus und Erfolg auszuleben – selbst wenn diese Vorstellung nur bis zum Ende eines Songs dauert. Genauso spielt auch die Modeindustrie mit diesen Träumen, wenn sie für die Länge einer Modenschau eine Parallelwelt kreiert.


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Rapper sprechen über Verbrechen, Sex, Rassismus und Geld. Kurz: All die Dinge, die in der westlichen Gesellschaft zu wenig diskutiert werden. Im besten Fall setzen sie sich sogar mit Politik, Gender-Identitäten und Religion auseinander, stellen den Status Quo in Frage und kreieren Selbstbewusstsein durch Repräsentation. Sie zeigen ihrem Publikum, wie sie ihr Inneres durch Kleidung nach außen tragen können. Heute leben wir so stark wie nie zuvor in einer visuellen Kultur – Mode wurde dabei zum Kommunikationsmittel.

Diesen Wandel hat auch die Industrie verstanden und passt sich Schritt für Schritt an die Bedürfnisse einer Generation an, die die Ungezwungenheit und Realitätsnähe der Streetwear liebt und lebt. Luxusunternehmen sind abhängig von der Kaufkraft und dem Einfluss der Millennials – so fallen ihre Produkte in Musikvideos gar nicht weiter auf, da viele der Teile den Stil, die Silhouetten und die Attitüde widerspiegeln, die ihren Ursprung in eben dieser Szene haben. Dieses Umdenken zeigte sich als Gucci mit Dapper Dan zusammenarbeitete, um den Modeschöpfer nicht nur zu zitieren (dafür hatten sie zuvor einen Shitstorm eingeheimst), sondern sein Werk authentisch zu zelebrieren.

A$AP Rocky erkundet seit Langem die Möglichkeiten traditioneller Avantgarde-Kleidung. Young Thug nutzt Mode, um die binären Geschlechtergrenzen herauszufordern und das Machotum des Mainstream-HipHops zu provozieren. Pusha T trägt maßgeschneiderte Craig Green Designs, Lil Uzi Vert sieht aus wie ein Mall Goth und Travis Scott ist in Saint-Laurent-Kampagnen zu sehen. Kanye bekommt noch mal ein eigenes Kapitel. Diese Musiker haben unsere Kultur verändert und experimentelle Mode zu einem integralen Bestandteil der neuen HipHop-Szene werden lassen.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.