Foto: Collage via i-D UK

Popmusik wird immer trauriger, sagen Forscher

Warum fühlen wir uns von Melancholie so angezogen?

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Juni 5 2018, 1:35pm

Foto: Collage via i-D UK

In der Popmusik fließen Tränen, zerbrechen Herzen, werden sexualisierte Gewalt und kaputte Familien besungen. Popmusik wird immer trauriger – das sagen zumindest Forscher der University of California. Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 500.000 Songs ausgewertet, die in den letzten 30 Jahren im Vereinigten Königreich veröffentlicht wurden. Demnach haben Songs mit Schlagworten wie "Happiness" (dt. "Glück") oder "Brightness" (dt. "Fröhlichkeit") abgenommen, wohingegen Songs mit Schlagworten wie "Sadness" (dt. Traurigkeit) zugenommen haben. Gemessen wurde über das akustische Timbre des Songs, seine Tanzbarkeit, Stimmung und anhand seiner Lyrics. Aber ist das wirklich so? Entstehen nur noch traurige Songs? Und sind wir wirklich ständig traurig?


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"Bisher galt der Grundsatz: In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit suchen die Menschen Zuflucht in Songs mit positiven Inhalten", sagt Nate Sloan, Musikwissenschaftler und Co-Moderator des Popmusik-Podcasts Switched on Pop. "Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er, gab es eine hohe Anzahl fröhlicher Lieder. Und umgekehrt: In Zeiten politischer Stabilität haben wir mehr Lust auf traurige Lieder."

Demnach sollten Pop-Songs heutzutage fröhlicher sein, doch das Gegenteil ist der Fall. Laut den Forschern sind traurige Songs aber nicht die beliebtesten. Die Mehrheit bevorzugt nach wie vor fröhlichere Lieder. Laut der Studie liegt der Unterschied darin, dass nicht mehr genug fröhliche Gute-Laune-Songs wie früher veröffentlicht werden.

In der Popmusik wird heute häufiger zwischen den traditionell als fröhlich geltenden Dur-Tonarten und den als traditionell trauriger geltenden Moll-Tonarten hin und her gewechselt. Ethan Hein, Musikprofessor an der New York University, erklärt das Phänomen damit, dass die Songs so "offener" erscheinen würden. Katy Perrys "Teenage Dream" ist das perfekte Beispiel dafür. Der Song verweigert seinen Hörern das vertraute Ton-Schema, wodurch Spannung entsteht.

Weitere Beispiel für den Wechsel zwischen Moll- und Dur-Tonarten sind "Can’t Feel My Face" von The Weeknd und Drakes "Started From the Bottom". "Beide Songs verfügen über die Doppeldeutigkeit, die es schwierig macht, moderne Popmusik als explizit glücklich oder traurig einzustufen", so Hein. "Auf der einen Seite scheint Drakes Song fröhlich zu sein, auf der anderen wirkt der Sound durch die Moll-Tonart gedrückt. Das sorgt für Melancholie."

Diese Doppeldeutigkeit ist nicht nur auf Pop und HipHop beschränkt. Sie findet sich auch in vielen EDM-Titeln wie "Titanium" von Sia und David Guetta wieder, ein sogenannter "Melancholic Banger". Auch Robyns "Dancing on My Own" und Girls Alouds "Call the Shots" gehören zur Kategorie "clubtaugliche Hits, die nicht wirklich fröhlich sind".

"Musik hat einen großen Einfluss darauf, wie wir die Welt wahrnehmen", sagt Nate Sloan. "In Momenten besonderer emotionaler Intensität (wie nach einer Trennung) entstehen neurologische Verbindungen im Hirn. Wir assoziieren deswegen einen bestimmten Song mit einem Gefühlszustand." Liegt hier der Schlüssel für den Erfolg trauriger Musik? "Wenn man eine beschissene Zeit durchmacht, möchte man sich verbinden", sagt Emma Jay Marsh, A&R Consultant für Polydor Records und San Remo Music Management. "Man denkt sich 'Ich fühle ich mich genau wie in diesem Song'." In einer schwierigen Lebenslage kann man sich besonders isoliert oder alleine fühlen. Musik wirkt in solchen Momenten wie eine billige Therapie.

"Es ist eine Art von Traurigkeit, mit der man umgehen kann; die einen irgendwie aufrichtet", sagt Autorin Claire Biddles. Können sich Musiker etwa stärker mit ihren Gefühlen auseinandersetzen als der Rest von uns? Jenseits von fröhlich und traurig gibt es noch sehr viel. Alles ist demnach subjektiv. Jeder Mensch geht anders damit um.

Wie Sufjan Stevens mit seinem sanften Soundtrack "Mystery of Love" für Call Me By Your Name bewiesen hat. Dank seiner Stimme strahlt der Song eine unglaubliche Melancholie aus, egal welche Worte er singen würde. In Verbindung mit der herzzerreißenden Handlung macht gerade der Soundtrack die Magie des Films aus – und das nicht unbedingt, weil er traurig ist.

Kein Mensch ist immer nur glücklich und genauso wenig sind wir immer nur traurig. Die Popmusik passt sich an diese einfache Wahrheit an. Sie versucht, die Komplexität menschlicher Gefühlswelten besser zu verstehen. Dass eine Träne deine Wange herunterkullert, ist heute kein Zeichen mehr von Schwäche. Weinen kann verdammt nochmal gut tun!