Wie die King Culture gängige Geschlechtervorstellungen infrage stellt

Benjamin Butch führt uns durch die wachsende Kunstlandschaft der King-Performance.

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Sep. 12 2017, 8:53am

In unserer Themenwoche "Berlin's New Drag" erkunden wir, was und wer die Underground-Drag-Szene in der deutschen Hauptstadt so besonders macht. Alle Artikel findest du hier. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Drag-Performances gehören in Zeiten von kontroversen und populistischen Denkweisen vielleicht für alle zu den ersten Adressen, die einen politischen Muntermacher suchen, doch angesichts von Trumps Macho-Gehabe und seiner Versuche, die Grenzen der menschlichen Vielfalt zu kontrollieren, bieten Drag Kings eine Portion Humor und einen allumfassenden gegenkulturellen Standpunkt. In vielerlei Hinsicht ist die Frage nach der Identität zum aktuellen Thema für jeden von uns geworden.

King Culture bedeutet nicht einfach nur, dass Frauen sich als Männer verkleiden.

"Es gibt da draußen ein weites Spektrum von Geschlechtern und zu diesem Spektrum gehören auch Performer, die Drag-Künstler sind", sagt Benjamin Butch – mein Tour-Guide durch die wachsende Kunstlandschaft der King-Performance. "Es gibt viele unterschiedliche Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder, die auf der Bühne performt werden. Performances wie die unseren können die Zuschauer herausfordern und sie dazu bringen, ihre Ansichten zu überdenken und die gängigen Vorstellungen von der Geschlechterbinarität abzulegen, die unsere Denkweise über Identität schon so lange bestimmen."


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King Culture bedeutet nicht einfach nur, dass Frauen sich als Männer verkleiden. 1999 hat Del LaGrace Volcano über das Talent der Gestik und das Timing eines Performers gesagt, dass sie imstande sind "die Macho-Kultur zu schwächen" und dass sie "wirksamer sind, als das Gemeckere von Kulturhistorikern es je sein wird".

Manche Leute sind so felsenfest davon überzeugt, die Wahrheit zu kennen, dabei gibt es keine Wahrheit, es gibt nur unterschiedliche Perspektiven.

Im Jahr 2017 ziehen King-Shows in den Hauptstädten rund um die Welt immer mehr Zuschauer und Performer an. "Eine King-Show wird jede eurer Erwartungen auf den Kopf stellen", sagt Ben. "Wir treten auf, um einen Standpunkt einzuführen, von dem aus man neue Perspektiven erkunden kann. Manche Leute sind so felsenfest davon überzeugt, die Wahrheit zu kennen, dabei gibt es keine Wahrheit, es gibt nur unterschiedliche Perspektiven. Es liegt in der Hand jedes einzelnen, Gender anders wahrzunehmen." Das hat in diesem Fall nichts mit der Sexualität zu tun, also "geht nicht davon aus, dass wir queer sind, nur weil einige von uns vielleicht genderqueer sind. Drag Kings sind so viel interessanter und komplexer als das". Und das sind scheinbar auch die queer-freundlichen Zuschauer, die die King Culture als eine willkommene, lustige und sexy Partynacht ansehen, in der Erzählungen über Identität mit Slapstick, ernster Politik und humorvollen Elementen verschmelzen.


"Als ich damit begonnen habe, auf der Bühne Männlichkeit darzustellen, habe ich auch damit begonnen, feministische Literatur zu lesen. Das hat mich manchmal rasend vor Wut gemacht, weil ich so sauer war, dass ich in meiner Kindheit und Jugend nichts über Gender und Sexualpolitik gelernt hatte (in meinem Leben hat es keine feministische Person gegeben). Selbst das Wort Misogynie war mir kein Begriff. Jetzt spreche ich mit meiner Mutter über diese Themen und ich glaube, dass sie langsam von mir lernt", erklärt Ben.

@benjaminbutch

Die King Culture versucht mit etlichen Möglichkeiten, unsere Voreingenommenheiten zu untersuchen. "Die Fähigkeit, den Leuten zu zeigen, was ich ihnen zeigen will und die Tatsache, dass ich die Leute zum Lachen bringen kann, ihre Stimmung heben kann und sie dazu bringen kann, ihre Sorgen für eine Weile zu vergessen, ist eine großartige Sache", sagt Ben. "Wenn ich auftrete, sagen mir viele Männer, dass ihnen meine Show gefällt. Auch Frauen gratulieren mir, manche von ihnen berühren oder streicheln mein Gesicht oder umarmen mich länger als notwendig. Vielleicht verwechseln sie meine Bühnenfigur mit meinem privaten Ich. Und vielleicht performen auch sie unbewusst Genderrollen und haben das Gefühl, mein männliches Ego streicheln zu müssen."


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Bei einer Kings-Performance dabei zu sein, hat gleichzeitig etwas Alltägliches und Magisches. Das Make-up und die Vorbereitung erleichtern eine Transformation und der Körper des Künstlers ist damit seine Leinwand — der Perfomer zieht sich aus, klebt sich die Brüste ab und bemalt sich den Oberkörper mit Muskeln. Körper- und Gesichtsbehaarung werden ebenfalls aufgemalt. Manche Kings tragen ein sogenanntes Suspensorium, um eine Beule in der Hose zu haben, aber Ben reicht auch ein Paar Socken. "Sobald ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich total stark. Es macht mir nichts aus, mein Shirt auszuziehen. Ich zeige jetzt als Drag King mehr Haut, als ich es als Tänzerin getan habe, und dennoch fühle ich mich nicht annähernd so entblößt wie damals. Bei manchen Veranstaltungen darf man ohne abgebundenen Brüsten performen, bei anderen aber nicht, weil es verboten ist, Nacktheit zu zeigen. Drag Queens hingegen dürfen ihren Oberkörper jederzeit entblößen."

Die Politik nicht-binärer Körper lässt einen aufregenden neuen Dialog entstehen, der auf den Bühnen ausgetragen wird.

Dass Geschlechterpolitik selbst in den fortschrittlichsten Räumen eine Rolle spielt, ist keine Überraschung. Gender-Konflikte sind leider überall die Realität. Es gibt viele Beispiele von weiblichen Cisgender-Queens, die als unecht, 'faux', oder 'biologisch weiblich' abgetan werden. Oft hört man auch, dass Kings weniger authentisch seien als Queens. Die Klischees in der Mainstream-Gesellschaft sind also auch hier vorhanden. Und trotzdem oder genau deshalb machen spielen für Kings die Geschlechtsorgane einer Person keine Rolle. Die Politik nicht-binärer Körper lässt einen aufregenden neuen Dialog entstehen, der auf den Bühnen ausgetragen wird. "Es ist gut möglich, dass meine Familie zunächst gedacht hat, ich stecke in einer Identitätskrise und wolle mein Geschlecht verändern. Aber als ihnen klar wurde, dass es nichts weiter als eine Performance ist, sind sie dann auch zu meinen Auftritten vorbeigekommen. Meine Mutter unterstützt mich jetzt voll und ganz und will immer alle Videos sehen."

@BenjaminButch

Höchste Zeit, dass wir es alle mal versuchen und uns eine Drag King-Performance anschauen. Veranstaltungen gibt es genug, und das sicher auch in deiner Nähe. "Jede Performance wird dir neue Ideen geben. Du machst das für dich selbst, du musst nicht jedem im Raum gefallen. Wenn du dich auf der Bühne wohl fühlst", sagt Ben, "ist das alles, was zählt." Sich als Zuschauer gut zu fühlen, ist auch wichtig. Sich darüber Gedanken zu machen, wer wir eigentlich sind, ist für unsere Entwicklung unabdingbar; queer oder nicht, Identitäten sind keine festgeschriebene Sache, sondern etwas, das wir ständig neu entdecken können.