Hast du dich jemals gefragt, wie deine Ex-Freunde dich sehen?

Für ihr neues Buch 'Älskling' hat sich Fotografin Jenny Rova mit neun ihrer verflossenen Lover getroffen.

von John Buckley
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09 April 2019, 8:39am

"Man spricht es elle-skling aus", erklärt Jenny Rova, nachdem ich zum vierten Mal kläglich daran gescheitert bin. Bilder aus 25 Jahren sind in ihrem neuen Buch Älskling zu bestaunen, 55 Selbstporträts geschossen aus der Perspektive ihrer Ex-Freunde. Es sind chronologisch geordnete Erinnerungen, die den Betrachter mit einer Anomalie von Emotionen und Situationen konfrontieren – und das alles durch die Augen von neun ihrer damaligen Lover. Von der wirklich großen Liebe bis zu austauschbaren One Night Stands: Älskling ist brutal ehrlich und überlässt nichts der Fantasie.

Für i-D gibt die Fotografin einen Einblick in die Reise in ihre Vergangenheit.

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Fallen wir doch gleich mit der Tür ins Haus: Woher kommt deine Faszination für das Intime?
Ich komme aus der Dokumentarfotografie, das habe ich auch in Prag studiert. Als ich in die Schweiz gezogen bin, habe ich es plötzlich verlernt, die Leute um mich herum lesen zu können. Ich weiß nicht, ob du je in der Schweiz warst, aber die Menschen hier sind sehr sauber und nett. Das hat das Ganze fast unmöglich für mich gemacht. Zu dieser Zeit konnte ich nicht arbeiten, dadurch hatten wir auch kein Geld, meinen Sohn in die Kita zu bringen. Also musste ich erfinderisch werden und habe angefangen, mit dem zu arbeiten, was mich in meinen vier Wänden umgeben hat.

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Und wann bist du auf die Idee zu Älskling gekommen?
Das war ein bisschen dem Zufall geschuldet. Ich bin durch mein Archiv gegangen und bin auf ein paar dieser Bilder gestoßen. Eigentlich war ich auf der Suche nach ganz anderen Negativen, bis ich dann welche fand, die meine Ex-Freunde von mir gemacht haben.

Wie hast du dich gefühlt, als du deine Ex-Liebhaber wieder kontaktiert hast, um an die Original-Fotos zu kommen?
Ein paar konnte ich tatsächlich nicht finden. Von einem wusste ich zum Beispiel nur, dass er Ian heißt und aus Kanada kommt. Ein anderer ist leider bereits verstorben. Und dann gab es noch einen, dessen Ex-Frau ihm verweigerte, in die alte Wohnung zu kommen, in der die anderen Negative noch herumlagen. Wieder ein anderer war nahezu unauffindbar, als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Nach sehr langem Suchen habe ich ihn dann endlich ausfindig machen können – und er war wirklich glücklich, an meiner Serie teilzunehmen. Er hat seinen Beruf gewechselt, ist nicht auf Social Media und wollte auch, dass keiner weiß, wo er sich aufhält. Ich habe mich sechs Monate lang wie eine Detektivin gefühlt, bis ich diese ganzen sehr unterschiedlichen Geschichten nach und nach zusammengeklaubt habe.

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Deine erste große Liebe hat dir das Fotografieren beigebracht. Wie viel von ihm steckt in deiner Arbeit?
Er war ein Fotograf aus dem Iran, der viele Jahre in Stockholm gelebt hatte. Eigentlich ist das eine ziemlich lustige Geschichte, weil er noch eine andere Frau neben mir hatte ... das wusste ich zu der Zeit aber nicht. Es stellte sich heraus, dass er sich ein bisschen Geld dazu verdienen wollte, indem er seine Kameraausrüstung verkauft. Er brauchte es, um die anderen Frau finanziell zu unterstützen, weil sie schwanger von ihm war. Also verkaufte er mir seine Kamera und Dunkelkammer. Ich hatte wirklich Gefallen daran gefunden und bewarb mich an einer Schule für Fotografie. Selbst dabei unterstützte er mich und ich wurde angenommen. Ich würde also behaupten, dass er mein Mentor war, durch ihn habe ich die Liebe zur Fotografie gefunden.

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In deinen Arbeiten zeigst du sowohl die guten als auch schlechten Seiten. Mit Absicht?
Ich habe das nie wirklich artikuliert, aber als ich die Serie bearbeitet habe, wollte ich zwei Dinge erreichen. Erstens, dass jeder darin zu sehen war und zweitens, dass die Bilder so nah an der eigentlichen Beziehung sind wie nur möglich. Damit meine ich, dass ich mich nicht einfach nur für "die besten Bilder" entscheiden wollte – es sollte nah an der Realität sein. Einige waren aggressiv, andere sexueller aufgeladen. Du kannst in dem Buch genau beobachten, wie ich mich weiterentwickle, weil du unterschiedliche Gefühle und Themen in den Bildern erkennen kannst.

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Hat sich deine Sichtweise auf deine damaligen Beziehungen durch dieses Projekt verändert?
Es war eine tolle Möglichkeit, alles zu verstehen, das mir im Leben passiert ist. Manchmal auf ziemlich sarkastische Art und Weise. Nachdem ich Älskling finalisiert habe, habe ich mich so unglaublich erschöpft gefühlt. Mir all diese Fotos nochmal anzuschauen war lustig und schmerzhaft zugleich. Sie reichen teilweise so lange zurück, dass ich realisiert habe, dass mit dem Alter bestimmte Dinge nicht mehr möglich sind. Du wirst mit deinen Fehlern konfrontiert ... und mit all dem, das nicht funktioniert hat. Doch danach fühlst du dich OK. Nach nur zehn Minuten Gequatsche mit meinen Ex-Freunden wusste ich wieder, warum es einfach nicht funktioniert hat – daran hat sich auch heute nichts geändert.

@jenny_rova

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Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der australischen Redaktion.

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